Ein detaillierter Straßenplan zeigt Fahrspuren, Parkplätze, Bürgersteige, Radwege, Bäume und Schilder, einschließlich Einbahnstraßen und Shared Space-Zonen, mit farblich gekennzeichneten Bereichen und deutschen Beschriftungen zur Orientierung.

Vier Varianten für die Weingartenstraße – Wie viel Ortsmitte wollen wir wagen?

Beim Straßen-Baum-Fest diskutieren wir nicht abstrakt über Verkehrspolitik, sondern ganz konkret über den vielleicht sensibelsten Abschnitt der Offenburger Oststadt: die Weingartenstraße zwischen Moltke- und Hildastraße. Genau hier spielt sich der Alltag ab. Menschen kaufen ein, warten an Kreuzungen, fahren Rad, steigen aus Autos, queren die Straße, unterhalten sich, liefern Waren an oder suchen verzweifelt nach sicheren Wegen. Gleichzeitig rauscht hier täglich ein erheblicher Teil des Verkehrs durch das Quartier.

Für die Diskussion haben wir vier Varianten vorbereitet – vom heutigen Zustand bis zu einer grundlegend anderen Vorstellung von Stadt.

Eine Straßenkarte zeigt Gebäudeumrisse in Rot, grüne Bäume entlang eines Mittelstreifens, Fußgängerüberwege, Radwege und Bushaltestellen mit der Aufschrift STATUS QUO - SITZ BÄNKE VOR STRAßE HEUTE AUS. Hauptstraßen und nahe gelegene Parks sind ebenfalls eingezeichnet.

1. Status Quo – Die Straße als Verkehrsraum

Die erste Darstellung zeigt die heutige Situation.
Zwei Fahrspuren, eine zusätzliche Abbiegespur, stellenweise schmale Radwege, viele Grundstücksausfahrten und nur wenige Möglichkeiten zum sicheren Queren. Trotzdem überqueren viele Menschen die Straße spontan und mitten im Verkehrsfluss – weil dort eben Geschäfte, Begegnungen und Alltag stattfinden.

Auffällig ist auch, was fehlt:

  • kaum Aufenthaltsqualität,
  • keine Sitzgelegenheiten,
  • praktisch keine öffentlichen Fahrradabstellplätze,
  • keine Ladezonen für Lieferverkehr,
  • aber acht Parkplätze entlang der Straße.

Die Straße funktioniert heute vor allem als Verkehrsachse. Als Ortsmitte funktioniert sie nur eingeschränkt.

Besonders brisant: Im Zuge einer Sanierung war vorgesehen, sämtliche Bäume zu fällen, um Platz für einen regelkonformen Radweg zu schaffen. Damit wäre ausgerechnet das verschwunden, was der Straße heute überhaupt noch Charakter, Schatten und Aufenthaltsqualität gibt.

Schema einer Straße mit einspurigem Einbahnverkehr, markiertem Radweg, Bushaltestellen, Bäumen und nahe gelegenen Gebäuden. Pfeile zeigen die Verkehrsrichtung an; der Text beschriftet Straßennamen und wichtige Orte in deutscher Sprache.

2. Einbahnstraße mit Bus- oder Umweltspur

Die zweite Variante stammt aus einem früheren Beteiligungsprozess der Stadtverwaltung.

Die Idee:

  • Autoverkehr nur noch in eine Richtung,
  • in Gegenrichtung eine Bus- oder Umweltspur,
  • nutzbar beispielsweise für Busse, Fahrräder oder weitere umweltfreundliche Mobilität.

Der große Vorteil dieser Lösung:
Sie schafft deutlich mehr Raum – ohne die Verbindung vollständig zu kappen. Gleichzeitig könnten die bestehenden Bäume erhalten bleiben, weil der Straßenquerschnitt effizienter genutzt wird.

Interessant ist dabei auch die politische Reaktion: Als diese Variante damals vorgestellt wurde, verließ ein CDU-Vertreter demonstrativ das Gremium. Hintergrund war die Sorge, dass Zell-Weierbach aus Richtung Osten schlechter erreichbar werde.

Genau darin steckt aber die eigentliche Debatte:
Ist die Weingartenstraße primär eine Durchfahrtsstraße für den regionalen Verkehr? Oder ist sie zuerst Lebensraum für die Menschen vor Ort?

