Einen Kandidaten misst man nicht am Wahlkampf – sondern an seinem Handeln. Julian Christ ist Bürgermeister von Gernsbach. Nun kandidiert er für das Amt des Oberbürgermeisters in Offenburg. Das ist legitim. Wer Verantwortung übernehmen möchte, darf sich bewerben. Wer aus einer anderen Stadt kommt, darf sich vorstellen. Wer Erfahrung mitbringt, darf damit werben.
Aber Erfahrung ist kein leerer Begriff. Erfahrung zeigt sich nicht nur in schönen Sätzen, freundlichen Bildern und wohlklingenden Versprechen. Erfahrung zeigt sich dort, wo jemand bereits Verantwortung trägt. Deshalb sollten wir Julian Christ nicht nur daran messen, was er im Offenburger Wahlkampf sagt. Wir sollten ihn vor allem daran messen, was er in Gernsbach tut.
Und dort steht derzeit das sogenannte „Zukunftspaket 2030“ im Raum. Dieses Paket wird als notwendiger Schritt zur Haushaltskonsolidierung beschrieben. Die Stadt Gernsbach verweist auf eine schwierige Finanzlage, steigende Kosten, Sanierungsstau und den Druck, langfristig handlungsfähig zu bleiben. Das alles ist nicht einfach vom Tisch zu wischen. Kommunale Haushalte stehen vielerorts unter Druck. Wer so tut, als könne man beliebig weiter Geld ausgeben, macht es sich zu leicht. Aber genauso falsch ist es, harte politische Entscheidungen hinter dem Wort „Sachzwang“ zu verstecken.
Denn in Gernsbach geht es nicht um irgendeine abstrakte Haushaltszeile. Es geht um konkrete Orte des öffentlichen Lebens: Freibäder, Hallen, Festplätze, Vereinsleben, Begegnung, Schwimmausbildung, Hitzeschutz und soziale Infrastruktur. Laut Stadt sollen drei Ortsteilbäder ab 2027 nicht mehr als städtische Einrichtungen betrieben, sondern Schwimmbadvereinen zur Übernahme angeboten werden. Das größte Bad soll kommunal erhalten bleiben.
Dabei darf man Gernsbach nicht so betrachten, als handle es sich um eine kompakte Stadt mit vier Bädern nebeneinander. Gernsbach ist keine homogene Kernstadt, sondern eine Stadt mit mehreren Ortsteilen, die sich auf verschiedene Täler verteilen. Genau deshalb haben die Bäder auch eine andere Bedeutung als nur „ein weiteres Freizeitangebot“. Sie sind wohnortnahe Infrastruktur in den Ortsteilen. Für Kinder, Jugendliche, Familien, ältere Menschen und Vereine macht es einen großen Unterschied, ob ein Bad im eigenen Tal erreichbar ist – oder ob man künftig auf das zentrale Bad verwiesen wird.
Wer drei Ortsteilbäder aus der kommunalen Verantwortung herauslöst, trifft deshalb nicht nur eine betriebswirtschaftliche Entscheidung. Er verändert das Verhältnis zwischen Kernstadt und Ortsteilen. Er verschiebt Wege, Lasten und Verantwortung. Und er sendet ein Signal: Was dezentral gewachsen ist, muss sich künftig selbst tragen – oder verschwindet.
Formal kann man sagen: Die Bäder werden nicht einfach geschlossen. Politisch muss man aber klarer sagen: Drei von vier Bädern werden aus der direkten kommunalen Verantwortung herausgelöst. Die Verantwortung wird an Vereine delegiert. Öffentliche Infrastruktur wird zur Aufgabe des Ehrenamts. Das ist ein erheblicher Einschnitt.
Gerade deshalb ist es bemerkenswert, wenn Julian Christ nun in Offenburg an heißen Wahlkampftagen gut gelaunt vor dem Freizeitbad Stegermatt steht und sich darüber freut, dass Offenburg gleich zwei Möglichkeiten zur Abkühlung hat. Natürlich darf man sich über Freibäder freuen. Das sollten wir alle tun. Aber wer sich in Offenburg mit vorhandener Bäder-Infrastruktur zeigt, muss erklären, warum in der eigenen Stadt drei von vier Bädern zur Disposition stehen. Das ist keine unsachliche Frage. Es ist eine notwendige Frage.
