Das Straßen-Baum-Fest 2026 ist vorbei. Zurück bleiben Bilder voller Menschen, Musik, Diskussionen, Kinder auf Fahrrädern, Gespräche zwischen Nachbar:innen, Kritik, Hoffnung – und die Frage: Was hat dieser Tag eigentlich ausgelöst? Im Gespräch blicken Ralph Fröhlich von der Konferenz für Urban Transformation Design und OB-Kandidat Uli Albicker auf das Straßen-Baum-Fest zurück.
Inhalt
ToggleRalph, Uli – wie habt ihr den Tag erlebt?
Ralph:
Ich glaube, viele Menschen haben zum ersten Mal gespürt, dass eine Straße mehr sein kann als eine Verkehrsfläche. Die Weingartenstraße war plötzlich Aufenthaltsort, Begegnungsraum, Bühne, Spielplatz, Diskussionsforum. Das hat eine unglaubliche Energie erzeugt. Mich hat bewegt, wie selbstverständlich Menschen dort geblieben sind. Niemand musste animiert werden. Die Straße hat funktioniert, sobald sie den Menschen zurückgegeben wurde.
Uli:
Mich hat vor allem die Mischung beeindruckt. Da waren Familien mit Kindern, ältere Menschen, Aktivist:innen, Leute aus der Nachbarschaft, Menschen aus der Stadtverwaltung, Radfahrende, Fußgänger:innen, sogar Menschen, die eigentlich skeptisch waren. Und trotzdem entstand kein Chaos. Im Gegenteil: Es entstand Gespräch. Das ist heute nicht selbstverständlich.
Quelle: Uwe Nestlen | All Rights ReservedÜber den Tag verteilt waren wohl rund 1.000 Menschen da. Hattet ihr damit gerechnet?
Ralph:
Nein. Ehrlich gesagt nicht. Natürlich hofft man auf Resonanz. Aber diese Dichte, diese Dauer und diese Offenheit der Menschen haben selbst uns überrascht. Vor allem, weil es eben kein klassisches Bühnenfestival war. Das Zentrum war nicht Konsum oder Unterhaltung. Das Zentrum waren Austausch und Stadt.
Uli:
Und genau deshalb war es so stark. Die Leute kamen nicht nur zum Zuschauen. Sie wollten mitreden. Bei den Pinnwänden, bei den Straßenvarianten, bei den Vorträgen, selbst zwischen Kuchentheke und Fahrradcodierung entstanden politische Gespräche. Das zeigt, wie groß das Bedürfnis nach echter Beteiligung ist.
Quelle: Uwe Nestlen | All Rights ReservedGab es einen Moment, der euch besonders bewegt hat?
Ralph:
Die Kidical Mass. Als hunderte Kinder durch die Straßen gefahren sind und plötzlich sichtbar wurde, wie klein und verletzlich Kinder im normalen Verkehr eigentlich sind. Viele Erwachsene haben dabei begriffen: Verkehrspolitik ist keine technische Debatte. Es geht um Freiheit, Sicherheit und Teilhabe.
Uli:
Für mich waren es die Gespräche am Rand. Menschen, die sagten: „So habe ich die Weingartenstraße noch nie erlebt.“ Oder ältere Anwohner:innen, die erzählten, wie die Straße früher einmal war. Da merkt man plötzlich: Unter dem Asphalt liegen Erinnerungen und Sehnsüchte.
Quelle: Uwe Nestlen | All Rights ReservedIhr habt auch kontroverse Debatten ausgelöst. Hat euch das überrascht?
Ralph:
Nein. Sobald man über Flächen spricht, spricht man über Macht. Wer bekommt Platz? Wer wird verdrängt? Wem gehört die Stadt? Das sind politische Fragen. Und natürlich reagieren manche darauf aggressiv oder abwehrend. Gerade deshalb war dieses Fest wichtig. Es hat sichtbar gemacht, dass viele Menschen Veränderung wollen.
