198 Methoden des gewaltlosen Widerstands von Gene Sharp

Die Liste der 198 Methoden des gewaltlosen Widerstands wurde vom US-amerikanischen Politikwissenschaftler Gene Sharp erstellt. Sie dient als systematische Übersicht über unterschiedliche Strategien und Taktiken, die Menschen nutzen können, um gesellschaftliche, politische und wirtschaftliche Veränderungen zu erreichen, ohne Gewalt anzuwenden.

Inhalt

Ursprung der Liste

Die Liste ist Teil von Gene Sharps bahnbrechendem Werk “The Politics of Nonviolent Action” (1973). Sharp untersuchte historische Beispiele für gewaltlosen Widerstand und katalogisierte die Methoden, die dabei erfolgreich eingesetzt wurden. Die Idee hinter der Liste ist es, Protestierenden und Aktivist*innen ein breites Spektrum an Handlungsoptionen zu bieten.

Ziel und Bedeutung

Die Liste hat das Ziel, Menschen bewusst zu machen, dass es viele Alternativen zum gewaltsamen Widerstand gibt, um ihre Ziele zu verfolgen. Sie zeigt, dass gewaltloser Widerstand nicht passiv oder schwach ist, sondern eine strategische und mächtige Methode, um Veränderungen herbeizuführen. Sie dient als Werkzeugkasten für alle, die in Situationen sozialer, wirtschaftlicher oder politischer Unterdrückung handeln möchten.

Kategorien

Die Liste ist in mehrere Hauptkategorien unterteilt, die die verschiedenen Ebenen und Formen des gewaltlosen Widerstands abdecken:

  1. Protest und Überzeugung: Aktionen, die Aufmerksamkeit erregen oder Botschaften vermitteln (z. B. Demonstrationen, Gebete, Kunstaktionen).
  2. Soziale Nichtkooperation: Maßnahmen, die soziale Strukturen durch Nichtteilnahme stören (z. B. Boykotte, Verweigerung sozialer Bräuche).
  3. Wirtschaftliche Nichtkooperation: Streiks, Boykotte oder andere wirtschaftliche Aktionen, die ökonomischen Druck erzeugen.
  4. Politische Nichtkooperation: Verweigerung der Zusammenarbeit mit Regierungen und Behörden, um deren Handlungsfähigkeit einzuschränken.
  5. Gewaltfreie Intervention: Direkte Eingriffe in bestehende Systeme, wie Besetzungen oder das Errichten alternativer Strukturen.

Anwendung

Die Liste wurde weltweit in verschiedensten Kontexten eingesetzt, darunter:

  • Bürgerrechtsbewegungen: In den USA während der 1960er Jahre.
  • Unabhängigkeitsbewegungen: Wie in Indien unter Mahatma Gandhi.
  • Demokratiebewegungen: Zum Beispiel die Samtene Revolution in der Tschechoslowakei.
  • Umwelt- und Klimabewegungen: Durch Aktionen wie ziviler Ungehorsam und Protestmärsche.

Praktische Relevanz

Die Vielfalt der Methoden zeigt, dass jeder Kontext spezifische Ansätze erfordert. Einige Methoden erfordern individuelle Initiative, andere kollektives Handeln. Die Liste dient als Inspiration und Orientierungshilfe, um maßgeschneiderte Strategien für gewaltlose Kampagnen zu entwickeln.

Methoden des gewaltlosen Protests und der Überzeugung

Formale Erklärungen

  1. Öffentliche Reden
  2. Briefe der Ablehnung oder Unterstützung
  3. Erklärungen von Organisationen und Institutionen
  4. Unterzeichnete öffentliche Erklärungen
  5. Erklärungen von Anklagen und Absichten
  6. Gruppen- oder Massenpetitionen

Kommunikation mit einem breiteren Publikum

  1. Slogans, Karikaturen und Symbole
  2. Banner, Plakate und sichtbare Mitteilungen
  3. Flugblätter, Broschüren und Bücher
  4. Zeitungen und Zeitschriften
  5. Schallplatten, Radio und Fernsehen
  6. Schriftzüge am Himmel und auf der Erde

Gruppenrepräsentationen

  1. Delegationen
  2. Scheinpreise
  3. Gruppen-Lobbyarbeit
  4. Streikposten
  5. Scheinwahlen

Symbolische öffentliche Aktionen

  1. Zeigen von Flaggen und symbolischen Farben
  2. Tragen von Symbolen
  3. Gebete und Gottesdienste
  4. Übergabe symbolischer Gegenstände
  5. Protest durch Entkleidung
  6. Zerstörung eigenen Eigentums
  7. Symbolische Lichter
  8. Darstellung von Porträts
  9. Protest mit Farben
  10. Neue Zeichen und Namen
  11. Symbolische Geräusche
  12. Symbolische Rückforderungen
  13. Unhöfliche Gesten