Denn Freibäder sind nicht bloß Freizeit. Sie sind Teil kommunaler Daseinsvorsorge. Sie sind Orte, an denen Kinder schwimmen lernen. Sie sind Treffpunkte für Familien, Jugendliche, ältere Menschen und Menschen mit wenig Geld. Sie sind an Hitzetagen öffentliche Kühlräume. Sie sind soziale Infrastruktur, die nicht nach Rendite funktioniert, sondern nach Gemeinwohl.
Wenn solche Orte nur noch als Defizit erscheinen, ist das ein politisches Problem. Natürlich kostet ein Freibad Geld. Eine Schule kostet Geld. Ein Spielplatz kostet Geld. Ein Baum kostet Geld. Ein sicherer Gehweg kostet Geld. Demokratie kostet Geld. Die entscheidende Frage ist nicht, ob öffentliche Infrastruktur Geld kostet. Die entscheidende Frage ist, was uns eine lebenswerte Stadt wert ist.
Julian Christ verteidigt das Gernsbacher Zukunftspaket mit dem Hinweis, dass dadurch andere Aufgaben erhalten bleiben könnten, etwa Schulsozialarbeit. Genau darin liegt aber die gefährliche Logik vieler kommunaler Sparprogramme: Das Soziale wird gegen das Soziale ausgespielt. Freibad gegen Schulsozialarbeit. Halle gegen Feuerwehr. Vereinsleben gegen Kinderbetreuung.
So entsteht der Eindruck, als müsse Stadtgesellschaft selbst entscheiden, welchen Teil ihrer Lebensqualität sie opfert. Dabei müsste die politische Frage viel früher ansetzen: Warum geraten Kommunen überhaupt in eine Lage, in der sie öffentliche Orte abbauen müssen? Warum werden Aufgaben nach unten durchgereicht, ohne dass die Finanzierung dauerhaft gesichert ist? Warum wird Sanierungsstau jahrelang hingenommen, bis am Ende Schließung, Abgabe oder Kürzung als alternativlos erscheinen?
Und vor allem: Welche Haltung hat ein Bürgermeister in solchen Momenten? Genau darum geht es mit Blick auf Offenburg.
Offenburg steht ebenfalls vor großen Herausforderungen. Klimaanpassung, soziale Spaltung, bezahlbares Wohnen, Mobilität, Gewerbeflächen, Ortsteile, Schulentwicklung, Sportstätten, Kultur, Beteiligung und kommunale Finanzen werden die kommenden Jahre prägen. Auch hier wird es Zielkonflikte geben. Auch hier wird irgendwann jemand sagen: „Das können wir uns leider nicht mehr leisten.“ Dann wird entscheidend sein, ob ein Oberbürgermeister öffentliche Infrastruktur als Kostenblock betrachtet – oder als Fundament einer gerechten, lebenswerten Stadt.
Wahlkampf ist die Zeit der freundlichen Worte. Da ist jede Kandidatin und jeder Kandidat für Beteiligung, für Miteinander, für Zukunft, für gute Lösungen und für die Menschen. Das gehört zum Spiel. Aber Politik zeigt sich nicht im Selfie vor dem Schwimmbad. Politik zeigt sich im Beschluss, was mit den Schwimmbädern passiert.
Deshalb sollten wir bei Julian Christ genau hinschauen. Nicht, um ihn persönlich anzugreifen. Nicht, um seine Motive zu unterstellen. Nicht, um die schwierige Haushaltslage in Gernsbach kleinzureden. Sondern weil Offenburg wissen muss, welche politische Handschrift ein Kandidat mitbringt.
Wer in Gernsbach öffentliche Infrastruktur aus kommunaler Verantwortung herauslöst, muss in Offenburg erklären, was das für seine Vorstellung von Daseinsvorsorge bedeutet. Wer in Gernsbach Freibäder, Hallen und freiwillige Leistungen zur Sparmasse macht, muss in Offenburg erklären, welche Einrichtungen hier künftig sicher wären – und welche nicht. Wer in Offenburg von sozialem Miteinander spricht, muss beantworten, wie er verhindern will, dass genau die Orte verschwinden, an denen dieses Miteinander stattfindet.
Das ist der Maßstab. Nicht das Versprechen zählt. Sondern die Praxis. Nicht das Wahlkampfwort zählt. Sondern die Entscheidung, wenn es schwierig wird. Nicht das Foto vor dem Bad zählt. Sondern der Umgang mit Bädern dort, wo man bereits Verantwortung trägt. Offenburg sollte alle Kandidierenden an ihrem Handeln messen. Bei Julian Christ liegt dieses Handeln nicht im Nebel. Es ist in Gernsbach sichtbar.
Und genau deshalb gehört es in diesen Wahlkampf.
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