Eine ältere Person mit kurzen grauen Haaren und Brille spricht unter einem weißen Baldachin in ein Mikrofon und hält Papiere in der Hand. Sie trägt eine schwarze Jacke und ein blaues Hemd. Im Hintergrund sind ein rotes Banner und eine verschwommene Figur zu sehen.Quelle: Uwe Nestlen | All Rights Reserved

Freiheit braucht soziale Gerechtigkeit

Volker Kersting über 1847, Demokratie und die soziale Spaltung Offenburgs. Zwischen bunt umhäkelten Straßenbäumen, spielenden Kindern, Musik, Diskussionen und voll besetzten Bierbänken wurde es am Samstagnachmittag plötzlich stiller auf der Weingartenstraße. Menschen rückten näher zusammen. Manche blieben nur kurz stehen, andere setzten sich auf den Asphalt oder lehnten an den Absperrungen. Während wenige Meter weiter Kuchen verkauft, Fahrräder codiert und Stadtpläne diskutiert wurden, sprach Volker Kersting beim Straßen-Baum-Fest über Freiheit, Demokratie, Armut und Reichtum.

Und über Offenburg.Nicht als abstrakte Stadt. Nicht als Imagekampagne. Sondern als sozialer Raum voller Unterschiede, Widersprüche und Spannungen.

Schon der Einstieg machte klar, dass es nicht um Heimatfolklore gehen würde. Ausgangspunkt war die aktuelle Diskussion um den Zusatz auf den Offenburger Ortsschildern. Soll dort künftig einfach „Freiheitsstadt“ stehen? Oder „Freiheitsstadt 1847“?

Für Kersting ist die Antwort eindeutig. 1847 müsse zwingend dazugehören. Nicht als nostalgischer Rückblick, sondern weil die Offenburger Revolutionäre Themen verhandelten, die heute erneut explosiv aktuell seien: Demokratie, soziale Ungleichheit, Teilhabe und die Frage, wem politische Macht eigentlich dient.

Er erinnerte an die beiden großen Offenburger Volksversammlungen von 1847 und 1848, bei denen zehntausende Menschen für Freiheit und soziale Rechte demonstrierten. Zentrum dieser Bewegung war der Salmen, wo die berühmten „13 Forderungen des Volkes“ verabschiedet wurden.

Und plötzlich wirkten diese Forderungen erstaunlich gegenwärtig. Das Recht, sich zu versammeln. Gerechte Besteuerung. Der Ausgleich zwischen Kapital und Arbeit. Eine „volkstümliche Staatsverwaltung“. Die Abschaffung von Privilegien.

Während Kersting daraus zitierte, wurde spürbar, warum ihn die Jahreszahl 1847 so wichtig ist. Denn die damaligen Revolutionäre verstanden Freiheit nicht als leeres Schlagwort. Freiheit bedeutete für sie nicht nur Meinungsfreiheit oder nationale Einheit, sondern ganz konkret soziale Absicherung und materielle Würde. Freiheit brauchte eine Grundlage.

Kersting formulierte es deutlich: Materielle Bedingungen müssten stimmen, damit Menschen überhaupt frei sein könnten. Die badischen Revolutionäre hätten politische Freiheit und soziale Freiheit nie voneinander getrennt.

Gerade darin lag eine der stärksten Linien seines Vortrags. Denn heute werde Freiheit oft als abstrakter Begriff benutzt, hinter den sich fast jede politische Richtung stellen könne. Die soziale Frage verschwinde dabei häufig aus dem Blick.

1847 dagegen war Freiheit immer auch eine Frage von Arbeit, Einkommen, Teilhabe und Gerechtigkeit. Und genau an diesem Punkt schlug Kersting die Brücke zur Gegenwart.

Er berichtete von seiner Suche nach Zahlen über soziale Ungleichheit in Offenburg und der Ortenau. Viele dieser Daten seien schwer zugänglich, manches müsse mühsam bei Behörden erfragt werden. Schon das sei bezeichnend, sagte er sinngemäß: Über Armut werde wenig gesprochen. Über Reichtum fast gar nicht. Dann begann eine stille Reise durch Statistiken.

