Herbst in Offenburg. Die Straßen färben sich golden, die Luft ist feucht und mild, und die großen Platanen, Linden, Eichen und Ahorne bereiten sich auf die Winterruhe vor. Für viele von uns ist das eine der schönsten Jahreszeiten. Für manche aber wird sie zur Belastungsprobe.
Heute hatte ich ein Telefonat, das mich ehrlich bewegt hat.
Eine Bekannte rief an, weil sie sich Sorgen macht: In einem Wohngebiet stehen mehrere stattliche Platanen auf einem Eckgrundstück. Alt, majestätisch, gesund. Und sie verlieren – wie jedes Jahr – unglaublich viel Laub. Die Eigentümerin des Grundstücks ist eine ältere Frau, die körperlich längst nicht mehr in der Lage ist, diese Mengen zu bewältigen. Sie ist überfordert, frustriert – und offenbar so verzweifelt, dass sie laut darüber nachgedacht haben soll, die Bäume „loszuwerden“.
In ihrer Angst sieht meine Bekannte nun sogar das Risiko, dass jemand zu radikaleren Mitteln greift.
Und während ich diese Geschichte höre, merke ich:
Die eigentliche Tragödie ist nicht das Laub.
Die Tragödie ist, dass wir vergessen, welchen Schatz wir da stehen haben.
Ja, Laub macht Arbeit.
Aber Platanen machen auch Schatten.
Sie machen kühlere Straßen im Sommer – gerade für ältere Menschen überlebenswichtig.
Sie filtern Schadstoffe, sie speichern Wasser, sie binden CO₂, sie schenken uns ein Stück Lebensqualität, das unbezahlbar ist.
Und genau die Menschen, die am stärksten davon profitieren, sind oft diejenigen, die die Lasten nicht mehr selbst tragen können.
Das Problem hier ist nicht der Baum.
Das Problem ist, dass wir als Stadtgesellschaft die Verantwortung falsch verteilen und die Betroffenen damit allein lassen.
Dass die Verwaltung auf Meldungen dieser Art nicht reagiert oder erst viel zu spät – das ist kein individuelles Versagen, sondern ein strukturelles.
Wir dürfen ältere Menschen nicht in Situationen bringen, in denen sie sich von der Natur bedroht fühlen.
Gerade deshalb braucht es jetzt etwas anderes als Vorwürfe:
Es braucht eine städtische Strategie für Laubmanagement an Großbäumen.
Es braucht Unterstützungssysteme, bevor Hilflosigkeit in Ablehnung kippt.
Es braucht Respekt vor dem Lebewesen Baum – und Respekt vor den Menschen, die mit ihm leben müssen.
Und es braucht Gruppen wie unsere Baumretter, die zuhören, vermitteln, Lösungen suchen – und die nicht zulassen, dass aus Überforderung Gift wird.
Herbstlaub ist vergänglich.
Die Folgen falsch verstandener Wut manchmal nicht.
Inhalt
ToggleDie Chancen in dieser Situation – und warum sie größer sind als das Problem
So belastend der Moment auch wirkt: In dieser Geschichte steckt enormes Potenzial.
Wenn wir sie richtig nutzen, entsteht daraus sogar ein Gewinn für die ganze Stadt.
1. Chance: Eine ältere Frau wird nicht allein gelassen
Die Betroffene erfährt Unterstützung – durch Nachbarn, durch Initiativen, vielleicht durch die Stadt selbst.
Das ist nicht nur Hilfe bei Laub, sondern ein Stück Würde, Entlastung und soziale Wärme.
So beginnt Nachbarschaft.
2. Chance: Die Stadt erkennt ihren blinden Fleck
Dieser Fall zeigt exemplarisch, was viele ältere Menschen erleben:
Bäume schützen sie – aber das Laub überfordert sie.
Genau hier könnte Offenburg ein Pilotprojekt starten:
- Laub-Service im Herbst
- Laubcontainer für Problemstellen
- Unterstützung für ältere oder körperlich eingeschränkte Menschen
- eine Art „Herbstpflegeplan“ für Großbäume
Das wäre ein Meilenstein für eine altersfreundliche Stadt.
3. Chance: Ein neuer Dialog zwischen Bürger:innen und Verwaltung
Statt Beschwerden oder Frust entsteht ein Gespräch darüber, wie wir Stadt gemeinsam gestalten wollen.
