Ein Abend, der nicht beruhigen wollte. Der Saal im Gemeindehaus der Stadtkirche war gut gefüllt. Rund 50 Menschen waren an diesem Abend gekommen, um über Gaza zu sprechen – ein Thema, das niemanden unberührt lässt und viele überfordert. Schon zu Beginn war klar: Das wird kein Abend, an dem man sich zurücklehnen kann. Die Stimmung war gespannt, aufmerksam, teilweise gereizt, aber getragen von dem ernsthaften Willen, zuzuhören.
In unserer Veranstaltungsreihe der Konferenz für Urban Transformation Design geht es häufig um Klima, Verkehr, Stadtentwicklung. An diesem Abend ging es um Menschenrechte. Und doch wurde schnell deutlich: Das ist kein Bruch, sondern eine Fortsetzung. Denn wer über Klima, Demokratie und soziale Gerechtigkeit spricht, kann Menschenrechte nicht ausklammern – weder global noch lokal.
Moderiert wurde der Abend von Jasmin und Zaid. Hadas und Mota berichteten aus ihren Biografien und Erfahrungen. Ergänzt wurde die Veranstaltung durch einen Infostand von Amnesty International. Schon in der Anmoderation wurde eine wichtige Erwartung geklärt: Dieser Abend wollte nicht trösten, nicht versöhnen und keine einfache Hoffnung produzieren. Er wollte aushalten lassen.
Inhalt
ToggleUngleiche Realitäten – greifbar gemacht
Besonders eindrücklich war eine einfache, aber wirkungsvolle Gedankenübung:
Angenommen, wir wollten morgen spontan Familie in der Region besuchen – wer käme wie an?
Die Antworten machten sichtbar, was abstrakte Begriffe wie „Besatzung“, „Bewegungsfreiheit“ oder „Status“ oft verdecken: Während manche Menschen problemlos über Tel Aviv einreisen und sich frei bewegen könnten, berichteten andere von Anträgen bei Militärbehörden, von willkürlichen Entscheidungen an Grenzen, von stundenlangen Kontrollen, Checkpoints und der permanenten Unsicherheit, ob eine Reise überhaupt möglich ist. Selbst deutsche Staatsangehörigkeit schützt in bestimmten familiären Konstellationen nicht vor diesen Einschränkungen.
Diese Ungleichheit ist kein Randphänomen, sondern Alltag – und sie war im Raum plötzlich konkret, nachvollziehbar, nicht mehr wegzudiskutieren.

Kein symmetrischer Konflikt – kein neutraler Raum
Im Laufe des Abends wurde immer wieder betont: Die Situation ist nicht symmetrisch. Wer das Leid aufrechnet oder ausbalanciert, verfehlt den Kern. Es geht nicht um „zwei gleich starke Seiten“, sondern um Machtverhältnisse, um strukturelle Ungleichheit, um die Frage, wessen Leben geschützt wird – und wessen nicht.
Ein Satz blieb besonders hängen:
Menschenrechte sind entweder universell – oder sie verlieren ihren Sinn.
Diese Aussage zog sich wie ein roter Faden durch den Abend. Mehrfach wurde darauf verwiesen, dass Entmenschlichung nie lokal begrenzt bleibt. Wer akzeptiert, dass bestimmte Gruppen weniger zählen, normalisiert eine politische und gesellschaftliche Logik, die früher oder später zurückschlägt – in Sprache, in Gesetzen, in medialen Bildern, im Alltag.
Der Konflikt im Raum: Wunsch nach Klarheit – und die Weigerung, sie zu liefern
Im Publikum wurde dieser Abend nicht nur aufgenommen, sondern auch gespiegelt. Es gab Wortmeldungen, die nach einer klaren „Botschaft“ fragten: Was sollen wir mitnehmen? Was ist die zentrale Aussage? Was sollen wir tun?
Die Antwort darauf war bewusst unbequem. Sinngemäß hieß es:
Es gibt keinen wohlformulierten Satz aus einem sicheren Ort heraus. Es gibt keinen runden Abschluss. Was hier geteilt wird, kommt aus Ohnmacht, Wut, Erschöpfung und Angst – nicht aus strategischer Kommunikation. Wer jetzt eine saubere Botschaft erwartet, verkennt die Lage.
Gerade in diesem Moment war die Spannung im Raum greifbar. Manche wirkten ratlos, andere irritiert, einige sichtlich bewegt. Und doch brach die Diskussion nicht ab. Im Gegenteil: Der Abend hielt diese Reibung aus. Vielleicht war genau das sein stärkster Moment.
Was trotzdem benannt wurde
Trotz aller Weigerung, einfache Lösungen zu liefern, wurden konkrete Ansatzpunkte genannt – nicht als Garantie, sondern als Möglichkeiten:
- Reden, auch außerhalb der eigenen Blase: im Kollegium, im Verein, in der Nachbarschaft.
- Öffentlichkeit herstellen: Leserbriefe, Mails an Abgeordnete, Beiträge, die Widerspruch sichtbar machen.
- Unterstützen, etwa durch Spenden oder menschenrechtliche Organisationen.
- Konsum reflektieren: wirtschaftliche Verflechtungen sind politisch – bewusste Entscheidungen sind ein Hebel, wenn auch kein Allheilmittel.
- Protest zeigen, wo möglich, und Räume schaffen, in denen Widerspruch nicht delegitimiert wird.
Dabei wurde auch deutlich gesagt: Viele fühlen sich ratlos. Aber Ratlosigkeit ist nicht Gleichgültigkeit. Entscheidend ist, ob sie in Rückzug mündet – oder in Handlung.

Warum dieser Abend in Offenburg wichtig war
Der Abend machte klar, dass es hier nicht nur um Gaza geht. Es geht um die Frage, wie wir als Gesellschaft mit Leid, Ungleichheit und Macht umgehen. Es geht darum, ob Demokratie auf Teilhabe und Menschenwürde gründet – oder ob sie sich daran gewöhnt, bestimmte Leben auszublenden.
Diese Fragen stellen sich nicht nur „dort“, sondern auch hier:
Wenn Armut verdrängt wird, wenn Geflüchtete pauschal abgewertet werden, wenn Protest delegitimiert wird, wenn Menschen nur noch nach Nützlichkeit bewertet werden – dann sind das dieselben Mechanismen. Nur in anderem Gewand.
Vielleicht ist das die ehrlichste Quintessenz dieses Abends:
Nicht Hoffnung als Beruhigung, sondern Wachheit als Zumutung.
Ausblick
Die Veranstaltungsreihe wird fortgesetzt. Am 23. Februar 2026 um 19 Uhr findet im Gemeindehaus der Stadtkirche eine Podiumsdiskussion mit Landtagskandidat:innen bzw. Ersatzkandidat:innen statt. Im Fokus stehen Fragen von Armut, sozialer Teilhabe, Klima und Demokratie – Themen, die an diesem Abend bereits spürbar miteinander verknüpft waren.
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