Fünf Personen sitzen in einem Fernsehstudio um einen runden Tisch herum und diskutieren. Auf dem Bildschirm ist ein deutscher Text über Hitzewellen in Baden-Württemberg zu sehen und darüber, warum es in den Städten immer heißer wird.

Hitzeschutz darf kein Leuchtturmprojekt bleiben

Am Donnerstagabend, 9. Juli 2026, war ich bei „Zur Sache! Baden-Württemberg“ im SWR zu Gast. Gemeinsam mit dem Aalener Oberbürgermeister Frederick Brütting, der Architektin und Stadtentwicklungsexpertin Prof. Lamia Messari-Becker und dem Mannheimer Pflegedienstleiter Elias Demiroglu ging es um eine Frage, die längst nicht mehr theoretisch ist:

Wie schützen wir unsere Städte und die Menschen darin vor immer häufigerer und gefährlicherer Hitze?

Der Beitrag vor der Gesprächsrunde zeigte zwei sehr unterschiedliche Perspektiven. In Mannheim begleitete das Kamerateam einen Pfleger bei seiner Mittagstour. In aufgeheizten Wohnungen traf er auf ältere Menschen, die zu wenig trinken, ihre Wohnungen kaum noch verlassen können und gesundheitlich an ihre Grenzen geraten.

In Offenburg zeigte der SWR die Situation in unserer Weingartenstraße und in der Innenstadt. Unter alten Bäumen war die Abkühlung auf den Wärmebildern unmittelbar sichtbar. Wenige Meter daneben heizten sich Asphalt und Pflaster massiv auf. Vor unserem Haus hatte der Gehweg während der vergangenen Hitzewelle rund 60 Grad erreicht.

Das Problem ist also sichtbar, messbar und für viele Menschen körperlich spürbar.

Hitze trifft nicht alle gleich

Hitze wird häufig so dargestellt, als würden alle Menschen gleichermaßen darunter leiden. Das stimmt nicht.

Wer in einer gut gedämmten Wohnung lebt, über einen Garten verfügt, mobil ist oder an heißen Tagen an einen kühleren Ort fahren kann, hat andere Möglichkeiten als ein älterer Mensch im Dachgeschoss, eine Familie in einer stark versiegelten Wohnanlage oder ein Kind, dessen Spielplatz in der prallen Sonne liegt.

Unsere Auswertung der Offenburger Daten zeigt: Gerade in sozial benachteiligten Quartieren fehlen häufig Bäume, beschattete Aufenthaltsorte, kühle Wege und Trinkmöglichkeiten.

Hitze ist deshalb nicht nur ein Klima- und Gesundheitsproblem. Sie ist auch eine Frage der sozialen Gerechtigkeit.

Menschen mit geringerem Einkommen wohnen häufiger in stark verdichteten und versiegelten Gebieten. Sie haben seltener Zugang zu privaten Grünflächen und können einer überhitzten Wohnung weniger leicht entkommen.

Wer über Hitzeschutz spricht, muss deshalb auch darüber sprechen, welche Stadtteile zuerst umgebaut werden und wer von den Investitionen profitiert.

Die Lösungen stehen teilweise schon vor unserer Haustür

In der Sendung wurden viele technische Möglichkeiten angesprochen: helle Oberflächen, wasserspeichernde Pflastersteine, Verschattung, Lüftungskonzepte, Sonnenschutz, Verdunstungsanlagen und in besonders gefährdeten Wohnungen auch Klimaanlagen.

All das kann sinnvoll sein.

Doch eine der wirksamsten Lösungen wächst bereits in unseren Straßen: ein großer, alter Baum.

Ein leistungsfähiger Baum spendet Schatten, verdunstet Wasser, kühlt seine Umgebung, speichert Kohlenstoff, bindet Schadstoffe und schafft einen Aufenthaltsort für Menschen und Tiere. Er benötigt keinen Strom und keine komplizierte Steuerung.

Trotzdem werden solche Bäume noch immer gefällt, weil sie angeblich nicht mehr in eine Planung passen, weil ihre Pflege Geld kostet oder weil von ihnen irgendwann ein Risiko ausgehen könnte. Häufig werden sie durch kleine Jungbäume ersetzt, die ihre klimatische Wirkung erst nach Jahrzehnten erreichen – falls sie die immer heißeren Sommer überhaupt überstehen.

In Offenburg haben wir seit 2018 mehrere Tausend Bäume verloren. Der Hitze-Check der Deutschen Umwelthilfe weist für denselben Zeitraum einen Verlust von 2.243 Bäumen aus. Auch wenn unterschiedliche Erhebungsmethoden zu unterschiedlichen Zahlen führen, ist die Richtung eindeutig:

Der Baumbestand nimmt ab, obwohl wir dringend mehr Schatten benötigen.

Pflanzkübel ersetzen keine Stadtbäume

Der SWR-Beitrag zeigte auch die Offenburger Innenstadt. Dort gibt es lange, vollständig versiegelte Straßenzüge, die genau in der heißesten Tageszeit in der Sonne liegen.