17 Prozent Armutsquote am südlichen Oberrhein.
Jedes zehnte Kind in der Ortenau lebt von Sozialgeld.
Altersarmut steigt besonders stark.
Gleichzeitig wächst das Einkommen der Millionäre massiv.

Kersting sprach ruhig, fast sachlich. Gerade dadurch wirkten die Zahlen umso härter. 233 Einkommensmillionäre gebe es aktuell in der Ortenau. Das verfügbare Einkommen dieser Gruppe sei in den vergangenen zehn Jahren um etwa 70 Prozent gestiegen. Während soziale Einrichtungen oft um wenige zehntausend Euro kämpfen müssten, bewege sich der gesellschaftliche Reichtum in ganz anderen Dimensionen. Immer wieder ging es dabei nicht nur um Zahlen, sondern um Wahrnehmung. Um das Gefühl vieler Menschen, dass die Gesellschaft auseinanderdriftet.

Und tatsächlich zeigen auch Umfragen genau das: Eine Mehrheit empfindet Deutschland inzwischen als ungerecht. Gleichzeitig wünschen sich viele Menschen höhere Besteuerung großer Vermögen. Politisch umgesetzt werde davon jedoch kaum etwas.

Von dort führte Kersting weiter zu den politischen Verschiebungen der vergangenen Jahre. Anhand Offenburger Wahlergebnisse zeigte er den Absturz klassischer Volksparteien und den starken Aufstieg der AfD. Seine Erklärung dafür war weniger moralisch als gesellschaftlich: Viele Menschen hätten das Gefühl, politisch nicht mehr vertreten zu sein.

Besonders eindrücklich wurde der Vortrag dort, wo er auf die räumliche Spaltung Offenburgs blickte. Kersting beschrieb Kartenmaterial, das soziale Unterschiede innerhalb der Stadt sichtbar mache. Zwischen Westen und Osten verlaufe eine deutliche soziale Trennlinie. Im Westen und in Teilen der Innenstadt häuften sich niedriger sozialer Status, geringere Wahlbeteiligung und das Gefühl sozialer Kälte. Im Osten dagegen dominierten stabilere soziale Verhältnisse und höhere Zufriedenheit.

Dazu komme eine demokratische Schieflage: Viele Menschen dürften gar nicht wählen – etwa Kinder und Jugendliche oder Menschen ohne deutschen Pass. In einzelnen Stadtteilen betreffe das fast die Hälfte der Bevölkerung. Und selbst von den Wahlberechtigten gehe wiederum nur ein Teil tatsächlich zur Wahl. Damit stellte Kersting eine unangenehme Frage in den Raum: Wie repräsentativ ist repräsentative Demokratie eigentlich noch?

Es war einer jener Momente, in denen man merkte, dass der Vortrag weit über historische Erinnerung hinausging. Es ging um Macht. Um Sichtbarkeit. Um Teilhabe. Und letztlich um die Frage, wem Stadt gehört.

Vielleicht passte dieser Vortrag deshalb so gut zum Straßen-Baum-Fest.

Denn auch dort ging es den ganzen Tag über um Teilhabe am öffentlichen Raum. Um sichere Wege für Kinder. Um Aufenthaltsqualität. Um Nachbarschaft. Um Bäume. Um Begegnung statt Durchfahrt. Um die Frage, wie Stadt aussehen könnte, wenn sie sich nicht zuerst am Auto, an Rendite oder an Verwaltungslogik orientiert.

Während vorne Musik aufgebaut wurde und wenige Meter weiter bereits die nächsten Programmpunkte warteten, endete Kerstings Vortrag beinahe abrupt. Das Thema Bürgerentscheid streifte er nur noch kurz. Eigentlich, sagte er, könne man darüber noch einmal zehn Minuten allein sprechen.

Viele wären vermutlich geblieben.

Denn der Vortrag hatte etwas geschafft, das politischen Veranstaltungen selten gelingt: Er verband historische Erinnerung mit konkreter Gegenwart. Nicht museal. Nicht belehrend. Sondern mitten auf der Straße.

Dort, wo Demokratie tatsächlich sichtbar wird.

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