Warum wir neue Wege brauchen, um einander wieder zu erreichen. Ein Beitrag von Christian Fazekas – Goldnaht
Inhalt
ToggleMehr Kommunikation, weniger Verständigung
Wir leben in einer Zeit, in der mehr geredet wird als je zuvor. Jeden Tag werden Meinungen gepostet, geteilt, kommentiert, bewertet und bekämpft. Zu fast jedem gesellschaftlichen Thema gibt es Faktenchecks, Studien, Einordnungen und Gegenkommentare. Eigentlich könnte man meinen: Wenn so viele Informationen verfügbar sind, müsste Verständigung leichter werden.
Viele Menschen erleben jedoch genau das Gegenteil. Sie haben das Gefühl, mit Fakten, Logik und guten Argumenten nicht mehr durchzudringen. Man erklärt, belegt, widerspricht und ordnet ein, aber am Ende steht das Gegenüber scheinbar noch fester an derselben Stelle wie vorher. In politischen Diskussionen, in Familien, unter Freunden, in Vereinen oder in Kommentarspalten entsteht immer häufiger derselbe Eindruck: Wir reden viel, aber wir erreichen einander immer weniger.
Das ist mehr als ein Kommunikationsproblem. Es ist eine gesellschaftliche Herausforderung.
Die Grenze des besseren Arguments
Die Neurowissenschaftlerin und Medienpsychologin Maren Urner beschreibt seit Jahren, wie stark unser Denken durch mediale Dauererregung, Stress und Angst geprägt wird. Wer dauerhaft mit Krisen, Skandalen und Katastrophen konfrontiert ist, wird nicht automatisch klüger oder handlungsfähiger. Häufig entsteht eher das Gegenteil: Überforderung, Rückzug, Wut oder der Wunsch nach einfachen Erklärungen. In ihren Arbeiten zeigt Urner, dass politisches Denken nicht nur aus rationalem Abwägen besteht. Menschen entscheiden nicht allein auf Grundlage von Informationen, sondern immer auch aus Gefühlen, Erfahrungen, Zugehörigkeiten und Bedürfnissen heraus.
Genau hier liegt eine Grenze, an die viele demokratisch engagierte Menschen heute stoßen. Lange war die Grundannahme: Wenn Menschen nur die richtigen Informationen bekommen, werden sie auch zu den richtigen Schlüssen kommen. Wenn jemand eine aus unserer Sicht falsche Meinung vertritt, liefern wir bessere Fakten. Wenn jemand irrt, korrigieren wir ihn. Wenn jemand etwas Problematisches sagt, widersprechen wir.
Das ist nicht grundsätzlich falsch. Fakten sind wichtig. Ohne gemeinsame Wirklichkeit kann Demokratie nicht funktionieren. Aber Fakten allein erzeugen noch keine Verbindung. Und Argumente verändern selten das, woran Menschen ihre Angst, ihre Identität oder ihr Gefühl von Zugehörigkeit geknüpft haben.
Warum Fakten manchmal wie Angriffe wirken
Wenn Menschen sich bedroht, übergangen oder abgewertet fühlen, hören sie nicht neutral zu. Sie prüfen dann nicht zuerst, ob ein Argument sachlich besser ist. Häufig läuft im Hintergrund eine andere Frage mit: Greift mich das an? Will mich jemand kleinmachen? Gehört diese Person zu „uns“ oder zu „denen“? Kann ich dem vertrauen?
So kann ein gut gemeintes Argument schnell als Angriff erlebt werden. Eine Studie wird dann nicht als Information wahrgenommen, sondern als Machtdemonstration. Ein Faktencheck wirkt nicht wie Klärung, sondern wie Belehrung. Man sagt: „Das ist doch belegt.“ Beim Gegenüber kommt an: „Du bist dumm, weil du es nicht verstehst.“ Ab diesem Moment geht es nicht mehr um den besseren Gedanken. Dann verteidigen
Menschen sich selbst.
