Vier Männer sitzen auf einer Bühne, einer steht an einem Podium und spricht. Der Redner gestikuliert mit offenen Händen, während die sitzenden Männer zuhören. Ein Laptop und ein Stuhl mit der Aufschrift 4 sind zu sehen. Die Zuhörer im Vordergrund schauen zu.

Ein voller Saal, viel Applaus – und ein deutliches Signal – Bürgerversammlung Flugplatz Hilboltsweier

Die Informations- und Diskussionsveranstaltung zum Bürgerentscheid in Hilbotsweier über die Zukunft des Offenburger Flugplatzes war gut besucht. Der Saal war voll, die Aufmerksamkeit hoch, die Wortmeldungen engagiert. Schon früh zeichnete sich ab: Die Grundstimmung des Abends war eher für den Erhalt des Flugplatzes als für dessen Umwandlung in ein Gewerbegebiet. Doch noch aufschlussreicher als einzelne Wortbeiträge war, woher der stärkste Applaus kam – und wofür.

Der Moment, der den Saal erreichte

Den deutlichsten Zuspruch erhielt der Beitrag von Thomas Rothkegel, Vertreter des Bürgervereins bzw. der Einwohnergemeinschaft. Nicht, weil er besonders laut war. Nicht, weil er emotionalisierte. Sondern weil er einen Nerv traf, den viele im Raum offenbar schon länger gespürt hatten.

Rothkegel sprach nicht über Flugzeuge, nicht über Klimamodelle, nicht über Wirtschaftszahlen. Er sprach über etwas Grundsätzlicheres:
über den Weg zur Entscheidung. Und genau das machte seine Rede so wirkungsvoll.

Kein Angriff – sondern eine demokratische Einordnung

Rothkegel stellte klar, dass er die wirtschaftlichen Argumente der Stadt zur Kenntnis nimmt. Er bestritt nicht, dass Gewerbeflächen ein Thema sind. Aber er lenkte den Blick auf das Verfahren selbst – und benannte drei Punkte, die vielen im Saal aus dem Herzen sprachen:

Erstens: der Zeitdruck.
„Zeitdruck klingt objektiv – ist es aber nicht. Zeitdruck wird gemacht.“
Der enge Fahrplan zum Bürgerentscheid wirke nicht wie eine sachliche Notwendigkeit, sondern wie ein Instrument, das Debatten verkürzt und Alternativen ausblendet.

Zweitens: ungleiche Ausgangsbedingungen.
Die Stadt tritt mit professionellem Apparat auf – Verwaltung, Gutachten, Öffentlichkeitsarbeit.
Die kritische Zivilgesellschaft arbeitet ehrenamtlich, abends, am Wochenende.
Das sei kein moralischer Vorwurf, so Rothkegel – aber ein struktureller Unterschied, der sich auf die Fairness des Prozesses auswirkt.

Drittens: fehlende Alternativen.
Zur Abstimmung steht faktisch nur „Alles oder nichts“.
Vorschläge aus der Zivilgesellschaft – etwa eine teilweise Entwicklung bei Erhalt des Flugplatzes – wurden nicht ernsthaft geprüft und stehen nicht zur Wahl.
Demokratie aber, so Rothkegel, lebe davon, zwischen mehreren Wegen wählen zu können, nicht nur zwischen Ja oder Nein zu einer einzigen vorgegebenen Lösung.

Diese Argumentation war ruhig, bildhaft, nachvollziehbar. Sie griff niemanden persönlich an – und genau deshalb wirkte sie.

Der Applaus als Stimmungsbarometer

Der Applaus für Rothkegels Rede war deutlich, anhaltend und kam aus unterschiedlichen Teilen des Saals. Er war kein reflexhafter Beifall für eine bekannte Position, sondern Ausdruck von Zustimmung zu einem Gefühl, das viele offenbar teilten:

Hier soll etwas entschieden werden, das zu groß ist, um es unter Zeitdruck und ohne echte Wahlmöglichkeiten zu behandeln.

Das ist ein wichtiger Befund. Denn er zeigt:
Der Konflikt verläuft nicht nur zwischen „Flugplatz“ und „Gewerbegebiet“.
Er verläuft auch zwischen formaler Beteiligung und gefühlter Fairness.

Eine Grundstimmung, die ernst genommen werden sollte

Dass an diesem Abend viele Stimmen für den Erhalt des Flugplatzes zu hören waren, ist kein Zufall. Der Flugplatz wird von vielen nicht nur als Infrastruktur wahrgenommen, sondern als Teil des Stadt- und Landschaftsraums, als Freiraum, als gewachsenes Element Offenburgs.

Aber selbst Menschen, die wirtschaftliche Argumente nachvollziehen können, signalisierten mit ihrem Applaus:
So, wie dieser Entscheid vorbereitet ist, fühlt er sich nicht richtig an.

Das ist kein Votum gegen Entwicklung.
Es ist ein Votum für Sorgfalt, Zeit und echte Alternativen.

Was dieser Abend gezeigt hat

Der Abend hat deutlich gemacht:

  • Die Stadtgesellschaft ist emotional und normativ noch nicht dort, wo die formale Entscheidung bereits angekommen ist.
  • Information allein reicht nicht aus, wenn zentrale Fragen offen bleiben.
  • Ein Bürgerentscheid gewinnt seine Legitimität nicht nur durch Regeln, sondern durch das Gefühl, ernsthaft mitentscheiden zu können.

Oder, um es mit Rothkegels Schlussgedanken zu sagen:
Es geht nicht um ein grundsätzliches Nein.
Es geht um ein „Jetzt noch nicht – und nicht so.“

Diese Botschaft hat den Saal erreicht. Und sie sollte auch darüber hinaus gehört werden.

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