Offenburg hat ein Hitzeproblem. Das wissen wir nicht erst seit dem Hitze-Check der Deutschen Umwelthilfe, bei dem unsere Stadt beim Beschirmungsgrad bundesweit auf dem letzten Platz gelandet ist. Wir spüren es auf unseren Wegen durch die Stadt, auf Spielplätzen, an Haltestellen, in versiegelten Straßenräumen und auf aufgeheizten Plätzen.
Neu ist nun aber: Wir können immer deutlicher zeigen, dass diese Hitze nicht zufällig verteilt ist.
Der Sozialwissenschaftler Volker Kersting hat in seiner Auswertung „Urbaner Klimawandel und soziale Gerechtigkeit“ kleinräumige Daten für Offenburg betrachtet. Seine zentrale Aussage ist unbequem, aber wichtig: Dort, wo der soziale Status niedriger ist, ist die Hitzebelastung tendenziell höher.
Oder einfacher gesagt:
Wer weniger Geld hat, wohnt in Offenburg häufiger dort, wo die Hitze härter trifft.
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ToggleDie geteilte Stadt wird in der Hitze sichtbar
Kersting vergleicht den sozialen Status einzelner Stadtbereiche mit einem Hitzebetroffenheits-Index. Dieser Index berücksichtigt unter anderem Versiegelung, Grünvolumen, Oberflächentemperaturen und Bevölkerungsdichte.
Das Ergebnis ist deutlich: Zwischen sozialem Status und Hitzebelastung besteht ein klarer negativer Zusammenhang. Je niedriger der soziale Status eines Quartiers, desto höher fällt tendenziell die Hitzebelastung aus.
Das ist mehr als eine abstrakte Zahl. Es ist die Vermessung einer sozialen Schieflage.
Die Karten in der Auswertung zeigen, was viele Menschen im Alltag längst erleben: Besonders belastete Bereiche liegen in der Stadtmitte und im Süden. Dort treffen dichte Bebauung, Asphalt, wenig Schatten und hohe Versiegelung auf viele Menschen, die der Hitze nicht einfach ausweichen können.
Wer dagegen in besser gestellten Wohnlagen mit mehr Grün, größeren Gärten und mehr Schatten lebt, ist im Sommer besser geschützt.
Damit wird klar: Stadtgrün ist keine Frage des Geschmacks. Stadtgrün entscheidet über Lebensqualität, Gesundheit und Teilhabe.
Hitze ist kein Komfortproblem
Noch immer wird über Hitze oft so gesprochen, als ginge es um ein paar unangenehme Sommertage. Als müssten wir uns einfach daran gewöhnen. Als sei das eben Sommer.
Das ist gefährlich verharmlost.
Hitze belastet den Körper. Besonders ältere Menschen, Kinder, chronisch Kranke, Menschen mit wenig Geld und Menschen in schlecht gedämmten Wohnungen sind gefährdet. Tropennächte, in denen die Stadt nicht mehr abkühlt, werden zur massiven Belastung. Wer keine kühle Wohnung, keinen Garten, kein Auto zum Wegfahren und keine finanziellen Reserven für technische Kühlung hat, bleibt der Hitze ausgeliefert.
Und genau hier wird Klimaanpassung zur Frage sozialer Gerechtigkeit.
Denn es macht einen Unterschied, ob ich in einer grünen Straße mit alten Bäumen wohne oder in einem Quartier, in dem sich Fassaden, Dächer und Asphalt den ganzen Tag aufheizen. Es macht einen Unterschied, ob mein Kind auf einem beschatteten Weg zur Schule gehen kann oder über glühende Gehwege muss. Es macht einen Unterschied, ob ich mir Rückzug leisten kann oder nicht.
Bäume sind kritische Infrastruktur
Wir müssen deshalb aufhören, Bäume in der Stadt als schmückendes Beiwerk zu behandeln. Bäume sind keine nette Dekoration. Sie sind Schattenspender, Luftkühler, Wasserspeicher, Lebensraum und Gesundheitsschutz.
