Der ChaosComicClub beim Straßen-Baum-Fest. Zwischen Musik, Gesprächen, Kinderlachen, Fahrrädern, politischen Diskussionen und dem Duft von Kaffee und Kuchen entstand beim Straßen-Baum-Fest noch etwas anderes: ein gezeichneter Blick auf die Stadt.
Der ChaosComicClub saß nicht irgendwo abseits mit fertigen Konzepten oder glatten Entwürfen. Die Zeichnungen entstanden mitten im Geschehen. Zwischen Menschen. Zwischen Diskussionen über Verkehr, Bäume, Sicherheit, Klimaanpassung und die Frage, wem öffentlicher Raum eigentlich gehört.
Und genau das sieht man den Bildern an.

Da ist ein kleiner Igel, der sagt: „Ich brauche mehr Platz!“ Neben ihm ein Kind auf dem Dreirad: „Ich auch!“
Ein Satz, der zunächst fast niedlich wirkt. Doch plötzlich steckt darin die ganze Debatte des Tages. Wer bekommt Platz in unseren Städten? Autos? Kinder? Natur? Begegnung? Sicherheit? Leben?
Es sind einfache Linien. Und gerade deshalb treffen sie.

An anderer Stelle rasen Autos scheinbar direkt auf einen Baum zu. Absperrgitter, Blech, Geschwindigkeit – daneben Tiere und Wurzeln. Die Zeichnung wirkt fast chaotisch. Aber genau dieses Chaos beschreibt den Zustand vieler Städte erstaunlich präzise: Immer mehr Verkehr konkurriert mit immer weniger Lebensraum.

Dann wieder entsteht plötzlich ein Gegenbild.
Oben die graue, autozentrierte Straße. Unten eine grüne Stadt mit großen Bäumen, spielenden Kindern, Menschen im Rollstuhl, Begegnung und Schatten. Dazwischen ein Pfeil. Keine komplizierte Erklärung. Nur eine Richtung.
So könnte Stadt auch sein.
Besonders stark war, wie selbstverständlich sich Politik, Humor und Kunst miteinander verbunden haben. Der Schriftzug „Reclaim the Streets“ wirkte nicht wie ein Slogan aus vergangenen Protesttagen, sondern wie eine direkte Beschreibung dessen, was an diesem Tag tatsächlich passiert ist: Menschen holen sich Raum zurück. Für Gespräche. Für Nachbarschaft. Für Kultur. Für Zukunftsbilder.

Und plötzlich tauchte mitten zwischen all dem Walter Benjamin auf:
„Wer aber den Frieden will, der rede vom Krieg.“
Ein Satz, der hängen bleibt. Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Konflikte oft lieber überdeckt als offen benannt werden. Auch das Straßen-Baum-Fest war keine Wohlfühlkulisse ohne Widersprüche. Es ging um reale Konflikte in der Stadt: um Flächen, Prioritäten, Sicherheit, Klima, Mobilität und die Frage, wie wir künftig zusammenleben wollen.
Die Zeichnungen des ChaosComicClub haben genau das sichtbar gemacht.
Nicht geschniegelt.
Nicht perfekt.
Nicht geschniegelt-perfekt-unverbindlich.
Sondern lebendig.
Vielleicht liegt genau darin ihre Stärke. Sie dokumentieren nicht einfach das Straßen-Baum-Fest. Sie tragen seine Stimmung weiter. Wie kleine visuelle Notizen einer Stadt, die gerade beginnt, anders über sich selbst nachzudenken.
Und vielleicht ist genau das die eigentliche Aufgabe solcher Kunst im öffentlichen Raum:
Nicht Antworten zu liefern. Sondern Bilder zu schaffen, die bleiben.
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