Alte Burda Druckerei in Konversion. Ein modernes städtisches Gebäude mit begrünten Balkonen, Spaziergängern und Radfahrern in der Nähe und Bäumen entlang der Straße. Bildunterschrift: Umbau der Alten Burda Druckerei in Offenburg (Konversion der Alten Burda Druckerei in Offenburg).

Graue Energie statt grauer Politik – Landratsamt Ortenaukreis

Warum der Kauf der ehemaligen Burda-Druckerei ein Umdenken verlangt. Mit dem Beschluss des Kreistags, das Gelände der ehemaligen Burda-Druckerei in Offenburg für 11,5 Millionen Euro zu erwerben, hat sich der Ortenaukreis eine strategische Option gesichert. So zumindest die offizielle Lesart. Doch bei genauerem Hinsehen wirft die Entscheidung grundlegende Fragen auf – zur Flächenpolitik, zum Umgang mit öffentlichen Mitteln und vor allem zu unserem Verständnis von nachhaltiger Entwicklung.

Ein Preis, der irritiert

Das rund 16.000 Quadratmeter große Areal wird zu einem Preis von knapp 720 Euro pro Quadratmeter erworben. Das liegt deutlich über den amtlichen Bodenrichtwerten im Umfeld, die zwischen 260 und 450 Euro pro Quadratmeter liegen. Selbst wenn man Lagegunst und Marktdynamiken berücksichtigt, bleibt eine erhebliche Differenz.

Gleichzeitig betont der Landkreis, dass es sich nicht um eine Bauentscheidung, sondern lediglich um eine Flächenreserve ohne zeitliche Bindung handele. Genau hier entsteht ein Widerspruch: Wer ohne konkretes Nutzungskonzept, ohne Baurecht und ohne Zeitplan einen Preis zahlt, der eher für sofort entwickelbares Premium-Bauland typisch ist, trifft faktisch bereits eine Vorentscheidung. Planungssicherheit sieht anders aus – sie beginnt mit Transparenz und belastbaren Abwägungen.

Ein detaillierter Stadtplan mit Straßen, Gebäuden, Grünflächen und einem Kanal. Gebäude sind grau und rot markiert; Straßen und Wege sind gelb und rot mit nummerierten Bezeichnungen hervorgehoben. Grünflächen und Wasserwege sind ebenfalls sichtbar.

Abbildung: Bodenrichtwerte BORIS https://www.gutachterausschuesse-bw.de/borisbw/?lang=de

Flächen auf Vorrat – ist das noch zeitgemäß?

In Zeiten von Flächenknappheit, Wohnraummangel und Klimakrise wirkt eine Flächenreservierung auf unbestimmte Zeit aus der Logik der 1990er Jahre gefallen. Öffentliche Hand und Politik kritisieren zu Recht private Bodenspekulation. Umso genauer muss hingeschaut werden, wenn der Staat selbst Flächen bevorratet – ohne klar zu benennen, wofür, wann und unter welchen Bedingungen.

Eine strategische Reserve mag legitim sein. Doch sie darf kein Freibrief sein, sich einer inhaltlichen Debatte zu entziehen.

Der blinde Fleck: graue Energie

Der größte Schwachpunkt der bisherigen Argumentation liegt jedoch woanders:
Die ehemalige Burda-Druckerei wird faktisch als freies Grundstück behandelt – obwohl sie ein massiver Industriekomplex mit erheblicher grauer Energie ist.

Graue Energie bezeichnet die gesamte Energie, die bereits in Bauwerken steckt: in Beton, Stahl, Fundamenten, Erschließung und Konstruktion. Industriegebäude wie dieses sind dafür prädestiniert, weitergenutzt oder umgebaut zu werden. Ein Abriss vernichtet diese gebundene Energie unwiederbringlich – und erzwingt einen erneuten, energie- und ressourcenintensiven Neubau.

Dass eine Umnutzung bislang offenbar verworfen wurde, weil ein Neubau „günstiger“ sei, zeigt das Kernproblem:
Solange graue Energie, CO₂-Emissionen und Ressourcenverbrauch nicht systematisch bilanziert werden, erscheint Neubau fast immer wirtschaftlicher. Das ist kein Naturgesetz, sondern ein Rechenfehler im System.

Wir wissen es längst besser

Initiativen und Fachdebatten wie WeTransForm oder das Symposium „Raum für Wandel“ zeigen seit Jahren, wohin die Reise gehen muss: Umbauen statt abreißen, weiterdenken statt freimachen, Bestand als Ressource begreifen. Dort wird nicht gefragt, ob wir uns das leisten können – sondern ob wir es uns leisten können, es nicht zu tun.

Gerade die öffentliche Hand sollte hier Vorbild sein.