Druck auf Einzelpersonen

  1. “Verfolgen” von Amtsträgern
  2. Verspottung von Amtsträgern
  3. Brüderliche Kontakte
  4. Mahnwachen

Drama und Musik

  1. Humorvolle Sketche und Streiche
  2. Aufführungen von Theaterstücken und Musik
  3. Singen

Prozessionen

  1. Märsche
  2. Paraden
  3. Religiöse Prozessionen
  4. Wallfahrten
  5. Fahrzeug-Korsos

Ehrung der Verstorbenen

  1. Politische Trauer
  2. Scheinbegräbnisse
  3. Demonstrative Begräbnisse
  4. Huldigung an Begräbnisstätten

Öffentliche Versammlungen

  1. Versammlungen des Protests oder der Unterstützung
  2. Protesttreffen
  3. Verdeckte Protesttreffen
  4. Teach-ins

Rückzug und Verzicht

  1. Demonstratives Verlassen
  2. Schweigen
  3. Verzicht auf Ehrungen
  4. Sich abwenden

Methoden der sozialen Nichtkooperation

Ächtung von Personen

  1. Sozialer Boykott
  2. Selektiver sozialer Boykott
  3. Sexuelle Nichtzusammenarbeit (Lysistratische Aktion)
  4. Exkommunikation
  5. Kirchenbann

Nichtkooperation mit gesellschaftlichen Ereignissen, Bräuchen und Institutionen

  1. Aussetzung von sozialen und sportlichen Aktivitäten
  2. Boykott gesellschaftlicher Anlässe
  3. Schülerstreik
  4. Gesellschaftlicher Ungehorsam
  5. Rückzug aus sozialen Institutionen

Rückzug aus dem sozialen System

  1. Zuhause bleiben
  2. Totale persönliche Nichtkooperation
  3. “Flucht” von Arbeitskräften
  4. Zuflucht suchen
  5. Kollektives Verschwinden
  6. Protestauswanderung (Hijrat)

Methoden der wirtschaftlichen Nichtkooperation: Wirtschaftliche Boykotte

Maßnahmen der Verbraucher

  1. Verbraucherboykott
  2. Nichtkonsum boykottierter Waren
  3. Politik der Sparsamkeit
  4. Einbehaltung von Mieten
  5. Verweigerung von Vermietungen
  6. Nationaler Verbraucherboykott
  7. Internationaler Verbraucherboykott

Maßnahmen von Arbeitern und Produzenten

  1. Arbeiterboykott
  2. Produzentenboykott

Maßnahmen der Mittelmänner

  1. Boykott durch Lieferanten und Zwischenhändler

Maßnahmen der Eigentümer und Manager

  1. Händlerboykott
  2. Verweigerung von Miet- oder Verkaufsangeboten
  3. Aussperrung
  4. Verweigerung industrieller Unterstützung
  5. “Generalstreik” der Händler

Maßnahmen der Finanzmittelinhaber

  1. Abzug von Bankeinlagen
  2. Verweigerung von Gebühren, Beiträgen und Abgaben
  3. Verweigerung von Schuldenzahlungen oder Zinsen
  4. Abbruch von Finanzierungen und Krediten
  5. Verweigerung von Einnahmen
  6. Verweigerung der Nutzung von Regierungswährung

Maßnahmen von Regierungen

  1. Binnenhandelsembargo
  2. Schwarze Listen für Händler
  3. Exportembargo
  4. Importembargo
  5. Internationales Handelsembargo

Methoden der wirtschaftlichen Nichtkooperation: Der Streik

Symbolische Streiks

  1. Proteststreik
  2. Blitzstreik

Landwirtschaftliche Streiks

  1. Bauernstreik
  2. Streik der Landarbeiter

Streiks durch spezielle Gruppen

  1. Verweigerung erzwungener Arbeit
  2. Gefangenenstreik
  3. Facharbeiterstreik
  4. Streik von Berufsgruppen

Normale Industrie-Streiks

  1. Betriebsstreik
  2. Branchenstreik
  3. Solidaritätsstreik

Eingeschränkte Streiks

  1. Detailstreik
  2. “Bumper”-Streik
  3. Verzögerungsstreik
  4. Arbeitsregelstreik
  5. “Krankmelden”-Streik (Sick-in)
  6. Rücktrittsstreik
  7. Begrenzter Streik
  8. Selektiver Streik