Misstrauen als neue Gemeinschaft
Der Soziologe Aladin El-Mafaalani liefert mit seinem Begriff der „Misstrauensgemeinschaften“ eine besonders treffende Beschreibung dieser Entwicklung. In einer komplexen Gesellschaft sind Menschen auf Vertrauen angewiesen. Niemand kann alle wissenschaftlichen, politischen, medizinischen, wirtschaftlichen und technischen Zusammenhänge selbst überprüfen. Wenn dieses Vertrauen in Institutionen, Medien, Wissenschaft oder demokratische Prozesse schwindet, entsteht ein Vakuum.
Menschen hören dann nicht einfach auf zu glauben. Sie suchen neue Formen von Sicherheit. Sie schließen sich anderen an, die dasselbe Misstrauen teilen. Daraus entstehen Gemeinschaften, die weniger durch ein gemeinsames Ziel verbunden sind als durch ein gemeinsames Gefühl: „Wir werden nicht gehört. Uns wird etwas verschwiegen. Die da oben lügen. Wir sehen, was andere nicht sehen.“
Das macht solche Dynamiken so stabil. Sie bestehen nicht nur aus falschen Informationen, sondern aus Zugehörigkeit, emotionaler Bestätigung und geteiltem Misstrauen. Deshalb lassen sie sich auch nicht einfach durch bessere Informationen auflösen. Wer einer Misstrauensgemeinschaft nur mit Fakten begegnet, trifft oft nicht auf eine Wissenslücke, sondern auf ein Schutzsystem.
Was Social Media mit uns macht
Soziale Medien verschärfen diese Entwicklung. Sie belohnen Erregung, Empörung und Wiedererkennbarkeit. Was Angst macht, bleibt hängen. Was wütend macht, wird geteilt. Was die eigene Sicht bestätigt, fühlt sich gut an. Dadurch entsteht eine Kommunikationskultur, in der Menschen immer schneller reagieren und immer seltener wirklich aufnehmen, was der andere sagt.
Diese Logik bleibt nicht im Internet. Sie wandert in unseren Alltag. Wir hören nicht mehr, um zu verstehen, sondern um zu antworten. Wir warten auf den Fehler im Satz des anderen. Wir suchen die Stelle, an der wir einhaken können. Vielleicht gewinnen wir dann eine Diskussion, aber wir verlieren den Kontakt.
Genau dort beginnt die eigentliche Arbeit.
Wo der Ausweg beginnt
Der Ausweg liegt nicht darin, noch bessere Argumente zu sammeln. Nicht, weil Argumente unwichtig wären, sondern weil sie zu spät kommen, wenn vorher kein Kontakt mehr besteht. Wer einen Menschen erreichen will, muss verstehen, auf welcher Ebene dieser Mensch gerade spricht. Geht es wirklich um Zahlen? Oder geht es um Angst? Geht es um Migration? Oder um Kontrollverlust? Geht es um Klimapolitik? Oder um das Gefühl, dass das eigene Leben entwertet wird? Geht es um den Staat? Oder um eine konkrete Erfahrung von Demütigung, Ungerechtigkeit oder Ohnmacht?
Diese Frage stand auch im Zentrum des abgeschlossenen Projekts #triffeinenlinksgrünversifften. In mehreren Begegnungen im öffentlichen Raum suchten wir das direkte Gespräch mit Menschen, die politisch oft weit entfernt schienen. Die begleitende Dokumentation dieses Projekts steht zum Download bereit und zeigt ausführlich, welche Erfahrungen dabei entstanden sind.
Eine zentrale Beobachtung war: Hinter politischen Positionen standen häufig grundlegende Bedürfnisse. Sicherheit, Zugehörigkeit, Orientierung, Anerkennung, Kontrolle über das eigene Leben und Sorge um die Zukunft tauchten immer wieder auf. Die Unterschiede lagen oft weniger in den Bedürfnissen selbst, sondern in den Erklärungen und politischen Antworten, die daraus abgeleitet wurden.
