Man kann über Wahlkampf vieles sagen. Aber selten wird so konzentriert über das gesprochen, worauf Demokratie im Alltag tatsächlich steht: ein Dach über dem Kopf, Zugang zu Gesundheit, Schutz vor Armut, reale Teilhabe. Mit der Podiumsdiskussion zum Abschluss unserer Reihe „Wem gehört die Stadt?“ haben wir gemeinsam mit dem Runden Tisch Offenburg/Ortenau der Landesarmutskonferenz Baden-Württemberg genau diesen Fokus gesetzt. Nicht Wirtschaftsförderung, nicht Standortmarketing, nicht abstrakte Sicherheitspolitik – sondern die soziale Grundlage unserer Gesellschaft.
Auf dem Podium diskutierten Maren Seifert (Landtagskandidatin der Grünen), Richard Groß (Landtagskandidat der SPD), Felix Ockenfuss (CDU) sowie René van der Winkel (Ersatzkandidat der Linken). Moderiert wurde der Abend von Fridolin Koch vom Institut für angewandte Sozialwissenschaften Stuttgart. Und schnell wurde klar: Die Probleme sind erkannt. Aber reichen die Antworten?
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ToggleArmut ist kein Randthema
Der Abend begann mit einer nüchternen Diagnose: Armut wächst. In Europa, in Baden-Württemberg – und auch vor unserer Haustür. Doch es ging nicht nur um Zahlen. Es ging um Würde. Um Menschen, die aus gesellschaftlichen Räumen herausfallen. Um Einsamkeit. Um das Gefühl, politisch nicht mehr gemeint zu sein. Eine Auswertung von Wahlergebnissen in Offenburg zeigte Zusammenhänge zwischen sozialer Benachteiligung, niedriger Wahlbeteiligung und politischer Radikalisierung. Wer dauerhaft ausgeschlossen ist, verliert Vertrauen. Und wenn Vertrauen schwindet, gerät Demokratie unter Druck.
Hier lag eine der stärksten Linien des Abends: Armut ist kein individuelles Versagen. Sie ist politisch.

Wohnen: Der Nerv der Debatte
Kaum ein Thema bewegte das Publikum so sehr wie die Wohnungsfrage. Aus der Praxis der Wohnungslosenhilfe wurde berichtet: steigende Mieten, schwindende Sozialbindungen, wachsende kommunale Unterbringung. Bundesweit ist Wohnungslosigkeit auf Rekordniveau. Auch in Offenburg leben zahlreiche Menschen in prekären Verhältnissen. Die Kandidierenden betonten parteiübergreifend die hohe Priorität des Themas. Diskutiert wurden landeseigene Wohnungsbaugesellschaften, stärkere Förderung sozialen Wohnraums, Maßnahmen gegen Leerstand und Spekulation sowie Unterstützung der Kommunen.
Und dennoch blieb eine Spannung spürbar: Wie verbindlich sind diese Vorhaben? Wie klar werden Prioritäten gesetzt, wenn Haushaltsverhandlungen beginnen?
Wohnen wurde an diesem Abend nicht als Marktfrage diskutiert, sondern als Fundament sozialer Stabilität. Ohne sichere Wohnverhältnisse bricht vieles andere weg – Bildungschancen, Gesundheit, gesellschaftliche Integration.
Gesundheit ist strukturell
In der dritten Runde wurde deutlich: Gesundheit entsteht nicht im Wartezimmer. Armut, prekäre Wohnverhältnisse, unsichere Beschäftigung, fehlende Bildung – all das beeinflusst die Lebenserwartung. Vertreter aus der Praxis berichteten von Versorgungslücken bei Menschen ohne Krankenversicherung oder festen Wohnsitz. Kliniken bleiben auf Kosten sitzen, Sozialämter stoßen an Grenzen. Mehrfach fiel der Begriff „Health in all Policies“ – die Idee, gesundheitliche Folgen in allen politischen Entscheidungen mitzudenken. Ein Ansatz, der einfach klingt, aber konsequentes Umdenken verlangt. Prävention wurde parteiübergreifend betont. Doch auch hier bleibt die Frage: Wird Prävention finanziell priorisiert – oder bleibt sie Sonntagsrhetorik?

Demokratie braucht Beteiligung – besonders von unten
Ein besonders wichtiger Impuls kam aus der Perspektive von Minderheiten. Vertreterinnen machten deutlich, wie strukturelle Diskriminierung bei Wohnungssuche oder Behördenkontakten reale Teilhabe verhindert. Die Frage stand im Raum: Reicht es, Beteiligung formal zu ermöglichen? Oder müssen Betroffene systematisch in politische Entscheidungsprozesse eingebunden werden? Baden-Württemberg gilt als Land mit gewachsener Beteiligungskultur. Doch Beteiligung darf nicht nur stattfinden, wenn sie konfliktfrei bleibt. Sie muss auch dort greifen, wo soziale Ungleichheit politische Machtverhältnisse verschiebt.
Einigkeit in der Analyse – Unterschiede in der Konsequenz
Was bleibt von diesem Abend? Es gab bemerkenswerte Schnittmengen in der Problembeschreibung. Niemand stellte infrage, dass Armut bekämpft, Wohnen gesichert und Gesundheit gestärkt werden muss. Die Unterschiede lagen weniger im „Ob“, sondern im „Wie stark“ und „Wie verbindlich“.
Wie viel Markt?
Wie viel Staat?
Wie viel Geld?
Und vor allem: Welche Priorität?
Warum dieser Abend wichtig war
Wir erleben derzeit einen Wahlkampf, in dem soziale Fragen oft hinter anderen Schlagworten verschwinden. Dabei entscheidet sich genau hier, ob Demokratie trägt. Wer nicht weiß, wie er die Miete bezahlen soll, diskutiert nicht über abstrakte Zukunftsvisionen. Wer keinen Zugang zu medizinischer Versorgung hat, fühlt sich vom System nicht gemeint. Wer strukturell ausgeschlossen wird, verliert Vertrauen.
Demokratie lebt von Beteiligung – aber sie braucht soziale Sicherheit als Fundament. Das war der Kern dieses Abends. Und genau deshalb war es wichtig, ihn zu führen.
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