Branchenübergreifende Streiks

  1. Generalisierter Streik
  2. Generalstreik

Kombinationen aus Streiks und wirtschaftlichen Schließungen

  1. Hartal
  2. Wirtschaftlicher Stillstand

Methoden der politischen Nichtkooperation

Ablehnung von Autorität

  1. Zurückhaltung oder Entzug der Loyalität
  2. Verweigerung öffentlicher Unterstützung
  3. Literatur und Reden, die Widerstand fördern

Bürgerliche Nichtkooperation mit der Regierung

  1. Boykott von gesetzgebenden Körperschaften
  2. Wahlboykott
  3. Boykott von Regierungsstellen und -positionen
  4. Boykott von Regierungsabteilungen und anderen Einrichtungen
  5. Rückzug aus staatlichen Bildungseinrichtungen
  6. Boykott von regierungsunterstützten Organisationen
  7. Verweigerung der Unterstützung von Vollstreckungsbeamten
  8. Entfernung eigener Schilder und Markierungen
  9. Verweigerung der Akzeptanz ernannter Beamter
  10. Verweigerung der Auflösung bestehender Institutionen

Bürgerliche Alternativen zum Gehorsam

  1. Zögerliches und langsames Befolgen
  2. Ungehorsam in Abwesenheit direkter Überwachung
  3. Populärer Ungehorsam
  4. Verdeckter Ungehorsam
  5. Weigerung einer Versammlung, sich aufzulösen
  6. Sit-in
  7. Nichtkooperation bei Wehrpflicht und Deportation
  8. Verstecken, Flucht und falsche Identitäten
  9. Ziviler Ungehorsam gegen “illegitime” Gesetze

Maßnahmen durch Regierungsangestellte

  1. Selektive Verweigerung von Unterstützung durch Regierungsassistenten
  2. Blockierung von Befehlsketten und Informationen
  3. Verzögerung und Behinderung
  4. Allgemeine administrative Nichtkooperation
  5. Justizielle Nichtkooperation
  6. Bewusste Ineffizienz und selektive Nichtkooperation von Vollzugsbeamten
  7. Meuterei

Innerstaatliche Regierungsmaßnahmen

  1. Quasi-legale Ausweichmanöver und Verzögerungen
  2. Nichtkooperation durch untergeordnete Regierungseinheiten

Internationale Regierungsmaßnahmen

  1. Änderungen in diplomatischen und anderen Repräsentationen
  2. Verzögerung und Absage diplomatischer Ereignisse
  3. Verweigerung diplomatischer Anerkennung
  4. Abbruch diplomatischer Beziehungen
  5. Rückzug aus internationalen Organisationen
  6. Verweigerung der Mitgliedschaft in internationalen Körperschaften
  7. Ausschluss aus internationalen Organisationen

Methoden der gewaltlosen Intervention

Psychologische Intervention

  1. Selbstaufopferung gegenüber den Elementen
  2. Fasten
  • a. Fasten als moralischer Druck
  • b. Hungerstreik
  • c. Satyagraha-Fasten
  1. Umkehrprozess
  2. Gewaltfreie Belästigung

Physische Intervention

  1. Sit-in
  2. Stand-in
  3. Ride-in
  4. Wade-in
  5. Mill-in
  6. Pray-in
  7. Gewaltfreie Überfälle
  8. Gewaltfreie Luftangriffe
  9. Gewaltfreie Invasion
  10. Gewaltfreie Unterbrechung
  11. Gewaltfreie Blockade
  12. Gewaltfreie Besetzung

Soziale Intervention

  1. Etablierung neuer sozialer Muster
  2. Überlastung von Einrichtungen
  3. Stall-in
  4. Speak-in
  5. Guerilla-Theater
  6. Alternative soziale Institutionen
  7. Alternatives Kommunikationssystem

Wirtschaftliche Intervention

  1. Umgekehrter Streik
  2. Verbleib im Betrieb während eines Streiks
  3. Gewaltfreie Landbesetzung
  4. Durchbrechen von Blockaden
  5. Politisch motiviertes Fälschen
  6. Präventive Käufe
  7. Beschlagnahmung von Vermögenswerten
  8. Marktüberschwemmung (Dumping)
  9. Selektive Patronage
  10. Alternative Märkte
  11. Alternative Transportsysteme
  12. Alternative wirtschaftliche Institutionen

Politische Intervention

  1. Überlastung administrativer Systeme
  2. Aufdeckung von Identitäten geheimer Agenten
  3. Suche nach Verhaftung
  4. Ziviler Ungehorsam gegen “neutrale” Gesetze
  5. Arbeit ohne Zusammenarbeit
  6. Doppelte Souveränität und parallele Regierung
Facebook
Twitter
LinkedIn

Schreibe einen Kommentar


Der Zeitraum für die reCAPTCHA-Überprüfung ist abgelaufen. Bitte laden Sie die Seite neu.