Die Stadt verweist auf Leitungen im Untergrund und setzt an vielen Stellen auf Pflanzkübel. Diese können das Stadtbild aufwerten. Sie ersetzen aber keine großkronigen, tief verwurzelten Bäume.

Auch technische Schwierigkeiten dürfen nicht dauerhaft als Ausrede dienen. Leitungen können neu geordnet werden. Baumstandorte können bei Sanierungen frühzeitig eingeplant werden. Stellplätze und Fahrspuren können reduziert werden. Dafür braucht es allerdings klare politische Prioritäten.

Wenn unter einer Straße Platz für Strom, Wasser, Gas, Telekommunikation und Entwässerung geschaffen werden kann, muss künftig auch Platz für Bäume und ausreichend große Wurzelräume eingeplant werden.

Aalen zeigt, was möglich ist – aber auch, was noch fehlt

In der Sendung wurden mehrere Projekte aus Aalen vorgestellt. Ein ehemaliger Parkplatz wurde entsiegelt, ein Gewässer wieder freigelegt und die Stuttgarter Straße von vier auf zwei Fahrspuren reduziert. Dort sollen neue Bäume, breite Geh- und Radwege und zusätzliche Grünflächen entstehen.

Das sind gute und mutige Maßnahmen.

Sie zeigen, dass eine menschengerechte Stadt nicht zwangsläufig eine autogerechte Stadt bleiben muss. Sie zeigen auch, dass Parkplätze und Fahrspuren zugunsten von Grün, Aufenthalt und sicherer Mobilität umgebaut werden können.

Gleichzeitig darf man sich von einzelnen gelungenen Projekten nicht blenden lassen. Auch in Aalen ist die Versiegelung in den vergangenen Jahren weiter gestiegen. Auch dort gingen mehr als 2.000 Bäume verloren. Auch dort gibt es heiße Quartiere, Schulen und Wohnungen, in denen die Verbesserung noch nicht angekommen ist.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob eine Stadt ein gelungenes Modellprojekt vorweisen kann.

Die Frage lautet:

Verändert sich die gesamte Stadt – oder entstehen nur einzelne grüne Inseln in einer weiterhin versiegelten Umgebung?

Klimaanpassung muss in die Fläche kommen

Deutschland liebt Pilotprojekte, Modellquartiere und Leuchttürme. Das ist nicht grundsätzlich falsch. Irgendwo muss Neues ausprobiert werden. Problematisch wird es, wenn aus der Erprobung keine flächendeckende Umsetzung folgt. Wir wissen längst, wie eine hitzerobuste Stadt aussehen muss:

  • mehr große und alte Bäume,
  • deutlich weniger versiegelte Flächen,
  • Wasser als sichtbares und nutzbares Element,
  • schattige Fußwege und Haltestellen,
  • begrünte Schulhöfe und Spielplätze,
  • klimaangepasste Gebäude,
  • kühle öffentliche Räume,
  • Trinkbrunnen,
  • bessere Unterstützung für ältere und pflegebedürftige Menschen.

Dafür braucht es keine weiteren Jahre der Grundsatzforschung. Es braucht politische Entscheidungen, verbindliche Ziele und ausreichend Geld.

Klimaanpassung darf nicht davon abhängen, ob eine Kommune gerade über hohe Gewerbesteuereinnahmen verfügt oder erfolgreich einen Förderantrag stellt. Hitze macht keinen Unterschied zwischen reichen und armen Städten. Der Schutz der Bevölkerung darf deshalb nicht von der kommunalen Finanzkraft abhängen.

Bund und Land müssen Klimaanpassung dauerhaft und verlässlich finanzieren.

Die öffentliche Hand trägt Verantwortung

In der Diskussion wurde zurecht darauf hingewiesen, dass auch private Grundstückseigentümer Verantwortung tragen. Bäume verschwinden aus Gärten, Grünflächen werden geschottert und Grundstücke immer stärker versiegelt.

Doch die Verantwortung darf nicht einfach an die Bürgerinnen und Bürger weitergereicht werden.

Die öffentliche Hand entscheidet über Bebauungspläne, Baugebiete, Straßenräume, Schulhöfe, öffentliche Plätze und kommunale Grundstücke. Sie kann Vorgaben zur Begrünung, Entsiegelung und zum Erhalt von Bäumen machen.

In Offenburg fehlt weiterhin eine Baumschutzsatzung. Mehrere Versuche, wieder einen verbindlichen Schutz einzuführen, sind gescheitert.

Freiwillige Pflanzaktionen und kostenlose Jungbäume sind sinnvoll. Aber sie können einen rechtlichen Schutz für große, alte und klimatisch wertvolle Bäume nicht ersetzen.

Wer private Eigentümer in die Pflicht nehmen will, muss klare, nachvollziehbare und sozial ausgewogene Regeln schaffen.

Hitzeschutz ist Gesundheitsschutz

Der Mannheimer Pflegedienstleiter Elias Demiroglu machte in der Sendung deutlich, was Hitze für ältere und pflegebedürftige Menschen bedeutet. Sie trinken zu wenig, dehydrieren, leiden unter Schwindel, Kreislaufproblemen und einer Verschlechterung bestehender Erkrankungen.