Unsere Forderung

Wenn der Ortenaukreis dieses Areal wirklich im Sinne zukünftiger Generationen sichern will, braucht es einen klaren Kurswechsel:

  • Eine ergebnisoffene Prüfung der Umnutzung der bestehenden Gebäude
  • Eine Bilanzierung der grauen Energie und der CO₂-Folgen von Abriss und Neubau
  • Transparenz über die Preisfindung und die langfristige Flächenstrategie
  • Keine Abrissentscheidungen, bevor diese Fragen beantwortet sind

Nachhaltige Entwicklung bedeutet nicht, möglichst schnell neu zu bauen. Sie bedeutet, verantwortungsvoll mit dem umzugehen, was bereits da ist.

Der Kauf der Burda-Druckerei kann eine Chance sein.
Ob er es wird, entscheidet sich nicht am Kaufvertrag – sondern daran, ob wir endlich anfangen, vorhandene Ressourcen ernst zu nehmen.

Pressemitteilung des Ortenaukreis

Kreistag stellt Weichen für die Zukunft des Landratsamts
Mehrheit beschließt Kauf des Burda Druckerei-Grundstücks als strategische Standortreserve

Offenburg, 16. Dezember 2025 – Der Kreistag des Ortenaukreises hat am Dienstagnachmittag dem Erwerb eines Grundstücks auf dem Burda-Areal („Alte Druckerei“) an der Kronenstraße in Offenburg mit deutlicher Mehrheit (79 Anwesende; 58 Ja-Stimmen, 20 Nein-Stimmen, 1 Enthaltung) zugestimmt. Mit dem Beschluss sichert sich der Kreis eine zentrale Fläche am Stadteingang von Offenburg für die langfristige Entwicklung des Landratsamts. Der Kaufpreis für das rund 16.000 Quadratmeter große Grundstück beträgt 11,5 Millionen Euro zuzüglich Kaufnebenkosten.

„Ich weiß, dass diese Entscheidung kein Selbstläufer war“, würdigte Erny die Entscheidung des Gremiums. „Umso mehr danke ich den Kreisrätinnen und Kreisräten für die Offenheit der Debatte und die Bereitschaft, über den heutigen Tag hinauszudenken. Weitsicht zeigt sich oft dort, wo man nicht den einfachen, sondern den richtigen Weg geht. Mit dieser Entscheidung schaffen wir die Grundlage, dass der Ortenaukreis auch in der Zukunft handlungsfähig bleibt – für unsere Bürgerinnen und Bürger ebenso wie für unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.“
Kein sofortiger Neubau – aber Planungssicherheit

Mit dem Beschluss geht es ausdrücklich nicht um einen kurzfristigen Start der Neubauplanungen, sondern um die Sicherung einer strategisch günstigen Fläche. Das Grundstück wird altlasten- und kampfmittelfrei übergeben; Abriss und Freilegung übernimmt der bisherige Eigentümer. Eine zeitliche Verpflichtung zur Bebauung besteht nicht.

„Derzeit fahren wir bei unserer angespannten Haushaltslage auf Sicht“, betonte Erny. „Aber es wäre kurzsichtig, diese einmalige Chance vorbeiziehen zu lassen. Wer eine sinnvolle Entwicklung will, braucht Optionen – und genau die haben wir uns heute gesichert.“

In der öffentlichen Debatte waren zuletzt Fragen zu Kosten, Bodenrichtwerten und möglichen Folgekosten aufgekommen. Die Verwaltung stellte klar: Der vereinbarte Kaufpreis entspricht den aktuellen Marktpreisen im Offenburger Süden. Zusätzliche Kosten für Leitungsverlegungen werden vom Verkäufer getragen. Auch Fördermittel aus der Städtebauförderung sind nicht an eine schnelle Bebauung gekoppelt. Der Kreistag hebt mit dem Beschluss zugleich einen Sperrvermerk im Haushalt auf. Die Finanzierung erfolgt aus eingeplanten Haushaltsmitteln und Resten – ohne neue Verpflichtungen für einen Bau. „Wir investieren nicht in Beton, sondern in Handlungsspielraum“, erklärte Landrat Erny. „Das ist verantwortungsvolle Politik in bewegten Zeiten.“
Das Landratsamt ist seit Jahren an seinem Hauptsitz in der Offenburger Badstraße mit erheblichem Sanierungsbedarf konfrontiert. Bereits frühere Prüfungen hatten gezeigt, dass eine grundlegende Erneuerung wirtschaftlicher sein kann als eine Sanierung im laufenden Betrieb. Außerdem sollen Immobilien, die der in Offenburg Kreis angemietet hat, langfristig aufgegeben und in einem Gebäude zentriert werden. Der heutige Beschluss des Kreistags schafft dafür eine langfristige Option, ohne bereits eine Bauentscheidung vorwegzunehmen.  

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