Mit dem neuen Bahnhofsquartier entsteht in Offenburg eines der größten Verkehrs- und Stadtentwicklungsprojekte der kommenden Jahre. Neue Unterführungen, neue Verkehrsführungen, neue Wegebeziehungen, neue Aufenthaltsräume – und gleichzeitig die Vorbereitung auf die Landesgartenschau 2032. Die Eingriffe werden dauerhaft prägen, wie Menschen sich durch die Stadt bewegen. Umso wichtiger wäre es, dass Bürgerbeteiligung dabei nicht nur formal stattfindet, sondern tatsächlich Wirkung entfaltet.
Genau daran entzündete sich nun Kritik in der Fragestunde des Gemeinderats. Mit Michael Schwerwitz vom ADFC und Lothar Hummel von der Bürgervereinigung Nordwest meldeten sich gleich zwei Bürger zu Wort, die sowohl den Beteiligungsprozess als auch konkrete fachliche Fragen der Planung kritisierten. Dabei ging es nicht um pauschale Ablehnung des Projekts. Im Gegenteil: Beide Beiträge wirkten wie der Versuch, frühzeitig auf Schwächen aufmerksam zu machen, bevor aus Planungsfehlern später teure Dauerprobleme werden.
Kritisiert wurden unter anderem:
- unklare und unterbrochene Radverbindungen,
- problematische Querungen,
- Konflikte zwischen Bus-, Fuß- und Radverkehr,
- offene Fragen zu Unterführungen und Aufzügen,
- sowie die mangelnde Nachvollziehbarkeit, wie Hinweise aus Beteiligungsformaten tatsächlich in die Planung einfließen.
Das Problem liegt dabei tiefer als einzelne Detailfragen. Denn Offenburg beteiligt aus seiner Sicht viel. Es gibt Onlineportale, Informationsveranstaltungen, Rundgänge, Dialogformate und Werkstätten. Auch zum Bahnhofsquartier lief bereits seit Jahren Beteiligung über das Portal „Das neue Bahnhofsquartier – Mitmachen Offenburg“. Doch Beteiligung allein reicht nicht.
Beteiligung wird erst dann glaubwürdig, wenn sichtbar wird:
- welche Hinweise aufgenommen wurden,
- welche verworfen wurden,
- warum Entscheidungen getroffen werden,
- und wo Bürger:innen tatsächlich etwas verändern konnten.
Genau diese Rückkopplung scheint vielen Menschen zu fehlen. Wer sich Zeit nimmt, Pläne studiert, Wegebeziehungen analysiert und konkrete Verbesserungsvorschläge einbringt, möchte nicht am Ende den Eindruck haben, dass Beteiligung lediglich eine kommunikative Begleitmaßnahme bereits weitgehend fertiger Planungen war.
Gerade beim Thema Mobilität zeigt sich außerdem ein grundlegendes Problem vieler Planungsprozesse: Autoverkehr wird oft bis ins letzte Detail durchgeplant, während Fuß- und Radverkehr später „mitlaufen“ sollen. Dabei entscheidet gerade dort die Qualität über Alltagstauglichkeit.
Ob ein Radweg plötzlich endet.
Ob eine Querung verständlich ist.
Ob Schüler:innen sicher durch eine Unterführung kommen.
Ob Menschen mit Kinderwagen oder Rollstuhl Umwege fahren müssen.
Ob ein Bahnhof verbindet – oder trennt.
Das sind keine Nebensächlichkeiten. Das ist Stadtqualität. Echte Beteiligung bedeutet deshalb auch, Konflikte früh sichtbar zu machen. Nicht erst dann, wenn Bagger anrollen und Entscheidungen faktisch gefallen sind. Und vielleicht braucht Offenburg dafür einen nächsten Schritt: Weniger Präsentation. Mehr gemeinsames Arbeiten an Lösungen.
Nicht nur Stellwände und Vorträge. Sondern offene Werkstätten, nachvollziehbare Variantenvergleiche, öffentliche Abwägungen und transparente Antworten auf konkrete Kritik. Denn Menschen akzeptieren auch unbequeme Entscheidungen eher, wenn sie merken: Ihre Beteiligung war nicht bloß Kulisse.
Das neue Bahnhofsquartier könnte ein Vorzeigeprojekt für moderne Stadtentwicklung werden. Aber nur dann, wenn die Stadt nicht nur Beteiligung organisiert – sondern auch zeigt, dass sie daraus lernt.
Siehe auch
- https://mitmachen.offenburg.de/de/bahnhofsquartier
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