Am 8. März 2026 haben die Bürgerinnen und Bürger von Offenburg über eine zentrale Frage der Stadtentwicklung entschieden: Soll der Offenburger Flugplatz in Zukunft zu einem Gewerbe- und Industriegebiet entwickelt werden – oder soll diese Fläche erhalten bleiben?
Anders als viele andere Abstimmungen dieser Art ging dieser Bürgerentscheid nicht von einem Bürgerbegehren aus, sondern vom Gemeinderat selbst. Verwaltung und politische Mehrheit wollten damit eine seit Jahren strittige Frage klären: Braucht Offenburg zusätzliche Gewerbeflächen – und ist der Flugplatz dafür der richtige Ort?
Aus Sicht der Stadt sollte der Bürgerentscheid vor allem eines leisten: eine endgültige Entscheidung herbeiführen, damit die Diskussion über die Zukunft der Fläche abgeschlossen werden kann. Verwaltung und große Teile des Gemeinderats warben deshalb aktiv für die Entwicklung eines Gewerbegebiets.
Doch parallel hatte sich in der Stadtgesellschaft längst eine breite Debatte entwickelt. Bürgerinnen und Bürger, Umweltverbände, Einwohnervereine, die Fliegergruppe und viele engagierte Einzelpersonen stellten die Planungen infrage. Sie verwiesen auf andere Aspekte der Fläche:
- die artenreichen Magerwiesen und ihre ökologische Bedeutung
- die Funktion als Freiraum und Frischluftschneise für die Stadt
- die Bedeutung für Sport, Freizeit und Jugendarbeit
- die grundsätzliche Frage, wie eine wachsende Stadt mit ihren knappen Flächen umgehen sollte
So wurde aus einer zunächst verwaltungspolitischen Entscheidung eine städtische Grundsatzdebatte über Zukunft, Natur, Wirtschaft und Lebensqualität.
Am Ende entschied die Stadtgesellschaft selbst:
Eine deutliche Mehrheit der Wählerinnen und Wähler sprach sich gegen die Umwandlung des Flugplatzes in ein Gewerbegebiet aus.
Dieses Ergebnis kam für viele überraschend – auch für manche im Bündnis, das sich für den Erhalt eingesetzt hatte. Denn Bürgerentscheide gelten als schwer zu gewinnen, wenn Verwaltung und politische Mehrheit eine andere Position vertreten.
Gerade deshalb lohnt sich ein genauer Blick auf diesen Prozess. Welche Faktoren haben dazu beigetragen, dass sich so viele Menschen informiert, engagiert und schließlich eine eigene Entscheidung getroffen haben?
Aus den Erfahrungen dieses Prozesses ist das folgende Manifest entstanden.
Inhalt
ToggleWie Bürger Bürgerentscheide gewinnen – Ein 10-Punkte-Manifest aus Offenburg
Der Bürgerentscheid zum Offenburger Flugplatz hat gezeigt: Auch wenn Verwaltung, große Teile des Gemeinderats und etablierte Kommunikationskanäle auf einer Seite stehen – eine engagierte Stadtgesellschaft kann dennoch gewinnen.
Nicht durch Lautstärke.
Sondern durch Glaubwürdigkeit, Beharrlichkeit und kluge Bündnisse.
Die folgenden zehn Punkte beschreiben, was aus unserer Sicht entscheidend war.
1. Ein echtes Thema – kein abstraktes Projekt
Menschen mobilisieren sich nicht für Planungsbegriffe.
Sie mobilisieren sich für Orte.
Der Offenburger Flugplatz ist für viele Bürgerinnen und Bürger ein realer Raum:
- Landschaft
- Magerwiesen mit hoher Biodiversität
- Freizeit und Sport
- Frischluftschneise für die Stadt
Der Bürgerentscheid wurde deshalb nicht über ein „Gewerbegebiet“ geführt – sondern über die Frage:
Was ist uns dieser Ort wert?
2. Sachargumente schlagen Marketing
Die Verwaltung setzte stark auf Narrative wie:
- Arbeitsplätze
- wirtschaftliche Entwicklung
- Zukunftsstandort
Das Bündnis stellte dagegen konkrete Fragen:
- Gibt es wirklich Flächenmangel?
- Welche Alternativen wurden geprüft?
- Wie verbindlich sind ökologische Versprechen?
- Welche Funktionen erfüllt die Fläche heute?
Sachargumente haben eine besondere Kraft:
Sie lassen sich prüfen.
3. Breite Bündnisse statt Einzelinitiative
Der Erfolg beruhte auf einer ungewöhnlich breiten Allianz:
- Fliegergruppe
- Umweltverbände wie BUND und NABU
- Einwohnervereine
- engagierte Bürgerinnen und Bürger
- Initiativen der Stadtgesellschaft
Diese Mischung machte deutlich:
Hier kämpft keine Randgruppe – hier spricht die Stadtgesellschaft selbst.
4. Präsenz im öffentlichen Raum
Der Diskurs fand nicht nur online statt.
Er fand statt:
- bei Veranstaltungen
- auf der Straße
- bei Gesprächen
- bei Aktionen wie dem Tag der offenen Landebahn
- in direkten Begegnungen mit Bürgerinnen und Bürgern
Demokratie entsteht dort, wo Menschen sich begegnen.
5. Zuhören ist stärker als Belehren
Ein entscheidender Baustein war die Straßenumfrage.
