Balkendiagramm, das die Anzahl der gefällten und neu gepflanzten Bäume von 2012 bis 2025 in Magdeburg zeigt. Rote Balken zeigen gefällte Bäume, blaue und grüne Balken zeigen Neupflanzungen unterschiedlicher Größe. Eine Datentabelle befindet sich unterhalb des Diagramms.

Offenburgs Baumbilanz 2025: Wachstum auf dem Papier, Verlust im Stadtraum?

Die Stadt Offenburg spricht von einer positiven Entwicklung. Die Zahl der Bäume steige wieder. Die Bilanz sei inzwischen im Plus. Gleichzeitig erleben viele Menschen in der Stadt etwas anderes: gefällte Großbäume, kahle Straßenräume, verschwundene Schattenspender und ein Stadtklima, das sich von Jahr zu Jahr stärker aufheizt.

Mit der aktuellen Vorlage „Bericht zur Baumkontrolle und Baumpflege 2025“ legt die Stadtverwaltung nun umfangreiche Zahlen vor. Und tatsächlich lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn die Unterlagen erzählen eine kompliziertere Geschichte, als es manche politische Erfolgsmeldung vermuten lässt.

403 gefällte Bäume in einem Jahr

Die zentrale Zahl ist eindeutig: In der Fällperiode 2025/2026 wurden insgesamt 403 Bäume gefällt. Darunter:

  • 355 Bäume in der Kernstadt,
  • 48 in den Ortsteilen.

Besonders bemerkenswert: 236 dieser Bäume hatten einen Stammumfang von über 80 Zentimetern. Das sind keine kleinen Straßenbegleiter. Das sind vielfach jahrzehntealte Stadtbäume mit enormer ökologischer Wirkung. Viele dieser Bäume standen:

  • an Gewässern,
  • in Grünanlagen,
  • entlang von Straßen,
  • auf Spielplätzen,
  • in Parks,
  • oder in wichtigen städtischen Freiräumen.

Die Listen lesen sich wie ein Stadtplan des langsamen Verschwindens.

Moltkestraße.
Burgerwaldsee.
Wichernstraße.
Zwingerpark.
Südring.
Gifiz.
Bürgerpark.

Wer durch Offenburg geht, spürt längst, dass hier nicht nur einzelne Problembäume verschwinden. Vielerorts verändert sich das Stadtbild selbst.

Gleichzeitig 353 Nachpflanzungen

Natürlich endet die Geschichte dort nicht. Die Stadt hat im selben Zeitraum 353 neue Bäume gepflanzt. Die Pflanzliste zeigt dabei durchaus ambitionierte und vielfältige Arten:

  • Zelkoven,
  • Amberbäume,
  • Flaumeichen,
  • Tulpenbäume,
  • Speierlinge,
  • Stadtulmen,
  • Schnurbäume,
  • Silberlinden,
  • Maulbeeren,
  • Steineichen,
  • sogar Szechuanpfeffer und Blauglockenbäume.

Man erkennt darin durchaus den Versuch, klimaresilientere Arten zu etablieren. Und trotzdem bleibt ein Problem: Ein neu gepflanzter Jungbaum ersetzt keinen alten Großbaum. Fast alle Nachpflanzungen erfolgen mit Stammumfängen von lediglich 18–20 Zentimetern. Ein alter Baum mit 200 oder 300 Zentimetern Stammumfang dagegen:

  • kühlt ganze Straßenzüge,
  • spendet Schatten,
  • verdunstet große Wassermengen,
  • filtert Feinstaub,
  • speichert CO₂,
  • schützt den Boden,
  • bietet Lebensraum,
  • und prägt den öffentlichen Raum emotional wie atmosphärisch.

Ein Jungbaum braucht oft Jahrzehnte, um diese Wirkung zu erreichen — sofern er Trockenheit, Hitze und Verdichtung überhaupt überlebt. Die ökologische Gleichsetzung „ein gefällter Baum = ein neu gepflanzter Baum“ funktioniert deshalb nur auf Tabellen. Nicht im Stadtraum.

Die Bilanz wird „auf 0 zurückgesetzt“

Besonders bemerkenswert ist die Art, wie die Verwaltung ihre Zahlen präsentiert. In der Vorlage heißt es:

„Nach dem Zurücksetzen der Bilanz auf 0 im Jahr 2024 (…) kann ein Plus von 292 Bäumen angezeigt werden.“

Dieser Satz wirkt technisch. Tatsächlich ist er politisch hoch relevant. Denn schaut man auf die langfristige Entwicklung seit 2010, ergibt die städtische Tabelle selbst:

  • 6.301 Fällungen,
  • gegenüber 3.790 Nachpflanzungen,
  • also ein Defizit von 2.511 Bäumen.