Pflegekräfte haben jedoch häufig weder die Zeit noch eine ausreichende Vergütung, um an Hitzetagen zusätzliche Besuche zu machen, Getränke bereitzustellen oder regelmäßig Vitalwerte zu kontrollieren.

Das ist kurzsichtig.

Wenn ein zusätzlicher Pflegebesuch einen Krankenhausaufenthalt verhindert, schützt er nicht nur einen Menschen, sondern entlastet auch das Gesundheitssystem.

Hitzeschutz muss deshalb fester Bestandteil der Pflege- und Gesundheitsversorgung werden. Notwendig sind zusätzliche abrechenbare Besuche, lokale Warnsysteme, erreichbare kühle Räume und freiwillige Register für besonders gefährdete Menschen.

Frankreich hat nach der tödlichen Hitzewelle von 2003 ein mehrstufiges Warn- und Handlungssystem aufgebaut. Bestimmte Maßnahmen werden dort automatisch ausgelöst, wenn festgelegte Warnstufen erreicht werden.

Auch Baden-Württemberg braucht ein solches verbindliches System. Eine Taskforce allein genügt nicht. Entscheidend ist, dass daraus schnell konkrete und verpflichtende Maßnahmen entstehen.

Kein Hitzeschutz-Aktionismus

Kurzfristige Maßnahmen sind notwendig. Trinkwasser, Sonnensegel, Sprühnebel und mobile Bäume können an besonders heißen Tagen helfen. Sie dürfen aber nicht zu einem neuen Aktionismus führen, bei dem teure Geräte oder mobile Lösungen angeschafft werden, die später ungenutzt in Kellern stehen. Wir benötigen keine Kulissenpolitik, sondern eine neue Bau- und Planungskultur.

Klimaanpassung muss bei jedem Straßenbauprojekt, jeder Gebäudesanierung, jedem Bebauungsplan und jeder Platzgestaltung selbstverständlich mitgedacht werden. Ein Bauprojekt, das heute neue Hitzeprobleme schafft, ist keine moderne Planung. Es verlagert Kosten und Risiken lediglich in die Zukunft.

Offenburg fehlen rund 20.000 Bäume

Der Hitze-Check weist für Offenburg einen Beschirmungsgrad von nur 12,78 Prozent aus. Als notwendiger Zielwert werden mindestens 30 Prozent genannt. Das bedeutet: Offenburg hat nicht nur einzelne problematische Plätze. Uns fehlt flächendeckend Schatten.

Nach unserer Abschätzung braucht die Stadt ungefähr 20.000 zusätzliche Bäume, um die Lücke langfristig zu schließen. Diese Zahl wird sich nicht mit einigen Hundert Jungbäumen und begrünten Pflanzkübeln erreichen lassen. Sie verlangt ein langfristiges kommunales Programm:

  • Erhalt der vorhandenen alten Bäume,
  • deutlich höhere Pflanzzahlen,
  • ausreichend große Baumstandorte,
  • Entsiegelung von Parkplätzen und Straßenflächen,
  • Nachpflanzung ausgefallener Bäume,
  • Schutz privater Großbäume,
  • transparente jährliche Bilanzen.

Wir müssen messen, ob Beschirmung und Grünvolumen tatsächlich wachsen. Die Zahl der gepflanzten Bäume allein sagt wenig aus, wenn gleichzeitig mehr alte Bäume verschwinden oder die neu gepflanzten Bäume frühzeitig ausfallen.

Die Zeit der Ausreden ist vorbei

Die Sendung hat gezeigt: Die Lösungen sind bekannt. Die gesundheitlichen Folgen sind bekannt. Die sozialen Unterschiede sind bekannt. Auch die Kosten des Nichtstuns sind bekannt. Was fehlt, ist nicht Wissen.

Was fehlt, sind Geschwindigkeit, Verbindlichkeit und politische Priorität.

Klimaanpassung muss zur Chefsache werden. Nicht als kurzfristige Reaktion auf die nächste Hitzewelle, sondern als dauerhafte Aufgabe von Stadtplanung, Gesundheitspolitik, Pflege, Mobilität und sozialer Daseinsvorsorge.

Dabei geht es nicht darum, unsere Städte ein wenig hübscher oder grüner zu gestalten.

Es geht darum, ob Menschen ihre Wohnungen verlassen können. Ob Kinder auf Schulhöfen spielen und lernen können. Ob ältere Menschen sicher durch eine Hitzewelle kommen. Und ob unsere Städte auch in wenigen Jahrzehnten noch bewohnbar sind.

Hitzeschutz ist Menschenschutz. Und Menschenschutz darf kein Leuchtturmprojekt bleiben.

Zur Sendung

https://www.ardmediathek.de/video/zur-sache-baden-wuerttemberg/hitzewelle-in-baden-wuerttemberg-warum-unsere-staedte-immer-heisser-werden/swr-bw/Y3JpZDovL3N3ci5kZS9hZXgvbzIzMzUzMDY

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