Im aktuellen Offenblatt beantwortet die Stadtverwaltung auf mehreren Seiten „häufig gestellte Fragen“ zum Bürgerentscheid über den Flugplatz. Auf den ersten Blick wirkt das sachlich. Fragen und Antworten. Transparenz. Service. Wer genauer liest, merkt jedoch: Es handelt sich nicht um eine ergebnisoffene Information, sondern um eine geschlossene Argumentation zugunsten des Gewerbegebiets. Das allein wäre noch kein Skandal. Aber es wirft Fragen auf – zur Vollständigkeit, zur Verbindlichkeit und zum Umgang mit Alternativen.

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ToggleZwei Bilder. Eine Fläche.
Im Amtsblatt wird der Bürgerentscheid mit einer „Momentaufnahme vom Sonderlandeplatz mit Tower im Hintergrund“ bebildert. Zu sehen ist eine Rand-Ecke: Asphalt, Gebäude, Zaun, Technik. So wirkt das Areal wie eine bereits gewerblich geprägte Restfläche.
Wer das Gelände kennt, weiß: Der überwiegende Teil besteht aus artenreicher Magerwiese – ein offener Landschaftsraum mit hoher ökologischer Qualität. Warum wird nicht diese Perspektive gezeigt? (siehe Bild: Dies zeigt dieselben Gebäude aus einer anderen Perspektive)
Bilder sind nie neutral. Sie setzen den Rahmen, bevor ein Wort gelesen wird.
Zeigt man den Rand, wirkt Entwicklung wie logische Fortsetzung.
Zeigt man die Wiese, wird klar, was auf dem Spiel steht.
Es geht hier nicht nur um Hektar. Es geht darum, welches Bild wir von dieser Fläche – und von unserer Stadt – in unseren Köpfen tragen.
1. „Es gibt keine Flächen“ – wirklich?
Im Amtsblatt wird der Eindruck erweckt, der Flugplatz sei die einzige realistische Option. Nicht erwähnt wird:
- Im interkommunalen Zweckverband stehen weiterhin Flächen zur Verfügung.
- In Nachbarstädten gibt es große, bereits erschlossene Areale mit Leerständen.
- Innerhalb Offenburgs wurden nicht alle bestehenden Gewerbegebiete systematisch auf Nachverdichtungspotenziale untersucht.
- Aktuell kommen zusätzliche Flächen auf den Markt – etwa durch Insolvenzen oder Umstrukturierungen (z. B. Klass-Metall).
Gleichzeitig verzeichnet Offenburg seit Jahren Rekordsummen bei der Gewerbesteuer.
Die Frage ist also nicht nur: Gibt es Fläche?
Sondern: Welches Entwicklungsmodell verfolgen wir eigentlich?
2. Mehr Gewerbe = mehr Wohlstand?
Das Amtsblatt argumentiert mit Arbeitsplätzen und Steuereinnahmen. Was fehlt, ist die andere Seite der Medaille:
- Täglich pendeln rund 30.000 Menschen nach Offenburg ein.
- Mehr Gewerbe bedeutet mehr Verkehr, mehr Lärm, mehr Emissionen.
- Infrastruktur, Straßenbau und Folgekosten steigen ebenfalls.
Wirtschaftliche Entwicklung ist wichtig. Aber Wachstum um jeden Preis ist keine Strategie – es ist ein Reflex.
3. Logistik, Lärm, Gebäudehöhen – was ist verbindlich?
Im Text heißt es, Logistikunternehmen seien „nicht vorgesehen“. Lärmemissionen würden begrenzt. Gebäudehöhen lägen „im üblichen Rahmen“.
Das sind politische Absichtserklärungen.Was feh lt, sind verbindliche Festsetzungen in einer Satzung oder im Bebauungsplan. Solange diese nicht existieren, bleiben Zusagen flexibel. Wer heute verspricht, kann morgen anders entscheiden.
4. Klimawirkungen: Verkürzte Darstellung
Im Amtsblatt heißt es, es seien „keine relevanten negativen klimatischen Effekte zu erwarten“.Das Guta chten formuliert differenzierter:
Die Auswirkungen seien gering – unter bestimmten Voraussetzungen. Und nur, wenn die geplanten Begrünungsmaßnahmen konsequent umgesetzt werden.
Gerade bei Begrünung wissen wir aus anderen Projekten: Zwischen Planung und Realität klafft oft eine Lücke.
5. Das „südliche Drittel“
Es wird kommuniziert, ein Drittel des Geländes bleibe unbebaut. Tatsächlich handelt es sich eher um ein Viertel. Die artenreichen Magerwiesen (FFH-Lebensraumtyp 6510) sind auch in dem Bereich, der überplant werden soll. Auch hier entsteht durch Formulierung ein anderes Bild als durch Flächenanteile.
6. Sicherheit, Feuerwehr, Hagelabwehr
Die Darstellung erweckt den Eindruck, der Flugplatz sei verzichtbar.
- Die Polizei nutzt ihn aktuell für Betankungen.
- Die Feuerwehr führt dort Atemschutzübungen mit realen Brandlagen durch – inklusive starker Rauchentwicklung.
- Die Hagelabwehr ist zeitkritisch; ein Start von kommerziellen Flughäfen wäre organisatorisch deutlich komplizierter.
Man kann all das verlagern. Aber es ist nicht so trivial, wie es im Amtsblatt klingt.
7. Kompromisslösungen? Fehlanzeige.
Es existieren Vorschläge, den Flugplatz teilweise zu erhalten und dennoch Gewerbe zu ermöglichen. Diese Varianten werden im Amtsblatt nicht dargestellt. Statt Abwägung gibt es Alternativlosigkeit.
8. Vertrauen ist ein empfindliches Gut
Vielleicht ist das der eigentliche Punkt. Wenn man ein Thema intensiv durchdringt, merkt man, wo verkürzt, gerahmt oder optimistisch formuliert wird. Und dann stellt sich eine größere Frage: Wenn wir hier Lücken erkennen – wie vollständig ist die Kommunikation bei anderen komplexen Vorhaben?
Demokratie lebt von Vertrauen.
Vertrauen entsteht durch Transparenz.
Transparenz heißt: Alternativen benennen, Unsicherheiten offenlegen, Bedingungen klar formulieren.
Ein Amtsblatt darf informieren. Es sollte nicht den Eindruck erwecken, es führe Wahlkampf.
Am 8. März entscheiden die Bürgerinnen und Bürger. Nicht nur über eine Fläche. Sondern auch darüber, welches Entwicklungsmodell Offenburg verfolgen will.
Je näher der Abstimmungstermin rückt, desto wichtiger wäre eine sachliche, vollständige Information. Denn der Bürgerentscheid ist kein Verwaltungsakt – er ist ein demokratisches Votum. Sollte eine Mehrheit gegen das Gewerbegebiet stimmen, ist das keine Entscheidung „gegen das allgemeine Interesse“, sondern Ausdruck dessen, was die Bürgerschaft unter Gemeinwohl versteht. Genau deshalb muss die Kommunikation der Stadt besonders transparent und ausgewogen sein. Nicht werben. Nicht rahmen. Sondern informieren.
Denn Demokratie bedeutet nicht, Zustimmung zu organisieren. Sondern Entscheidung zu ermöglichen.
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