Menschen zeigen beim ParkingDay, dass die Stadt auch anders genutzt werden kann

Wenn Selbstwirksamkeit verloren geht – und wie wir sie in Offenburg zurückgewinnen können

Eines der größten Probleme unserer Zeit ist kaum sichtbar, aber allgegenwärtig: Immer mehr Menschen haben das Gefühl, dass ihr eigenes Handeln nichts mehr bewirkt. Dieses Gefühl, das man in der Psychologie Selbstwirksamkeit nennt, ist die Grundlage für jedes Engagement – ob im Privaten, im Beruf oder in der Politik. Wer nicht glaubt, etwas verändern zu können, wird passiv. Und Passivität ist der Nährboden für Resignation und Stillstand.

Warum so viele Menschen sich ohnmächtig fühlen

Schauen wir zunächst auf die allgemeinen Gründe:

  1. Die Welt wirkt übermächtig
    Klimakrise, Kriege, soziale Spaltung, Digitalisierung – die großen Probleme sind so komplex, dass man schnell denkt: „Da kann ich als Einzelner ohnehin nichts ausrichten.“
  2. Entscheidungen fallen oft intransparent
    In Politik, Verwaltung oder Unternehmen erleben Menschen, dass Prozesse undurchsichtig sind und Beteiligung häufig nur symbolisch wirkt. Man darf zwar mitreden, aber nicht wirklich mitentscheiden.
  3. Ökonomischer Druck lähmt
    Wer ständig ums Auskommen kämpft oder in einem anstrengenden Job steckt, hat wenig Energie, um sich noch in Gesellschaft oder Stadtpolitik einzubringen.
  4. Psychologische Spirale der Ohnmacht
    Wenn man wiederholt erlebt, dass Engagement ins Leere läuft, stellt sich ein Gefühl der „erlernten Hilflosigkeit“ ein. Hinzu kommt die Dauerkrise in den Medien, die selten Geschichten von gelingendem Wandel erzählt.
  5. Individualisierung schwächt das Wir-Gefühl
    Unsere Gesellschaft vermittelt oft: „Schau, dass du selbst klarkommst.“ Damit schwindet die Erfahrung, dass gemeinsames Handeln tatsächlich Kräfte entfaltet.

Die Folge: Viele Menschen ziehen sich ins Private zurück, resignieren oder entwickeln eine Art Zynismus gegenüber Politik und Institutionen. Andere flüchten in den Wunsch nach „starken Führern“, die vermeintlich für Ordnung sorgen sollen.

Was das konkret für Offenburg bedeutet

Auch in Offenburg beobachten wir diese Entwicklung – und sie zeigt sich in vielen Facetten des städtischen Lebens:

  • Politische Beteiligung: Offiziell gibt es Bürgerbeteiligungsprozesse, aber viele Bürger:innen haben den Eindruck, dass Ergebnisse vorher feststehen. Ob es um den Umbau von Straßen, den Erhalt von Bäumen oder neue Bauprojekte geht – das Gefühl, dass das eigene Engagement wirklich etwas verändert, ist oft schwach.
  • Kommunale Entscheidungen: Projekte wie der Masterplan Verkehr, die Landesgartenschau oder große Bauvorhaben werden von Fachbüros geplant und in Ausschüssen beschlossen. Wer hier als Bürger:in mitgestalten will, stößt schnell auf Mauern.
  • Soziale Ungleichheit: Offenburg wächst, aber nicht alle profitieren davon. Wer sich finanziell abgehängt fühlt, erlebt den Stadtrat oder die Verwaltung nicht als Partner, sondern als entferntes Gremium.
  • Vereine und Initiativen: Auch im Ehrenamt gibt es den Druck: Wenige stemmen viel, viele bleiben außen vor. Das schwächt das Gefühl, dass kollektives Handeln eine breite Kraft entfalten könnte.
  • Alltägliche Stadtgestaltung: Ein klassisches Beispiel ist der Umgang mit öffentlichem Raum. Viele erleben, dass Autos Vorrang haben – selbst wenn es um Spielplätze, Fuß- und Radwege oder die Klimaanpassung geht. Wer hier Veränderungen anregt, bekommt oft die Rückmeldung: „Das geht nicht“ oder „Das dauert Jahre.“

Warum wir in Offenburg neue Selbstwirksamkeit brauchen

Gerade eine Stadt wie Offenburg lebt davon, dass Menschen aktiv werden, mitgestalten und ihre Ideen einbringen. Wenn das Gefühl der Selbstwirksamkeit weiter erodiert, dann verlieren wir nicht nur Engagement, sondern auch Vertrauen in die Demokratie.

Die gute Nachricht: Selbstwirksamkeit lässt sich wieder aufbauen – aber nur durch echte Erfahrungen, nicht durch schöne Worte.

  • Wenn eine Kita für ein Straßenfest die Straße sperrt und die Kinder plötzlich mitten auf der Fahrbahn spielen können, spüren Eltern und Kinder: „Unser Einsatz macht die Stadt lebendig.“
  • Wenn Bürgerinitiativen wie beim Thema Bäume oder Verkehr wirklich Einfluss auf Gemeinderatsentscheidungen haben, dann merken Menschen: „Wir können den Kurs verändern.“
  • Wenn kleine Projekte – von Urban Gardening bis Parking Day – sichtbar machen, wie Stadt auch anders funktioniert, dann entsteht ein Funke, der andere ansteckt.

Ein Appell an Politik und Stadtgesellschaft

Wir brauchen in Offenburg eine Kultur, die Selbstwirksamkeit ernst nimmt:

  • Politik muss Beteiligung real machen: Beteiligung darf nicht nur Anhörung sein, sondern muss verbindlich in Entscheidungen einfließen.
  • Verwaltung muss Mut zur Offenheit zeigen: Anstatt Gründe zu suchen, warum etwas nicht geht, sollten Wege gesucht werden, wie es möglich wird.
  • Bürger:innen müssen sich zusammentun: Denn Selbstwirksamkeit wächst am stärksten im Kollektiv – wenn man nicht allein gegen Mauern rennt, sondern gemeinsam neue Räume öffnet.

Fazit:

Das Gefühl von Ohnmacht ist kein Naturgesetz. Selbstwirksamkeit ist erlernbar – und sie entsteht dort, wo Menschen erleben, dass ihre Stimme zählt, ihre Aktion etwas bewirkt und ihre Ideen Realität werden. Offenburg kann genau ein solcher Ort sein – wenn wir den Mut haben, Macht zu teilen und Räume für echtes Mitgestalten zu öffnen.

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Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. wowo

    Moin moin,
    sehr schön das Ihr auf Papier bringt was inzwischen überall Standard ist !
    Ja, die Menschen sind offenbar oft deprimiert, dazu muss man lediglich in die Gesichter schauen, sagt ein Hobby Psychologe.

    Und wie immer ist die Politik schuld Oder auch ? (die gelbe Gefahr hat dazu oft und laut betont – Jeder sei für sich verantwortlich, denn der Staat ist nicht dein Erziehnungsberechtigter.
    Noch Fragen ?

    LG

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