Die Menschen betrachten einen großen, detaillierten Stadtplan, der auf Kopfsteinpflaster auf einem Stadtplatz ausgebreitet ist, mit einem historischen Gebäude und Marktständen im Hintergrund. Einige stehen, andere hocken, und in der Nähe sind Fahrräder und grüne Banner zu sehen.

Warum bewirbt sich Offenburg nicht um den Fußverkehrspreis Deutschland?

Der Fußverkehr ist die ehrlichste Form von Stadtverkehr. Wer geht, braucht wenig Platz, keinen Motor, keine Parkfläche, keinen Lärmraum. Gehen ist sozial, gesund, klimafreundlich — und zugleich die Grundlage fast jeder Mobilität. Jede Fahrt mit Bus, Bahn, Auto oder Fahrrad beginnt und endet mit einem Stück Weg zu Fuß.

Trotzdem spielt der Fußverkehr in der kommunalen Verkehrspolitik oft nur eine Nebenrolle. Auch in Offenburg wird viel über Verkehr gesprochen: über Autos, Parkplätze, Radwege, Busse, Baustellen, Umleitungen. Aber die einfache Frage wird viel zu selten gestellt: Wie gut kann man sich in dieser Stadt eigentlich zu Fuß bewegen?

FUSS e.V. hat nun die Bewerbungsphase für den 3. Fußverkehrspreis Deutschland eröffnet. Ausgezeichnet werden Projekte und Maßnahmen, die das Gehen attraktiver machen, Straßen und öffentliche Räume sicherer, inklusiver und lebenswerter gestalten und über punktuelle Einzelmaßnahmen hinaus dauerhaft Wirkung entfalten. Bewerben können sich Kommunen; die Frist läuft bis zum 12. Oktober 2026. Besonders interessant: Der Sonderpreis steht diesmal unter dem Motto „Das Klima geht zu Fuß“ und richtet sich an Projekte, die Gehwege und Plätze klimaresilient und klimaangepasst gestalten. (FUSS e.V.)

Das klingt, als müsste Offenburg sich sofort angesprochen fühlen.

Denn die Themen liegen buchstäblich auf der Straße: schmale Gehwege, zugeparkte Wege, fehlende Querungen, gefährliche Schulwege, überhitzte Asphaltflächen, fehlender Schatten, zu wenig Aufenthaltsqualität, Konflikte zwischen Fuß- und Radverkehr, Baustellenführungen, Barrierefreiheit, Kinderwege, Wege älterer Menschen, Wege bei Hitze.

Und doch stellt sich eine unbequeme Frage:

Womit genau könnte sich Offenburg bewerben?

Mit welchem bereits realisierten Projekt könnte die Stadt glaubwürdig zeigen: Hier wurde der Fußverkehr nicht nur mitgedacht, sondern wirklich in den Mittelpunkt gestellt? Wo gibt es in Offenburg ein Quartier, in dem Gehwege großzügiger, sicherer, schattiger, barriereärmer und einladender geworden sind? Wo wurde öffentlicher Raum konsequent von den Menschen her geplant, die ihn zu Fuß nutzen: Kinder, Senior:innen, Menschen mit Rollator, Rollstuhl, Kinderwagen, Sehbehinderung oder einfach Menschen, die sich ohne Auto durch die Stadt bewegen?

Wenn uns darauf nicht sofort eine überzeugende Antwort einfällt, ist das kein Grund, die Idee fallen zu lassen. Im Gegenteil. Dann ist der Fußverkehrspreis ein Spiegel.

Ein Spiegel dafür, dass Offenburg beim Fußverkehr noch nicht dort steht, wo eine klimaangepasste, soziale und lebenswerte Stadt stehen müsste.

Gerade der Sonderpreis „Das Klima geht zu Fuß“ müsste Offenburg wachrütteln. Denn Klimaanpassung entscheidet sich nicht nur in Konzeptpapieren, sondern auf dem Gehweg: Gibt es Schatten? Gibt es Bäume? Gibt es entsiegelte Flächen? Gibt es kühle Wege? Gibt es Plätze, an denen Menschen stehen bleiben können, ohne auf glühendem Asphalt zu braten? Wer im Sommer auf der Sonnenseite einer Straße läuft, spürt sofort, ob Stadtplanung funktioniert — oder ob sie den Menschen im Alltag im Stich lässt.

Die gute Nachricht ist: Offenburg muss nicht bei null anfangen.

Es gibt Bürger:innen, Initiativen und Verbände, die längst an diesen Fragen arbeiten. Es gibt Diskussionen zur Weingartenstraße. Es gibt das Straßen-Baum-Fest als Ort öffentlicher Debatte. Es gibt die Kidical Mass, den ADFC, FUSS e.V. vor Ort, den VCD, Umweltverbände, engagierte Anwohner:innen, Menschen, die Gehwege, Kinderwege, Bäume, Schatten und sichere Querungen nicht als Randthema betrachten, sondern als Grundbedingung einer demokratischen Stadt.

Aber bürgerschaftliches Engagement ersetzt keine kommunale Verantwortung.

Wenn Offenburg sich nicht heute mit einem fertigen Vorzeigeprojekt bewerben kann, dann sollte die Stadt diesen Preis wenigstens zum Anlass nehmen, genau das zu ändern. Nicht irgendwann. Nicht nach der nächsten Fortschreibung. Nicht als Absatz in einem Mobilitätskonzept. Sondern konkret:

Offenburg braucht ein sichtbares Programm für den Fußverkehr.

Ein Programm, das Gehwege nicht als Restfläche behandelt. Ein Programm, das Schulwege sicher macht. Ein Programm, das Schatten und Bäume als Infrastruktur versteht. Ein Programm, das Querungen verbessert, Gehwegparken zurückdrängt, Barrieren abbaut und Plätze schafft, an denen Menschen sich gerne aufhalten. Ein Programm, das nicht nur Verkehr abwickelt, sondern Stadtleben ermöglicht.

Die Bewerbung um den Fußverkehrspreis könnte dafür ein Anfang sein. Vielleicht noch nicht als stolze Erfolgsmeldung. Aber als ehrlicher Arbeitsauftrag:

Was müsste Offenburg bis Oktober 2026 vorweisen können, um sich guten Gewissens zu bewerben?

Diese Frage gehört auf die Tagesordnung des Gemeinderats, in die Verwaltung, in die Stadtteilgespräche und in die öffentliche Debatte.

Denn eine Stadt, die klimafit, sozial gerecht und lebenswert sein will, muss beim Gehen anfangen. Nicht beim Auto. Nicht beim Parkplatz. Nicht bei der Frage, wie der Verkehr möglichst reibungslos durch die Stadt kommt.

Sondern bei der Frage:

Können Kinder, ältere Menschen und alle anderen hier sicher, angenehm und selbstbestimmt zu Fuß unterwegs sein?

Wenn Offenburg darauf keine überzeugende Antwort hat, dann ist es höchste Zeit, eine zu entwickeln.

Der Fußverkehrspreis Deutschland wäre dafür kein Schmuckstück fürs Rathausregal. Er wäre ein Maßstab. Und vielleicht genau der Anstoß, den diese Stadt braucht.

Siehe auch

  • https://www.fuss-ev.de/staedte/fussverkehrspreis/

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