Ein Gespräch mit Uli Albicker über bezahlbares Wohnen und Obdachlosigkeit in Offenburg. Bezahlbares Wohnen ist längst nicht mehr nur ein Problem großer Städte. Auch in Offenburg wird Wohnraum knapper, Mieten steigen, Sozialwohnungen fehlen und immer mehr Menschen geraten unter Druck. Wer keine Wohnung findet oder seine Wohnung verliert, verliert nicht einfach nur einen privaten Rückzugsort. Er verliert Sicherheit, Stabilität, Teilhabe und oft auch Würde.
Dabei bleibt vieles im Ungefähren. Wie viele Wohnungen fehlen in Offenburg tatsächlich? Wie viele Wohnungen stehen leer? Wie entwickelt sich der Bestand an Sozialwohnungen? Wie viele Menschen sind kommunal untergebracht, wie viele leben ohne gesicherten Wohnraum? Solange solche Fragen nicht sauber beantwortet werden, bleibt Wohnungspolitik Stückwerk.
Der Runde Tisch Offenburg-Ortenau hat deshalb in einem Workshop beim Straßen-Baum-Fest klare Erwartungen formuliert: Wohnen und die Bekämpfung von Obdachlosigkeit müssen zur Chefsache werden. Nicht als wohlklingendes Wahlkampfthema, sondern als konkrete kommunale Aufgabe mit Daten, Personal, Zuständigkeit und politischem Willen.
Wir haben mit Uli Albicker darüber gesprochen, warum Wohnen für ihn eine zentrale soziale Frage ist, welche Rolle die Wohnbau Offenburg übernehmen sollte und warum Obdachlosigkeit nicht ordnungspolitisch verwaltet, sondern mit einer klaren Housing-First-Strategie überwunden werden muss.
Frage: Uli, warum gehört das Thema Wohnen für dich ganz nach oben auf die politische Tagesordnung in Offenburg?
Uli:
Weil Wohnen die Grundlage für fast alles ist. Wer keine sichere Wohnung hat, verliert Halt. Dann geht es nicht nur um vier Wände, sondern um Gesundheit, Arbeit, Familie, Bildung, soziale Teilhabe und Würde. Eine Stadt, in der Menschen mit normalem Einkommen keine Wohnung mehr finden oder Menschen ganz ohne Wohnung leben müssen, hat ein ernstes soziales Problem. Und dieses Problem darf man nicht verwalten. Man muss es politisch lösen wollen.
Frage: Wie groß ist das Problem in Offenburg?
Uli:
Wir wissen zu wenig Genaues, und genau das ist bereits Teil des Problems. Für den Ortenaukreis wird ein Fehlbestand von rund 2.700 Wohnungen benannt. Auf Offenburg heruntergebrochen wären das ungefähr 600 bis 700 fehlende Wohnungen. Gleichzeitig fehlen öffentlich zugängliche Zahlen zum tatsächlichen Wohnungsbestand, zum Leerstand und zur Entwicklung der Sozialwohnungen. Auch die Zahl der kommunal untergebrachten Haushalte steigt, ebenso die sichtbare Straßenobdachlosigkeit. Wer ernsthaft handeln will, braucht zuerst eine ehrliche Bestandsaufnahme.
Frage: Was müsste ein Oberbürgermeister konkret tun?
Uli:
Er muss das Thema zur Chefsache machen. Nicht als Schlagwort, sondern organisatorisch. Das heißt: klare Zuständigkeiten, qualifiziertes Personal, belastbare Daten und eine städtische Gesamtstrategie für Wohnen und gegen Obdachlosigkeit. Offenburg braucht einen echten Überblick: Wie viele Wohnungen fehlen? Wo gibt es Leerstand? Wie entwickeln sich die Mieten? Wie viele Sozialwohnungen gibt es heute, wie viele fallen aus der Bindung, wie viele kommen dazu? Ohne solche Daten bleibt Wohnungspolitik Stückwerk.
Frage: Welche Rolle spielt die Wohnbau Offenburg?
