Ein großes Grasfeld mit kleinen lila und gelben Wildblumen, das sich in die Ferne erstreckt. Im Hintergrund sind Bäume, Gebäude und ein teilweise bewölkter Himmel zu sehen.

Warum ausgerechnet der Flugplatz? Oder: Wenn die richtige Antwort auf die falsche Frage gegeben wird

In der Debatte um den Bürgerentscheid zur Zukunft des Offenburger Flugplatzes wird immer wieder betont, die Entscheidung sei sachlich belegt. Gutachten, Suchläufe und Stellungnahmen sollen zeigen: Der Flugplatz sei die einzig realistische Option für die weitere wirtschaftliche Entwicklung der Stadt. Diese Argumentation wirkt geschlossen. Und genau deshalb lohnt es sich, sie genauer zu betrachten.

Denn bei aller Sachlichkeit bleibt ein grundlegendes Problem bestehen: Die Stadt beantwortet eine andere Frage als die, über die die Bürgerschaft abstimmen soll.

Die falsche Frage

Die zentrale Frage der Stadt lautet erkennbar:

Welche Fläche lässt sich möglichst effizient, schnell und vollständig im eigenen Einflussbereich entwickeln?

Darauf ist der Flugplatz tatsächlich eine naheliegende Antwort:

  • Die Fläche gehört der Stadt.
  • Sie ist zusammenhängend.
  • Sie ist planungsrechtlich seit Jahren vorgesehen.
  • Es gibt keine komplizierten Eigentumsverhältnisse.

Aus Sicht der Verwaltung ist das plausibel. Aber diese Frage ist nicht die Frage eines Bürgerentscheids. Der Bürgerentscheid stellt eine andere, grundlegendere Frage:

Welche Fläche sind wir als Stadt bereit, dauerhaft aufzugeben – trotz ihrer ökologischen, klimatischen und sozialen Bedeutung?

Diese Frage beantwortet die Stadt nicht. Sie umgeht sie.

Sachlich belegt – aber nur aus Verwaltungssicht

Die Stadt hat sachlich belegt, dass:

  • es auf Offenburger Gemarkung aktuell keine andere gleich große, zusammenhängende Fläche im städtischen Eigentum gibt,
  • alternative Wege komplizierter, langsamer oder konfliktträchtiger wären,
  • der Flugplatz aus planerischer Sicht gut steuerbar ist.

All das stimmt. Aber all das sagt nichts darüber, ob der Flugplatz die richtige Wahl ist. Was hier als Sachzwang erscheint, ist in Wahrheit eine Prioritätensetzung:

  • Steuerbarkeit wird höher gewichtet als ökologische Qualität.
  • Geschwindigkeit höher als langfristige Resilienz.
  • Einfachheit höher als Vielfalt der Optionen.

Das ist keine neutrale Sachentscheidung. Es ist eine politische Gewichtung.

Der Zeitbruch: Akuter Bedarf, späte Lösung

Besonders deutlich wird dieser Widerspruch beim Thema Zeit. Der Flächenbedarf wird als akut beschrieben. Gleichzeitig wird offen kommuniziert, dass die Erschließung des Gewerbegebiets vier bis sechs Jahre dauern wird. Beides kann nicht gleichzeitig zutreffen.

Wenn der Bedarf tatsächlich so dringend ist, hilft der Flugplatz nicht.
Wenn der Flugplatz die Lösung sein soll, ist der Bedarf offenbar nicht akut.

Diese Spannung bleibt unbeantwortet – obwohl sie zentral ist. Hinzu kommt: In der laufenden Debatte zeigt sich, dass einzelne Unternehmen ihren Flächenbedarf inzwischen:

  • außerhalb Offenburgs,
  • oder über Bestandsflächen

decken konnten. Das relativiert nicht die Frage nach langfristiger Entwicklung. Aber es stellt die behauptete Dringlichkeit infrage.

Alternativen werden bewertet, nicht widerlegt

Innenentwicklung, Nachverdichtung und interkommunale Zusammenarbeit werden von der Stadt nicht als unmöglich dargestellt – sondern als:

  • zu langsam,
  • zu mühsam,
  • zu wenig steuerbar.

Das ist eine Bewertung, keine Widerlegung. Es bedeutet: Diese Wege werden nicht beschritten, weil sie unbequem sind – nicht, weil sie sachlich ausgeschlossen wären. Gerade deshalb hätten sie Teil einer offenen Abwägung sein müssen.

Ökologie ist kein Rechenposten

Der Flugplatz ist kein beliebiges Grundstück. Er ist ein zusammenhängender Offenraum mit:

  • stadtklimatischer Funktion,
  • hoher Biodiversität,
  • sozialer und landschaftlicher Bedeutung.

Diese Qualitäten sind standortgebunden. Sie lassen sich nicht gleichwertig an anderer Stelle „ersetzen“. Wenn ökologische Verluste als kompensierbar dargestellt werden, wird ein qualitativer Wert in eine quantitative Rechnung übersetzt. Das mag planerisch üblich sein – es wird der Realität jedoch nicht gerecht. Auch das ist keine Sachzwangslage, sondern eine bewusste Entscheidung, welchen Wert man akzeptiert zu verlieren.

Was „Alternativlosigkeit“ hier wirklich bedeutet

Zusammengefasst bedeutet die Argumentation der Stadt nicht:

Es gibt keine Alternative.

Sondern:

Es gibt keine Alternative, die für die Verwaltung einfacher wäre.

Das ist ein entscheidender Unterschied.

Der Flugplatz ist nicht die einzige denkbare Option.
Er ist die am besten kontrollierbare.

Warum diese Frage entscheidend ist

Der Bürgerentscheid ist keine technische Standortentscheidung. Er ist eine Werteentscheidung über das Verständnis von Stadtentwicklung.

Geht es primär um:

  • maximale Flächeneffizienz?
  • schnelle Umsetzbarkeit?
  • volle Steuerung durch die Verwaltung?

Oder geht es auch um:

  • Klimaanpassung,
  • langfristige Resilienz,
  • den Erhalt nicht ersetzbarer Freiräume?

Diese Abwägung kann und darf nicht als „sachlich erledigt“ erklärt werden.

Unsere Schlussfolgerung

Die Stadt Offenburg hat nachvollziehbar dargelegt, warum der Flugplatz aus ihrer Sicht gut planbar ist.
Sie hat nicht belegt, warum er der richtige Preis für Entwicklung ist. Genau diese Lücke zu benennen, ist keine Verweigerung von Fortschritt.
Es ist der Kern demokratischer Verantwortung. Abwägen heißt nicht abnicken.

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