Ein Stadtplan zeigt eine Einbahnstraße mit blauen Pfeilen, grüne Bäume in der Mitte, Parksymbole und angrenzende Gebäude mit der Aufschrift "Straßencafé" und "Urban Cosenza". Der Text ist durchgehend auf Deutsch.

3. Reine Einbahnstraße mit breiten Geh- und Radwegen

Auch diese Variante stammt aus dem damaligen Beteiligungsprozess.

Hier würde die Straße noch konsequenter umgebaut:

  • nur eine Fahrspur,
  • dafür deutlich breitere Geh- und Radwege,
  • mehr Platz für Bäume, Aufenthalt und sichere Mobilität.

Das wäre ein echter Paradigmenwechsel. Die Straße würde nicht länger maximalen Durchfluss priorisieren, sondern den Stadtraum selbst.

Natürlich hätte das Auswirkungen auf Verkehrsbeziehungen in der Oststadt und auf Verbindungen zu den östlichen Ortsteilen. Aber genau diese Frage müssen Städte künftig beantworten:
Wie viel zusätzlichen Verkehr wollen wir dauerhaft mitten durch Wohn- und Geschäftsquartiere führen – und welchen Preis zahlen die Menschen dort dafür?

Eine Karte, die eine gemeinsam genutzte Straße mit markierten Fußgänger-, Fahrrad- und Fahrzeugzonen, grünen Baumflächen und gekennzeichneten umliegenden Gebäuden zeigt. Blaue Schilder kennzeichnen Fußgänger- und Gemeinschaftsbereiche.

4. Shared Space – Die Straße als gemeinsame Ortsmitte

Die vierte Variante zeigt unsere eigene Vision.

Ein verkehrsberuhigter Bereich oder Shared Space:

  • weniger Geschwindigkeit,
  • keine harte Trennung der Verkehrsarten,
  • mehr gegenseitige Rücksicht,
  • mehr Raum für Aufenthalt, Begegnung und Alltag.

Das klingt für manche zunächst radikal. Tatsächlich ist es vor allem eine andere Haltung zur Stadt:
Nicht das Auto strukturiert den Raum, sondern die Menschen.

Eine solche Gestaltung würde die Weingartenstraße nicht mehr als Transitraum behandeln, sondern als Ortsmitte der Oststadt. Ein Ort mit Geschäften, Begegnung, Aufenthalt, vielleicht Außengastronomie, sicheren Querungen, Bäumen, Sitzmöglichkeiten und Spielraum für Kinder.

Natürlich sehen auch wir die Sachzwänge:
Busverkehr, Lieferverkehr, Rettungswege und Erreichbarkeit müssen funktionieren. Aber gerade deshalb braucht es eine ehrliche Debatte darüber, welche Prioritäten gelten sollen.

Denn die eigentliche Frage lautet nicht:
„Wie bekommen wir noch mehr Verkehr durch die Straße?“

Sondern:
„Wie soll sich das Leben in der Oststadt künftig anfühlen?“

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Beteilige dich

Genau darüber möchten wir beim Straßen-Baum-Fest gemeinsam diskutieren – offen, direkt und ohne Denkverbote. Nicht nur unter Verkehrsplaner:innen oder in Ausschüssen, sondern mitten auf der Straße selbst. Wir laden Anwohner:innen, Betreiber:innen der Geschäfte, Initiativen, Stadtverwaltung, Gemeinderat und die Kandidat:innen der kommenden OB-Wahl ein, gemeinsam auf diese Varianten zu schauen und darüber zu sprechen, welche Zukunft die Weingartenstraße haben soll. Aber ausdrücklich auch jene Menschen, die diesen Abschnitt heute vor allem als schnelle Verbindung nutzen und Sorge haben, künftig Umwege fahren zu müssen. Denn genau dort entsteht die eigentliche Herausforderung urbaner Transformation: Wenn unterschiedliche Bedürfnisse, Interessen und Vorstellungen von Stadt aufeinandertreffen. Wir glauben, dass diese Debatte nicht hinter verschlossenen Türen geführt werden darf, sondern sichtbar, verständlich und gemeinsam – dort, wo die Entscheidungen später wirken werden: mitten im Quartier.

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