In Zeiten des Klimawandels sind Stadtbäume kritische Infrastruktur.
Wer heute ohne zwingenden Grund Bäume fällt, verschärft die Krise von morgen. Wer bei Bauprojekten großzügig in gewachsene Grünbestände eingreift, muss erklären, wie diese Schutzfunktion ersetzt werden soll. Ein junger Ersatzbaum kann den Verlust eines alten Baumes nicht einfach ausgleichen. Schon gar nicht in den nächsten zehn, zwanzig oder dreißig Sommern.
Offenburg kann es sich nicht mehr leisten, jeden Baum einzeln als verzichtbares Hindernis zu betrachten. Wir brauchen eine andere Prioritätensetzung: Der vorhandene Baumbestand muss geschützt, erweitert und gerecht verteilt werden.
Klimaanpassung muss zuerst dort beginnen, wo die Belastung am größten ist
Volker Kerstings Auswertung macht deutlich: Eine Stadt kann nicht einfach irgendwo ein paar Bäume pflanzen und dann behaupten, sie betreibe Klimaanpassung.
Wenn Hitze sozial ungleich verteilt ist, dann muss auch die Antwort darauf sozial gezielt sein.
Entsiegelung, neue Bäume, Schattenwege, Trinkbrunnen, kühle Aufenthaltsorte und grüne Schulwege müssen zuerst dort entstehen, wo Menschen heute am stärksten belastet sind. Gerade die Quartiere mit niedrigem sozialem Status und hoher Hitzebelastung brauchen Vorrang.
Das bedeutet auch: Klimaanpassung darf nicht vom Immobilienmarkt abhängig sein. Es reicht nicht, wenn wohlhabendere Wohnlagen durch private Gärten, große Grundstücke und alte Baumbestände besser geschützt sind, während andere Stadtteile immer heißer werden.
Die Stadt muss aktiv ausgleichen.
Was Offenburg jetzt tun muss
Offenburg braucht eine konsequente, sozial gerechte Klimaanpassung. Dazu gehören aus unserer Sicht:
- ein klares Moratorium gegen vermeidbare Baumfällungen,
- der konsequente Schutz alter Stadtbäume,
- ein massives Pflanzprogramm mit Priorität für besonders belastete Quartiere,
- jährliche Entsiegelungsziele,
- Schattenachsen für Fußgänger:innen und Radfahrende,
- kühle Aufenthaltsorte in jedem Stadtteil,
- eine transparente Auswertung von Beschirmungsgrad, Grünvolumen, Versiegelung und Hitzebelastung,
- und eine kommunale Planung, die Gesundheitsschutz höher bewertet als Parkplätze, Asphaltflächen und kurzfristige Bauvereinfachung.
Das ist kein Luxusprogramm. Das ist Daseinsvorsorge.
Der letzte Platz muss der Wendepunkt sein
Offenburg steht beim Hitzeschutz schlecht da. Das ist bitter. Aber noch bitterer wäre es, daraus nichts zu lernen.
Der letzte Platz darf kein Anlass für Ausreden sein. Er muss der Wendepunkt werden.
Wir wissen jetzt genauer, wo die Hitze besonders drückt. Wir wissen auch genauer, wen sie besonders trifft. Damit wächst die Verantwortung der Stadt.
Klimaanpassung ist keine technische Nebensache. Sie ist eine soziale Aufgabe. Sie entscheidet darüber, ob Menschen sich im Sommer noch sicher durch ihre Stadt bewegen können. Ob Kinder draußen spielen können. Ob ältere Menschen ihre Wohnung verlassen können. Ob Stadtteile lebenswert bleiben.
Offenburg braucht mehr Schatten. Aber vor allem braucht Offenburg mehr Gerechtigkeit im Schatten.
Denn Hitze trifft nicht alle gleich. Und genau deshalb darf auch die Antwort der Stadt nicht beliebig sein.
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