Wie „Neutralität“ zur Einladung wird. Auf Schloss Ortenberg soll über das lange Mai-Wochenende ein Treffen der Bewegung „Ave Europa“ stattfinden. Der Vorwurf steht im Raum: Verbindungen in neurechte und rechtsextreme Kreise. Was folgt, ist kein klares Signal – sondern ein Rückzug ins Unverbindliche.
Man sei „kein politischer Akteur“. Man wolle „Raum für Austausch“ bieten. Man bewerte das nicht. Das klingt vernünftig. Ist es aber nicht.
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ToggleNeutralität ist eine Entscheidung
Wer Räume vergibt, trifft Entscheidungen. Immer. Zu behaupten, man sei neutral, weil man nicht bewertet, ist eine bequeme Verkürzung.
Denn in dem Moment, in dem eine Veranstaltung stattfinden darf, ist die Entscheidung längst gefallen: Diese Veranstaltung ist für uns akzeptabel. Neutralität ist hier keine Haltung. Sie ist ein Etikett, hinter dem sich Verantwortung versteckt.
Das Märchen vom unpolitischen Raum
Die Idee, ein Ort könne „unpolitisch“ sein, hält sich hartnäckig. Aber sie stimmt nicht. Ein Ort ist nie neutral. Er gibt Bedeutung. Er schafft Öffentlichkeit. Er bietet Bühne.
Wer einen Raum zur Verfügung stellt, entscheidet mit darüber, was sichtbar wird – und was nicht. Und genau deshalb ist die Aussage „Wir sind nur der Ort“ so gefährlich. Denn sie blendet die eigene Rolle komplett aus.
Wenn Werte zur Dekoration werden
Gleichzeitig schmückt man sich mit großen Begriffen: weltoffen, inklusiv, tolerant. Das sind keine Marketingfloskeln. Das sind Versprechen. Und diese Versprechen werden genau dann auf die Probe gestellt, wenn es unbequem wird.
Weltoffenheit bedeutet nicht, alles zuzulassen.
Toleranz bedeutet nicht, keine Grenzen zu ziehen.
Inklusion bedeutet nicht, gegenüber Ausgrenzung gleichgültig zu bleiben.
Wer diese Begriffe ernst nimmt, muss auch bereit sein, daraus Konsequenzen zu ziehen.
Toleranz braucht Grenzen
Eine offene Gesellschaft funktioniert nicht dadurch, dass sie alles hinnimmt. Sondern dadurch, dass sie klar sagt, wo ihre Grenzen liegen. Wenn Akteure mit problematischen Netzwerken und Positionen Zugang zu prominenten Orten bekommen, dann ist das nicht einfach „Austausch“.
Es ist Sichtbarkeit. Es ist Aufwertung. Es ist Normalisierung. Und genau diese Prozesse passieren nicht zufällig – sie passieren, weil jemand die Tür öffnet.
Verantwortung lässt sich nicht delegieren
Der Reflex, sich auf formale Zuständigkeiten zurückzuziehen, greift zu kurz. Es reicht nicht zu sagen: „Das ist nicht unsere Aufgabe.“ Doch. Genau das ist die Aufgabe. Wer Räume betreibt, trägt Verantwortung für das, was dort stattfindet. Nicht für jede einzelne Aussage – aber für den Rahmen, den man ermöglicht. Diese Verantwortung verschwindet nicht, nur weil man sie nicht wahrhaben will.
Die eigentliche Entscheidung
Es geht nicht nur um ein einzelnes Treffen. Es geht um eine grundlegende Frage: Stehen wir für etwas – oder lassen wir alles zu? Wer sich für Letzteres entscheidet, entscheidet sich nicht für Offenheit. Sondern für Beliebigkeit.
Jetzt braucht es Klarheit
Die Situation ist eindeutig genug, um eine klare Haltung einzufordern.
- Welche Veranstaltungen sind mit den eigenen Werten vereinbar?
- Wo werden Grenzen gezogen?
- Nach welchen Kriterien werden Räume vergeben?
Solange diese Fragen unbeantwortet bleiben, bleibt von „Weltoffenheit“ vor allem eines übrig: Ein schönes Wort – ohne Inhalt. Und genau das können wir uns gerade nicht leisten.
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