Roter und schwarzer stilisierter Text mit der Aufschrift Reclaim the Streets auf weißem Hintergrund, mit einigen schwachen rosa und blauen Sprenkeln um die Buchstaben herum.

Zwischen Asphalt und Utopie

Der ChaosComicClub beim Straßen-Baum-Fest. Zwischen Musik, Gesprächen, Kinderlachen, Fahrrädern, politischen Diskussionen und dem Duft von Kaffee und Kuchen entstand beim Straßen-Baum-Fest noch etwas anderes: ein gezeichneter Blick auf die Stadt.

Der ChaosComicClub saß nicht irgendwo abseits mit fertigen Konzepten oder glatten Entwürfen. Die Zeichnungen entstanden mitten im Geschehen. Zwischen Menschen. Zwischen Diskussionen über Verkehr, Bäume, Sicherheit, Klimaanpassung und die Frage, wem öffentlicher Raum eigentlich gehört.

Und genau das sieht man den Bildern an.

Eine handgezeichnete Illustration eines Igels mit den Worten "Ich brauche MEHR Platz!" ("Ich brauche MEHR Platz!"), einem grünen Busch mit roten Punkten und einem Kind auf einem Dreirad, das "Ich auch!" sagt. ("Ich auch!") auf Deutsch.

Da ist ein kleiner Igel, der sagt: „Ich brauche mehr Platz!“ Neben ihm ein Kind auf dem Dreirad: „Ich auch!“
Ein Satz, der zunächst fast niedlich wirkt. Doch plötzlich steckt darin die ganze Debatte des Tages. Wer bekommt Platz in unseren Städten? Autos? Kinder? Natur? Begegnung? Sicherheit? Leben?

Es sind einfache Linien. Und gerade deshalb treffen sie.

Schwarz-Weiß-Zeichnung von zwei lächelnden Autos mit Gesichtern und Armen, die jeweils ein Tor halten und an Bäumen vorbeifahren. In einem Baum sitzt ein Eichhörnchen, und in den Stamm eines anderen Baumes ist ein überraschtes Gesicht geschnitzt.

An anderer Stelle rasen Autos scheinbar direkt auf einen Baum zu. Absperrgitter, Blech, Geschwindigkeit – daneben Tiere und Wurzeln. Die Zeichnung wirkt fast chaotisch. Aber genau dieses Chaos beschreibt den Zustand vieler Städte erstaunlich präzise: Immer mehr Verkehr konkurriert mit immer weniger Lebensraum.

Eine Schwarz-Weiß-Zeichnung zeigt eine Stadtstraße voller Autos und Rauch (oben), mit einem Pfeil, der auf eine Szene derselben Straße zeigt, die in eine grüne, autofreie Zone mit Bäumen, Spaziergängern und spielenden Kindern verwandelt wurde (unten). Deutscher Text unten.

Dann wieder entsteht plötzlich ein Gegenbild.
Oben die graue, autozentrierte Straße. Unten eine grüne Stadt mit großen Bäumen, spielenden Kindern, Menschen im Rollstuhl, Begegnung und Schatten. Dazwischen ein Pfeil. Keine komplizierte Erklärung. Nur eine Richtung.

So könnte Stadt auch sein.

Besonders stark war, wie selbstverständlich sich Politik, Humor und Kunst miteinander verbunden haben. Der Schriftzug „Reclaim the Streets“ wirkte nicht wie ein Slogan aus vergangenen Protesttagen, sondern wie eine direkte Beschreibung dessen, was an diesem Tag tatsächlich passiert ist: Menschen holen sich Raum zurück. Für Gespräche. Für Nachbarschaft. Für Kultur. Für Zukunftsbilder.

Eine Schwarz-Weiß-Skizze eines Mannes mit Brille und Schnurrbart, der sein Kinn auf seine Hand stützt. Neben ihm steht das deutsche Zitat: Wer aber den Frieden will, der rede vom Krieg. - Walter Benjamin.

Und plötzlich tauchte mitten zwischen all dem Walter Benjamin auf:

„Wer aber den Frieden will, der rede vom Krieg.“

Ein Satz, der hängen bleibt. Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Konflikte oft lieber überdeckt als offen benannt werden. Auch das Straßen-Baum-Fest war keine Wohlfühlkulisse ohne Widersprüche. Es ging um reale Konflikte in der Stadt: um Flächen, Prioritäten, Sicherheit, Klima, Mobilität und die Frage, wie wir künftig zusammenleben wollen.

Die Zeichnungen des ChaosComicClub haben genau das sichtbar gemacht.

Nicht geschniegelt.
Nicht perfekt.
Nicht geschniegelt-perfekt-unverbindlich.

Sondern lebendig.

Vielleicht liegt genau darin ihre Stärke. Sie dokumentieren nicht einfach das Straßen-Baum-Fest. Sie tragen seine Stimmung weiter. Wie kleine visuelle Notizen einer Stadt, die gerade beginnt, anders über sich selbst nachzudenken.

Und vielleicht ist genau das die eigentliche Aufgabe solcher Kunst im öffentlichen Raum:
Nicht Antworten zu liefern. Sondern Bilder zu schaffen, die bleiben.

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