Uli:
Eine zentrale. Die Wohnbau Offenburg darf nicht nur irgendein Akteur auf dem Wohnungsmarkt sein. Sie muss eine Leitfunktion übernehmen. Wenn die Stadt bezahlbaren Wohnraum sichern will, braucht sie dafür ein starkes kommunales Instrument. Bezahlbares Wohnen darf nicht allein dem Markt überlassen werden. Sonst werden genau die Menschen verdrängt, die eine Stadt am Laufen halten: Beschäftigte mit kleinen und mittleren Einkommen, Alleinerziehende, ältere Menschen, junge Familien, Menschen in prekären Lebenslagen.
Frage: Was bedeutet das für den sozialen Wohnungsbau?
Uli:
Wir brauchen deutlich mehr davon. Aber es reicht nicht, nur irgendwo Wohnungen zu bauen und zu hoffen, dass der Markt es richtet. Die Stadt muss aktiv steuern: über eigene Flächen, über Erbbaurecht, über Quoten, über Konzeptvergaben und über eine langfristige Bindung bezahlbarer Mieten. Sozialer Wohnungsbau ist keine Wohltätigkeit. Er ist öffentliche Daseinsvorsorge.
Frage: Und wie sollte Offenburg mit Obdachlosigkeit umgehen?
Uli:
Vor allem menschlicher und wirksamer. Obdachlosigkeit lässt sich nicht durch Ordnungspolitik lösen. Natürlich braucht es Sicherheit im öffentlichen Raum, aber Menschen ohne Wohnung verschwinden nicht, nur weil man sie verdrängt. Wer Obdachlosigkeit bekämpfen will, muss Wohnraum schaffen, Beratung sichern und stabile Hilfen anbieten. Ich halte den Housing-First-Ansatz für richtig: Erst eine Wohnung, dann die weiteren Hilfen. Ein sicherer Ort ist oft die Voraussetzung dafür, dass Menschen überhaupt wieder andere Probleme angehen können.
Frage: Was wäre dein Ziel für Offenburg?
Uli:
Mein Ziel ist klar: In Offenburg soll niemand auf der Straße leben müssen. Und Menschen mit geringem oder normalem Einkommen dürfen nicht aus der Stadt gedrängt werden. Wohnen ist eine soziale Frage, aber auch eine demokratische Frage. Wer sich die Stadt nicht mehr leisten kann, verliert ein Stück Zugehörigkeit. Eine Stadt gehört nicht nur denen, die hohe Mieten zahlen können. Sie gehört allen, die hier leben.
Frage: Was unterscheidet deine Haltung von bloßer Verwaltung des Problems?
Uli:
Ich will nicht nur reagieren, wenn Menschen bereits in Not sind. Ich will, dass Offenburg vorbeugt. Das heißt: früh erkennen, wo Verdrängung entsteht; Mietenentwicklung ernst nehmen; kommunale Unterbringung nicht als Dauerlösung akzeptieren; Leerstand prüfen; sozialen Wohnungsbau stärken; und Menschen ohne Wohnung nicht kriminalisieren, sondern ihnen Wege zurück in Stabilität eröffnen. Eine soziale Stadt erkennt man daran, wie sie mit denen umgeht, die am wenigsten Spielraum haben.
Frage: Dein Satz zum Schluss?
Uli:
Wohnen ist kein Luxus. Wohnen ist Würde. Und eine Stadt, die niemanden zurücklassen will, muss genau dort anfangen.
Fazit
Am Ende geht es um eine einfache Frage: Welche Stadt wollen wir sein? Eine Stadt, die Wohnungsnot und Obdachlosigkeit als unvermeidliche Begleiterscheinung hinnimmt? Oder eine Stadt, die hinschaut, Verantwortung übernimmt und dafür sorgt, dass Menschen nicht aus ihrem Leben herausfallen? Für Uli Albicker ist klar: Eine soziale Stadt beginnt dort, wo Menschen Sicherheit finden. Und diese Sicherheit braucht ein Zuhause.
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