Verstehen heißt nicht zustimmen
Das verändert den Blick. Wenn jemand eine harte oder schwer nachvollziehbare Position vertritt, ist die naheliegende Reaktion oft der Widerspruch. Manchmal ist Widerspruch notwendig. Aber wenn wir nur widersprechen, erfahren wir nicht, was diese Position innerlich stabilisiert. Dann bekämpfen wir die sichtbare Aussage, ohne den Boden zu verstehen, auf dem sie gewachsen ist.
Der nächste Schritt beginnt deshalb mit anderen Fragen. Nicht: „Wie widerlege ich dich?“ Sondern: „Was macht diese Sicht für dich plausibel?“ Nicht: „Warum glaubst du so etwas?“ Sondern: „Welche Erfahrung steckt dahinter?“ Nicht: „Wie bringe ich dich auf meine Seite?“ Sondern: „Was müsste passieren, damit wieder Bewegung möglich wird?“
Das ist keine Weichheit und keine Relativierung. Verstehen bedeutet nicht Zustimmung. Wer verstehen will, entschuldigt nicht automatisch problematische Aussagen. Er nimmt sie ernst genug, um herauszufinden, wie sie entstanden sind und warum sie für einen Menschen Sinn
ergeben.
Gerade bei rassistischen, autoritären oder verschwörungsideologischen Aussagen ist diese Unterscheidung wichtig. Es geht nicht darum, alles stehen zu lassen. Es geht darum, überhaupt wieder eine Ebene zu erreichen, auf der Veränderung möglich wird. Wer nur moralisch abgrenzt, kann sich kurzfristig klar fühlen, verändert aber oft wenig. Wer verstehen will, übernimmt die schwierigere Aufgabe: in Kontakt bleiben, ohne die eigene
Haltung aufzugeben.
Von #triffeinenlinksgrünversifften zu Goldnaht
Aus den Erfahrungen von #triffeinenlinksgrünversifften ist das Projekt Goldnaht entstanden. Der Name verweist auf die Idee, gesellschaftliche Brüche nicht zu verstecken, sondern sie als Ausgangspunkt für neue Verbindungen zu nutzen. Goldnaht fragt, welche Räume, Formate und Haltungen wir brauchen, damit Menschen wieder miteinander in Kontakt kommen können, bevor Konflikte vollständig verhärten.
Denn wenn Fakten nicht mehr landen, liegt das Problem nicht nur bei den Fakten. Es liegt auch beim beschädigten sozialen Boden, auf dem sie landen sollen. Diesen Boden wieder tragfähiger zu machen, ist eine politische Aufgabe: nicht als Ersatz für Argumente, sondern als Voraussetzung dafür, dass Argumente überhaupt wieder gehört werden können.
Was wir neu lernen müssen
Vielleicht ist das eine der zentralen Herausforderungen unserer Zeit: Wir müssen neu lernen, Menschen zu erreichen, ohne sie zuerst besiegen zu wollen. Das bedeutet nicht, Konflikte zu vermeiden. Es bedeutet, sie so zu führen, dass sie nicht automatisch in Abwehr, Verachtung oder Rückzug enden.
Dazu brauchen wir mehr als Informationen. Wir brauchen echte Begegnungen, kluge Gesprächsräume und die Bereitschaft, hinter Positionen nach Erfahrungen, Bedürfnissen und Ängsten zu fragen. Erst dort entsteht wieder die Möglichkeit, dass Menschen nicht nur reden, sondern einander tatsächlich erreichen.
Loading Viewer…
![]()
Bildquellen
- REQ-Uwe NestlenMai 16 2026 89: Uwe Nestlen | All Rights Reserved
- ChatGPT Image 10. Nov. 2025, 13_55_44: © https://kfutd.de | All Rights Reserved
- eule logo kfutd spenden: © https://kfutd.de | CC BY-NC 4.0 International
- nein: © https://kfutd.de | CC BY-NC-SA 4.0 International



