Jetzt ist es amtlich, schwarz auf weiß, bundesweit nachlesbar: Offenburg gehört beim Hitzeschutz zu den schlechtesten Städten Deutschlands. Im Hitze-Check 2026 der Deutschen Umwelthilfe landet unsere Stadt dort, wo niemand landen will: ganz unten. Nicht irgendwo im Mittelfeld, nicht „mit Verbesserungsbedarf“, nicht „auf einem schwierigen Weg“. Nein: Offenburg steht als Negativbeispiel da.
Und wir sagen es deutlich: Wir sind sauer. Nicht, weil uns diese Nachricht überrascht. Sondern weil sie uns eben nicht überrascht.
Seit Jahren weisen wir darauf hin, dass Offenburg ein massives Problem mit Hitze, Versiegelung, Baumverlust und einer völlig unzureichenden Klimaanpassung hat. Seit Jahren erleben wir, wie alte Bäume gefällt, Grünräume kleingerechnet, Nachpflanzungen schöngeredet und kritische Nachfragen ausgesessen werden. Seit Jahren wird über Mobilität, Stadtentwicklung und Bauprojekte gesprochen, als wären Schatten, Aufenthaltsqualität und Gesundheit nur nette Nebenthemen. Jetzt zeigt der DUH-Hitze-Check: Diese Politik hat Folgen.
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Toggle2.243 verlorene Bäume sind keine Fußnote
Besonders bitter ist die Zahl, die in Offenburg hängen bleiben muss: Die Deutsche Umwelthilfe weist für Offenburg zwischen 2018 und 2025 einen rechnerischen Baumverlust von 2.243 Bäumen aus.
2.243 Bäume.
Das ist nicht einfach eine abstrakte Zahl in einer Tabelle. Das sind fehlende Kronen. Fehlender Schatten. Fehlende Kühlung. Fehlende Verdunstung. Fehlende Aufenthaltsqualität. Fehlender Schutz für Kinder, ältere Menschen, Menschen mit Vorerkrankungen, Menschen mit Rollator, Menschen, die zu Fuß unterwegs sind, an Bushaltestellen warten, mit dem Rad durch die Stadt fahren oder in überhitzten Wohnungen leben.
Die DUH beziffert den Beschirmungsgrad in Offenburg für 2025 auf gerade einmal 12,78 Prozent. Das heißt: Offenburg hat viel zu wenig schattenspendende Vegetation. Gleichzeitig ist der Versiegelungstrend mit plus 0,50 Prozent negativ. Es wird also nicht besser, sondern schlechter. Der Hitzebetroffenheitsindex liegt bei 16,57. Zusammen ergibt das ein Bild, das niemand mehr schönreden kann.
Offenburg ist nicht zufällig am Ende dieser Liste gelandet. Offenburg ist dort gelandet, weil alte Baumkronen in dieser Stadt zu lange nicht als lebenswichtige Infrastruktur behandelt wurden.
Jungbäume ersetzen keine alten Baumkronen
Natürlich wird jetzt wieder der Hinweis kommen, dass auch neue Bäume gepflanzt werden. Ja, das stimmt. Aber dieser Hinweis greift zu kurz, wenn gleichzeitig alte, große, wirksame Baumkronen verschwinden. Ein junger Baum ist wichtig. Aber er ersetzt keinen alten Baum.
Ein neu gepflanzter Baum spendet nicht denselben Schatten wie eine jahrzehntealte Platane, Linde, Ahorn oder Kastanie. Er kühlt nicht dieselbe Fläche. Er schützt nicht sofort eine ganze Straßenseite. Er macht eine aufgeheizte Kreuzung nicht von heute auf morgen erträglich. Und er braucht Jahre, oft Jahrzehnte, bis er annähernd die Wirkung entfaltet, die ein alter Baum bereits heute hat.
Wer alte Bäume fällt und sich anschließend mit kleinen Nachpflanzungen beruhigt, betreibt keine Klimaanpassung. Er verwaltet den Verlust. Genau das ist das Problem in Offenburg.
Der Asphalt lügt nicht
Wir haben in den vergangenen Wochen und Jahren immer wieder gezeigt, was Hitze in der Stadt konkret bedeutet. Auf sonnigem Asphalt werden Oberflächentemperaturen erreicht, bei denen man nicht mehr von angenehmem Stadtraum sprechen kann. Auf der Schattenseite unter Bäumen sieht dieselbe Straße plötzlich ganz anders aus.
Das ist keine akademische Debatte. Es ist der Unterschied zwischen einem Weg, den eine ältere Frau mit Rollator noch gehen kann, und einem Weg, der zur Zumutung wird. Es ist der Unterschied zwischen einem Schulweg, der erträglich bleibt, und einem Schulweg, der Kinder unnötig belastet. Es ist der Unterschied zwischen einer Stadt, die Menschen schützt, und einer Stadt, die Menschen der Hitze aussetzt.
