Ein Straßenschild mit der Aufschrift „Hindenburgstraße“ und einer Gedenktafel, die den historischen Zusammenhang zu Paul von Hindenburg und Adolf Hitler erläutert, fotografiert in Schwarz-Weiß vor dem Hintergrund von Bäumen.

Was erinnern wir – und was verdrängen wir? Fragen an die OB-Kandidaten

Offenburg bezeichnet sich gern als Stadt der Freiheit. Doch eine glaubwürdige Freiheitsgeschichte darf nicht nur von den mutigen und ruhmreichen Kapiteln erzählen. Sie muss auch dorthin schauen, wo Menschen entrechtet, verschleppt, ausgebeutet und ermordet wurden – und wo diese Geschichte bis heute im Stadtbild kaum sichtbar ist.

Beim Palodium 2.0 am Montag, 21. September 2026, um 19 Uhr auf dem Platz der Verfassungsfreunde wird deshalb auch über politische Bildung und Erinnerungskultur gesprochen.

Eingeleitet wird dieser Themenblock von Hans-Peter Goergens vom „Verein für eine grenzüberschreitende Erinnerungsarbeit und eine friedliche und humane Zukunft – Offenburg“. Seine Fragen an die Kandidaten für das Amt des Oberbürgermeisters richten den Blick auf einige blinde Flecken der Offenburger Stadtgeschichte.

Eine Hindenburgstraße in der Stadt der Freiheit?

Noch immer gibt es in Offenburg eine Hindenburgstraße. Paul von Hindenburg ernannte Adolf Hitler 1933 zum Reichskanzler und trug mit der von ihm verbreiteten Dolchstoßlegende zur Zerstörung der Weimarer Demokratie bei.

Kann eine Stadt, die sich ihrer demokratischen Traditionen rühmt, diesen Namen weiterhin unkommentiert im Straßenbild tragen? Und wären die Kandidaten bereit, sich für eine Umbenennung einzusetzen?

Wo ist die Erinnerung an das Offenburger KZ?

An das Konzentrationslager in Offenburg und seine 41 ermordeten Häftlinge erinnert heute lediglich eine Gedenktafel an der Erich-Kästner-Realschule. Im öffentlichen Bewusstsein vieler Menschen kommt dieses Kapitel der Stadtgeschichte kaum vor.

Deshalb wird beim Palodium gefragt: Wie kann Offenburg diese Geschichte sichtbarer machen? Und würden die Kandidaten die Bemühungen um eine Denkstätte unterstützen, die zugleich ein dauerhafter Lernort für kommende Generationen sein könnte?

Tausende Zwangsarbeiter – und kaum sichtbare Spuren

Tausende Menschen wurden während der nationalsozialistischen Herrschaft nach Offenburg verschleppt und zur Arbeit gezwungen. Viele lebten unter erbärmlichen Bedingungen in Baracken, litten Hunger und mussten schwere körperliche Arbeit verrichten. Es kam auch zu willkürlichen Tötungen.

Doch wer heute durch Offenburg geht, erfährt fast nichts darüber, wo diese Menschen untergebracht waren, wo sie arbeiten mussten und was ihnen angetan wurde. Ihr Schicksal ist im Stadtbild nahezu unsichtbar.

Haben diese Menschen nicht verdient, dass Offenburg angemessen an sie erinnert? Und wie könnte eine solche Erinnerung konkret aussehen?

Erinnerung darf nicht an der Grenze enden

Das benachbarte Elsass wurde während des Zweiten Weltkriegs völkerrechtswidrig vom Deutschen Reich annektiert und dem Gau Baden zugeschlagen. Auf der französischen Seite gibt es heute eine „Straße der Erinnerung“. Der Wunsch, diesen Weg auf der badischen Seite fortzuführen, wurde von der Stadt Offenburg bislang nicht aufgegriffen.

Dabei könnte gerade eine grenzüberschreitende Erinnerungsarbeit zeigen, was aus der Geschichte gelernt werden kann: Frieden, Verständigung und Demokratie entstehen nicht von selbst. Sie müssen immer wieder neu erarbeitet werden.

Werden die Kandidaten bereit sein, diesen Wunsch aus dem Elsass wieder aufzunehmen?

Auch die Kolonialgeschichte gehört zu Offenburg

Soldaten aus den Offenburger Kasernen waren zur Zeit des Völkermords an den Herero und Nama in der damaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika eingesetzt. Im öffentlichen Raum erinnert vonseiten der Stadt bislang nichts an diesen Teil der Offenburger Geschichte.

Deshalb stellt sich auch hier die Frage: Sind die Kandidaten bereit, diese Verbindungen wissenschaftlich erforschen zu lassen, die Ergebnisse öffentlich zu machen und daraus eine angemessene Form der Erinnerung zu entwickeln?

Erinnerungskultur ist eine Aufgabe der Gegenwart

Bei diesen Fragen geht es nicht darum, die Kandidaten einer historischen Wissensprüfung zu unterziehen. Es geht um ihre Haltung und ihre Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.

Eine demokratische Stadt erinnert nicht nur an das, worauf sie stolz sein kann. Sie stellt sich auch den dunklen Kapiteln ihrer Geschichte. Sie macht die Erfahrungen der Verfolgten sichtbar, schafft Orte des Lernens und widerspricht denen, die Geschichte relativieren, verfälschen oder am liebsten vergessen würden.

Gerade in einer Zeit, in der rechtsextreme Kräfte wieder stärker werden und offen an den Grundlagen unserer Demokratie rütteln, ist Erinnerungskultur kein schmückendes Beiwerk. Sie gehört zur demokratischen Infrastruktur einer Stadt.

Beim Palodium 2.0 wollen wir deshalb von den Kandidaten wissen: Welche Geschichte soll im Offenburg der Zukunft sichtbar sein – und was sind sie bereit, dafür konkret zu tun?

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