Uli:
Ich glaube, die Schärfe mancher Reaktionen zeigt auch Unsicherheit. Jahrzehntelang wurde Stadt fast ausschließlich aus Sicht des Autoverkehrs gedacht. Wenn plötzlich andere Perspektiven auftauchen – Kinder, Klima, Aufenthalt, Nachbarschaft –, dann geraten alte Gewissheiten ins Wanken.
Quelle: Uwe Nestlen | All Rights ReservedWas habt ihr aus diesem Tag gelernt?
Ralph:
Dass Beteiligung funktioniert, wenn sie konkret wird. Nicht in sterilen Sitzungen mit PowerPoint-Präsentationen, sondern mitten auf der Straße. Mit Maßstabsplänen, Stiften, Diskussionen und echten Begegnungen. Menschen wollen gestalten, wenn man sie ernst nimmt.
Uli:
Und dass Veränderung oft viel schneller vorstellbar wird, sobald man sie erlebt. Man kann hundert Sitzungen über Verkehrsberuhigung machen. Oder man sperrt für einen Tag eine Straße und die Menschen sehen plötzlich selbst, was möglich ist.
Quelle: Uwe Nestlen | All Rights ReservedSpürt ihr seit dem Fest eine Veränderung?
Ralph:
Ja. Absolut. Das Straßen-Baum-Fest hat etwas verschoben. Die Debatte ist nicht mehr abstrakt. Viele Menschen haben jetzt ein eigenes Bild davon, wie sich eine andere Stadt anfühlen könnte. Dieses Bild bekommt man nicht mehr so leicht aus den Köpfen.
Uli:
Ich spüre auch mehr Mut. Viele Menschen merken inzwischen: Sie sind nicht allein mit ihren Vorstellungen. Das verändert die Stimmung. Stadtentwicklung wird plötzlich wieder etwas, worüber Menschen öffentlich sprechen – nicht nur Expert:innen hinter verschlossenen Türen.
Was bleibt vom Straßen-Baum-Fest?
Ralph:
Die Erkenntnis, dass Stadt gestaltbar ist. Und dass Veränderung nicht irgendwo beginnt, sondern direkt vor der eigenen Haustür.
Uli:
Und vielleicht auch die Erkenntnis, dass Demokratie manchmal dort am stärksten ist, wo Menschen gemeinsam auf einer Straße stehen und anfangen, miteinander zu reden.
Quelle: Uwe Nestlen | All Rights ReservedZum Schluss: Wird es ein nächstes Straßen-Baum-Fest geben?
Ralph:
Nach diesem Tag wäre es fast absurd, keines mehr zu machen.
Uli:
Die eigentliche Frage ist eher: Was passiert bis dahin?
Infobox
Über Ralph Fröhlich
Ralph Fröhlich ist Mitinitiator der Konferenz für Urban Transformation Design (KfUTD) und engagiert sich seit Jahren für Themen wie Klimaanpassung, soziale Gerechtigkeit, Verkehrswende und demokratische Beteiligung in Offenburg.
Mit Aktionen wie dem Straßen-Baum-Fest, Zebrastreichen, temporären Straßenexperimenten oder öffentlichen Diskussionsformaten versucht er, Stadtentwicklung sichtbar und erlebbar zu machen. Sein Ansatz verbindet Protest, Kunst, Beteiligung und konkrete Ideen für eine lebenswertere Stadt.
Über Uli Albicker
Uli Albicker ist der Kandidat der Konferenz für Urban Transformation Design (KfUTD) für die kommende Oberbürgermeisterwahl in Offenburg.
Er setzt sich für eine soziale, klimaresiliente und demokratischere Stadtentwicklung ein und steht für eine Politik, die stärker zuhört, Beteiligung ernst nimmt und öffentliche Räume wieder als Orte des Miteinanders versteht.
Beim Straßen-Baum-Fest begleitete er die Diskussionen rund um die Zukunft der Weingartenstraße und brachte sich insbesondere in Gespräche zu Beteiligung, Stadtgestaltung und demokratischer Kultur ein.
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