Wer heute über Hitzeschutz spricht, spricht über soziale Gerechtigkeit. Denn Hitze trifft nicht alle gleich. Wer ein kühles Haus, einen Garten, ein Auto mit Klimaanlage und die Möglichkeit hat, sich zurückzuziehen, erlebt Hitze anders als Menschen in kleinen Wohnungen, Menschen ohne eigenen Schattenraum, ältere Menschen, Kinder, Wohnungslose, Kranke oder Menschen, die beruflich draußen unterwegs sind.
Eine Stadt, die Hitze nicht ernst nimmt, verschärft soziale Ungleichheit.
Offenburg braucht keine Imagepflege, sondern einen Kurswechsel
Wir erwarten jetzt keine beschwichtigenden Erklärungen. Wir erwarten keine Hinweise auf einzelne Projekte, keine Hochglanzbilder von Neupflanzungen, keine Verweise auf Konzepte, die in Schubladen liegen, und keine Ausreden, warum alles kompliziert sei.
Ja, Stadtentwicklung ist kompliziert. Ja, Bäume brauchen Pflege. Ja, Straßenräume sind eng. Ja, es gibt Nutzungskonflikte. Aber genau dafür gibt es Politik und Verwaltung. Nicht um den Mangel zu erklären, sondern um ihn zu beheben.
Wenn Offenburg bundesweit als Stadt mit besonders geringem Hitzeschutz genannt wird, dann reicht es nicht, zur Tagesordnung überzugehen. Dann muss der Gemeinderat handeln. Dann muss die Verwaltung liefern. Dann müssen die Kandidaten der Oberbürgermeisterwahl sagen, was sie konkret anders machen wollen.
Wer Offenburg führen will, muss beantworten können: Wie wird diese Stadt kühler, grüner, gerechter und widerstandsfähiger?
Unsere Forderungen
Wir fordern einen verbindlichen Hitzeschutz- und Baumschutzplan für Offenburg. Nicht irgendwann, nicht als freundliche Absichtserklärung, sondern mit messbaren Zielen, klaren Fristen und öffentlicher Kontrolle.
Dazu gehören aus unserer Sicht:
Ein Moratorium für vermeidbare Baumfällungen. Jeder alte Baum muss künftig als wertvolle Klimainfrastruktur behandelt werden. Fällungen dürfen nicht länger verwaltungstechnisch abgewickelt werden, als ginge es um austauschbares Straßenmobiliar.
Ein massives Entsiegelungsprogramm. Offenburg braucht weniger Asphalt, weniger Beton, weniger aufgeheizte Flächen. Parkplätze, Schulhöfe, Plätze, Straßenränder und öffentliche Flächen müssen systematisch darauf geprüft werden, wo entsiegelt, begrünt und verschattet werden kann.
Ein Schattenplan für die ganze Stadt. Besonders Schulwege, Kitas, Spielplätze, Haltestellen, Pflegeeinrichtungen, Fußwege, Plätze und Einkaufsbereiche brauchen wirksamen Schatten. Nicht als Dekoration, sondern als Schutzstruktur.
Eine deutliche Erhöhung der Nachpflanzungen mit langfristiger Pflege. Es reicht nicht, Bäume zu setzen. Sie müssen überleben, wachsen und Kronenvolumen entwickeln können. Dafür brauchen sie ausreichend große Baumscheiben, Wasser, Bodenraum und Schutz vor Verdichtung.
Ein öffentliches Baumkataster als Open Data. Wer Vertrauen will, muss Transparenz schaffen. Die Menschen in Offenburg haben ein Recht zu wissen, welche Bäume es gibt, in welchem Zustand sie sind, welche gefällt werden sollen und wie sich der Bestand entwickelt.
Einen jährlichen Hitzeschutzbericht. Offenburg muss künftig offenlegen, wie sich Beschirmung, Versiegelung, Baumverluste, Nachpflanzungen, Hitzebelastung und kühlende Infrastruktur entwickeln. Ohne Daten bleibt Klimaanpassung eine Behauptung.
Das ist die Quittung
Der DUH-Hitze-Check ist kein Angriff von außen. Er ist ein Spiegel. Und was wir darin sehen, ist nicht schön.
Offenburg hat zu lange zugelassen, dass wertvolles Stadtgrün verschwindet. Offenburg hat zu lange akzeptiert, dass Straßenräume vor allem als Verkehrsflächen gedacht werden. Offenburg hat zu lange unterschätzt, dass Klimaanpassung keine Zukunftsaufgabe ist, sondern längst Gegenwart.
Die Hitze ist da. Die Messwerte sind da. Die Folgen sind da. Und nun ist auch das bundesweite Negativ-Ranking da. Wer jetzt immer noch abwiegelt, handelt verantwortungslos.
2.243 rechnerisch verlorene Bäume zwischen 2018 und 2025 sind keine Fußnote. Sie sind die Quittung für eine Stadtpolitik, die den Wert alter Baumkronen viel zu lange unterschätzt hat.
Offenburg braucht jetzt keinen grünen Anstrich. Offenburg braucht einen echten Kurswechsel. Und zwar sofort.
Siehe auch
- Pressemitteilung der DUH zum Hitz-Check 2026
- https://www.zeit.de/news/2026-06/09/hitze-check-der-umwelthilfe-geringster-schutz-in-offenburg
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