Das Thema Laub wirkt klein – aber es berührt Klima, Gesundheit, Pflege, Teilhabe und Gerechtigkeit.
4. Chance: Die Wertschätzung großer Stadtbäume wächst
Plötzlich wird sichtbar, wie wertvoll die Platanen wirklich sind.
Nicht abstrakt, sondern ganz konkret: Schatten, Kühlung, Feinstaubfilter, Lärmschutz, Lebensqualität.
Die Krise öffnet die Augen – oft auch bei denen, die vorher nur die Last sahen.
5. Chance: Die Baumretter werden sichtbar als Lösung, nicht als Gegner
Hier zeigt ihr, was euch ausmacht:
Ihr seid nicht die, die „gegen alles“ sind, sondern die, die vermitteln, helfen, Lösungen bauen, Stadt gemeinsam denken.
6. Chance: Ein Modellfall, der Mut macht
Wenn es gelingt, diese Situation zu entschärfen, könnt ihr sie öffentlich machen – als Beispiel dafür,
- dass Überforderung nicht in Zerstörung enden muss
- dass Hilfe funktioniert
- dass große Bäume bleiben können, wenn wir als Gemeinschaft handeln.
Das gibt Kraft.
Für die Betroffene.
Für euch.
Und für alle, die bei Konflikten rund um Bäume innerlich schon aufgeben.
Unser Schreiben an die Stadtverwaltung auf Suche nach Lösungen
Betreff: Unterstützung beim Laubmanagement an Großbäumen – akute Überlastung einer älteren Anwohnerin
Sehr geehrte Damen und Herren,
ich wende mich mit der Bitte um Unterstützung an Sie, da es bei einer älteren Anwohnerin im Bereich der Hölderlin Straße aktuell zu einer erheblichen Überlastung durch Laub von mehreren großen Platanen käme. Die Bäume stehen an ihrem Eckgrundstück und beschatten den Gehweg sowie Teile der Straße. Sie sind gesund und ökologisch wertvoll, verursachen im Herbst aber sehr große Mengen an Laub.
Die Eigentümerin sei aufgrund ihres Alters und gesundheitlicher Einschränkungen nicht mehr in der Lage, das anfallende Laub selbst zu bewältigen oder regelmäßig zur Deponie zu fahren. Sie habe sich bereits an die Grünflächenabteilung gewandt, jedoch bisher keine praktikable Unterstützung oder Lösung erhalten. In ihrer Überforderung äußert sie inzwischen sogar Sorgen oder Gedanken, die auf eine Verzweiflungssituation hindeuten.
Da das Laub insbesondere auf dem angrenzenden Gehweg eine deutliche Rutschgefahr für Fußgängerinnen und Fußgänger darstellt, bitte ich Sie um eine zeitnahe Rückmeldung, wie hier die Verkehrssicherheit gewährleistet und die Anwohnerin entlastet werden kann.
Konkret bitte ich um Prüfung folgender Möglichkeiten:
- Bereitstellung eines saisonalen Laubcontainers oder einer vergleichbaren Sammelmöglichkeit direkt vor Ort
- Unterstützung durch den städtischen Bauhof an neuralgischen Tagen (z. B. nach Sturmereignissen)
- temporäre Übernahme der Reinigungspflicht, sofern aufgrund des Gesundheitszustands der Eigentümerin eine Erfüllung nicht mehr möglich ist
- Vermittlung bzw. Hinweis auf städtische Programme oder Hilfsangebote für ältere und eingeschränkte Menschen
- Prüfung, ob im Umfeld des Grundstücks – wie in anderen Stadtteilen bereits praktiziert – eine regelmäßige Laubaufnahme durch die Stadt möglich ist
Mir ist bewusst, dass die Reinigungspflicht grundsätzlich bei der Grundstückseigentümerin liegt. Dennoch möchte ich darauf hinweisen, dass wir es hier mit einem Fall sozialer Überforderung zu tun haben, bei dem eine pragmatische, schnelle und menschliche Lösung notwendig wäre – auch, um Schäden an den Bäumen zu verhindern, die aus Improvisation oder Verzweiflung entstehen könnten.
Ich wäre Ihnen für eine zeitnahe Rückmeldung sehr dankbar und stehe für Rückfragen gerne zur Verfügung. Ziel ist es, gemeinsam eine Lösung zu finden, die sowohl die Anwohnerin entlastet als auch die wertvollen Platanen erhält.
Mit freundlichen Grüßen
Presse
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