Erst durch den politischen und rechnerischen Neustart der Statistik entsteht plötzlich ein „Plus“. Das mag verwaltungslogisch erklärbar sein. Für die öffentliche Debatte erzeugt es jedoch ein schiefes Bild. Denn für die Menschen in der Stadt verschwindet der reale Verlust nicht dadurch, dass man eine Bilanz neu beginnt.

Klimaanpassung unter Stress

Die Vorlage beschreibt selbst sehr deutlich, wie stark der Klimawandel inzwischen auf den Baumbestand wirkt.

Es geht um:

  • Trockenstress,
  • Sturmschäden,
  • Krankheiten,
  • Absterbeerscheinungen,
  • steigende Pflegekosten,
  • intensive Kontrollen,
  • zunehmenden Aufwand.

Die Stadt schreibt:

„Die erhöhten Pflegeanstrengungen (…) zeigen in diesem Jahr deutliche Wirkung.“

Und tatsächlich ist es richtig: Die Verwaltung investiert inzwischen deutlich mehr Geld und Aufwand in Baumpflege als noch vor zehn Jahren. Die Gesamtkosten liegen mittlerweile bei rund 2,6 Millionen Euro jährlich. Das Problem ist nur: Diese steigenden Investitionen sind nicht Ausdruck eines entspannten Zustands. Sie sind Ausdruck eines eskalierenden Problems. Die Stadt kämpft inzwischen gegen die Folgen eines Klimas an, für das viele Straßenräume nie gebaut wurden:

  • versiegelte Böden,
  • Hitzeinseln,
  • fehlender Wurzelraum,
  • Trockenheit,
  • Konkurrenz mit Verkehr,
  • Leitungen,
  • Parkflächen,
  • Baustellen,
  • und jahrzehntelange Priorisierung des Autos.

Der eigentliche Konflikt

Die Vorlage zeigt deshalb keinen einfachen Skandal. Aber sie zeigt einen fundamentalen Zielkonflikt. Die Stadt versucht gleichzeitig:

  • Verkehrsräume funktionsfähig zu halten,
  • Baustellen zu organisieren,
  • Sicherheitspflichten einzuhalten,
  • Kosten zu kontrollieren,
  • Klimaanpassung umzusetzen,
  • und den Baumbestand zu stabilisieren.

Doch genau diese Systeme geraten zunehmend aneinander.

Jeder Parkplatz konkurriert mit Wurzelraum.
Jede zusätzliche Fahrspur mit Entsiegelung.
Jede Baustellenzufahrt mit einem Straßenbaum.
Jede Hitzewelle mit den Standortbedingungen der vergangenen Jahrzehnte.

Offenburg erlebt damit etwas, das viele Städte gerade erleben: Die alte Stadtstruktur passt nicht mehr zum neuen Klima.

Die entscheidende Frage lautet nicht mehr: Pflanzen wir genug Bäume?

Die entscheidende Frage lautet inzwischen:

Wie viel Stadt sind wir bereit umzubauen, damit große Bäume überhaupt dauerhaft überleben können?

Denn ohne:

  • Entsiegelung,
  • weniger Flächenverbrauch,
  • breitere Grünräume,
  • Schwammstadtprinzipien,
  • weniger Autodominanz,
  • bessere Böden,
  • und mehr Raum für Wasser,

werden Nachpflanzungen allein nicht reichen. Dann produziert die Stadt vor allem eines: einen permanenten Kreislauf aus Pflanzen, Stress, Absterben und Nachpflanzen.

Stadtbäume sind keine Dekoration

Die Vorlage macht unfreiwillig noch etwas deutlich: Stadtbäume sind längst keine kosmetische Frage mehr. Sie sind Infrastruktur. Sie entscheiden darüber:

  • wie heiß Quartiere werden,
  • ob Menschen sich draußen aufhalten,
  • wie lebenswert Straßen bleiben,
  • wie Kinder spielen,
  • wie ältere Menschen durch Hitzetage kommen,
  • und wie widerstandsfähig eine Stadt gegenüber der Klimakrise wird.

Gerade deshalb reicht es nicht, nur Pflanzzahlen zu feiern. Entscheidend ist, ob es gelingt, große, alte und wirksame Bäume dauerhaft zu erhalten. Denn ein 80 Jahre alter Stadtbaum lässt sich nicht einfach „nachpflanzen“.

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