Sie hatte mehrere Funktionen:
- Meinungen hören
- Unentschlossene erkennen
- Argumente prüfen
- Menschen ernst nehmen
Statt nur Botschaften zu senden, wurde ein Dialog geführt.
Das verändert die Atmosphäre einer Kampagne grundlegend.
6. Vertrauen schlägt Macht
Verwaltung und Politik verfügen über institutionelle Autorität.
Bürgerinitiativen verfügen über etwas anderes:
Vertrauen.
Viele Menschen im Bündnis sind seit Jahren in Offenburg engagiert – in Vereinen, Initiativen und Nachbarschaften.
Das schafft Glaubwürdigkeit.
7. Vielfalt statt ideologischer Enge
Der Flugplatz wurde aus unterschiedlichen Perspektiven verteidigt:
- Naturschutz
- Sport und Fliegerei
- Stadtklima
- Lebensqualität
- nachhaltige Stadtentwicklung
Diese Vielfalt machte es schwer, das Anliegen in eine politische Schublade zu stecken.
8. Die Deutungshoheit zurückholen
Politische Kommunikation versucht oft, die Begriffe zu setzen:
„ökologisches Gewerbegebiet“
„zukunftsfähige Entwicklung“
Der Bürgerentscheid zeigte, dass Begriffe hinterfragt werden können.
Die zentrale Frage wurde neu formuliert:
Braucht eine wachsende Stadt wirklich immer mehr Fläche – oder mehr kluge Nutzung?
9. Geduld ist eine demokratische Tugend
Der Bürgerentscheid war kein spontaner Protest.
Die Diskussion über den Flugplatz wurde über Jahre geführt.
Viele Menschen hatten sich längst eine Meinung gebildet.
Der Abstimmungstag war letztlich nur der Moment, an dem diese Meinungen sichtbar wurden.
10. Am Ende entscheidet die Stadtgesellschaft
Der vielleicht wichtigste Punkt:
Bürgerentscheide erinnern daran, wem eine Stadt gehört.
Nicht der Verwaltung.
Nicht dem Gemeinderat.
Nicht einzelnen Interessengruppen.
Sondern den Menschen, die in ihr leben.
Der Offenburger Bürgerentscheid hat gezeigt:
Wenn Bürgerinnen und Bürger sich informieren, miteinander sprechen und Verantwortung übernehmen, dann können sie auch gegen große institutionelle Kräfte eine Entscheidung herbeiführen.
Das ist keine Schwäche der Demokratie.
Es ist ihre größte Stärke.
Demokratie ist keine Zuschauerveranstaltung
Der Bürgerentscheid zum Offenburger Flugplatz hat mehr gezeigt als nur eine Entscheidung über eine einzelne Fläche. Er hat gezeigt, dass Demokratie auf kommunaler Ebene dann besonders stark wird, wenn Menschen sich einmischen.
Viele Bürgerinnen und Bürger haben in den vergangenen Monaten Fragen gestellt, Informationen gesucht, miteinander diskutiert und Verantwortung übernommen. Auf Straßen, bei Veranstaltungen, an Infoständen und in unzähligen Gesprächen entstand ein Prozess, der weit über eine einfache Abstimmung hinausging.
Genau darin liegt die eigentliche Stärke solcher Entscheidungen:
Eine Stadt beginnt über sich selbst nachzudenken.
Der Bürgerentscheid war deshalb nicht das Ende einer Debatte, sondern ihr Höhepunkt. Er hat sichtbar gemacht, dass Stadtentwicklung nicht nur in Sitzungssälen entsteht, sondern auch auf Plätzen, in Vereinen, Nachbarschaften und Initiativen.
Für uns bleibt aus diesem Prozess eine wichtige Erfahrung:
Eine engagierte Stadtgesellschaft kann viel bewegen – auch dann, wenn Verwaltung und politische Mehrheiten zunächst einen anderen Weg einschlagen wollen.
Und vielleicht ist genau das die wichtigste Erkenntnis aus Offenburg:
Demokratie funktioniert am besten, wenn Bürgerinnen und Bürger sie nicht nur delegieren, sondern selbst gestalten.
Ein kompakter Infokasten hilft tatsächlich sehr – gerade für Leser, die den lokalen Hintergrund nicht kennen. So könnte er aussehen:
Bürgerentscheid Offenburger Flugplatz
Datum der Abstimmung:
8. März 2026
Fragestellung:
Soll der Offenburger Flugplatz zu einem Gewerbe- und Industriegebiet entwickelt werden?
Initiator des Bürgerentscheids:
Gemeinderat der Stadt Offenburg
Position der Stadtverwaltung und der politischen Mehrheit:
Entwicklung eines Gewerbegebiets auf der Fläche
Position eines breiten Bündnisses aus Zivilgesellschaft, Umweltverbänden und Fliegergruppe:
Erhalt des Flugplatzes und der offenen Landschaft
Ergebnis:
Rund 57 % der Wählerinnen und Wähler stimmten gegen die Entwicklung eines Gewerbegebiets und damit für den Erhalt des Flugplatzes. Die Wahlbeteiligung lag bei rund 60 %.
Bedeutung:
Mit diesem Ergebnis ist die Absicht von Stadtverwaltung und einer Mehrheit des Gemeinderat zur Entwicklung eines Gewerbegebiets aufgehoben. Die Fläche bleibt vorerst als Flugplatz und Freiraum erhalten.
![]()


