Ein bemerkenswerter Zeitungsartikel würdigt unsere Aktionskunst. Am Wochenende öffnen wir nun die Türen unserer Protestwerkstatt – und zeigen, wie aus Wut, Ideen und gemeinschaftlichem Engagement sichtbarer Stadtwandel entsteht.
Wir haben nicht damit begonnen, weil wir Kunst machen wollten. Wir wollten Bäume retten. Wir wollten zeigen, wie heiß unsere Plätze und Straßen geworden sind. Wir wollten darauf aufmerksam machen, dass Menschen an manchen Stellen kaum sicher über die Straße kommen. Wir wollten sichtbar machen, was in Plänen, Statistiken und Sitzungsunterlagen oft unsichtbar bleibt.
Also haben wir Bäume umhäkelt, Temperaturen mit Straßenkreide auf den Boden geschrieben, überdimensionale Stadtpläne gebaut, Plakate entworfen, Banner getragen und einen fehlenden Zebrastreifen „gestreichelt“. Vielleicht ist genau das Kunst.
Inhalt
ToggleHumorvoll, politisch und rückbaubar
Beim diesjährigen Salmengespräch diskutierte die Aktionskünstlerin Cesy Leonard, Gründerin des Kollektivs „Radikale Töchter“, über die Frage: Was muss Kunst – und wie weit darf sie gehen?
Leonard beschrieb Kriterien für wirkungsvolle Aktionskunst: Sie soll ein konkretes Thema aufgreifen, politisch sein, mit Humor arbeiten und rückbaubar bleiben. Kunst dürfe stören, provozieren und Debatten auslösen. Denn Kunst, die niemanden berührt und niemandem wehtut, verändert meistens auch nichts.
Die Journalistin Bettina Kühne nahm diese Aussagen zum Anlass, den Blick vom Salmen hinaus auf die Offenburger Straßen zu richten. In ihrem Artikel „Die moralische Grenze zählt“ stellt sie fest, dass unsere Aktionen genau diesen Kriterien entsprechen: das Umhäkeln bedrohter Bäume, die mit Kreide sichtbar gemachten Hitzetemperaturen und das „Zebrastreicheln“ in der Weingartenstraße.
Konkret. Humorvoll. Politisch. Rückbaubar.
Und dennoch begegneten uns in der Vergangenheit nicht nur Neugier und Zustimmung, sondern auch Repressalien, Gebührenbescheide und bürokratische Schikanen. Gerade darin erkennt der Artikel einen bemerkenswerten Widerspruch: Während sich Offenburg im Salmen als Wiege der Freiheit feiert, wird kreativer Protest im öffentlichen Raum schnell unbequem, sobald er sich auf das eigene Pflaster richtet.
Kühnes Schlusssatz bringt es auf den Punkt: Die Debatte über die Freiheit der Kunst tut vor allem dort weh, „wo die Kreide den eigenen Pflasterboden berührt“.
Diese Anerkennung gehört vielen
Der Artikel tut gut. Nicht, weil es bei unserem Engagement um persönliche Anerkennung geht. Sondern weil er sichtbar macht, dass kreativer Protest kein Störfall der Demokratie ist. Er ist gelebte Demokratie.
Diese Würdigung gehört deshalb allen, die in den vergangenen Jahren mit uns gedacht, gemalt, gehäkelt, gemessen, geplant, fotografiert, gedruckt, getragen und diskutiert haben. Den Menschen, die bei Aktionen auf der Straße standen. Denjenigen, die Unterschriften gesammelt, Bäume dokumentiert, Transparente aufgehängt oder Kreide über den Asphalt gezogen haben. Und auch allen, die stehen geblieben sind, nachgefragt und ein Gespräch begonnen haben.
Unsere Aktionen entstehen nicht für ein Museum. Sie entstehen aus konkreten Konflikten um Bäume, Hitze, Mobilität, Flächengerechtigkeit und demokratische Teilhabe. Ihre Bühne ist die Stadt selbst.
Die Straße ist Ausstellungsraum, Werkstatt und politischer Verhandlungsort zugleich.
Am Wochenende öffnen wir unsere Protestwerkstatt
Passender könnte der Zeitpunkt kaum sein: Am kommenden Wochenende öffnen wir im Rahmen der Offenen Ateliers Offenburg 2026 unsere Protestwerkstatt und das Atelier für Urban Transformation Design.
Am Samstag, 19. September, und Sonntag, 20. September 2026, jeweils von 11 bis 18 Uhr, können Besucherinnen und Besucher erleben, wie aus gesellschaftlichen Fragen Bilder, Objekte und Interventionen entstehen. Die OAO bringen in diesem Jahr mehr als 80 Kunstschaffende und zahlreiche Ateliergemeinschaften zusammen. Weitere Informationen bietet die Stadt Offenburg zu den Offenen Ateliers.
Bei uns gibt es keine saubere Trennung zwischen Kunst, Stadtentwicklung und politischem Engagement. Wir zeigen Materialien und Spuren unserer Aktionen: Plakate, Drucke, Schablonen, Transparente, Karten, Modelle und Objekte. Sie erzählen von bedrohten Stadtbäumen, überhitzten Plätzen und ungerecht verteiltem Straßenraum – aber auch davon, wie Menschen ihre Stadt selbst in die Hand nehmen können.
Mit dabei sind unter anderem:
- die Plastiken von Ulla Köhn, mit denen unsere überformatigen Stadt- und Straßenpläne zu räumlichen Kunstwerken werden,
- der Künstler Elias Erred mit seinem Spanplattendruckstock und einer gemeinsamen Druckaktion am Samstagnachmittag,
- Fotografien von Uwe Nestlen, der Offenburgs Veränderungen seit Jahren mit der Kamera begleitet,
- sowie sein Film „Offenburg im Wandel“, der weitere Orte und Spuren der städtischen Transformation sichtbar macht.
Vor allem aber soll die Protestwerkstatt ein Ort der Begegnung sein. Wir möchten mit euch darüber sprechen, was Aktionskunst bewirken kann, wo Protest beginnt und wem der öffentliche Raum eigentlich gehört.
Kommt vorbei – und bringt eure Fragen mit
Vielleicht entdeckt ihr ein Plakat wieder, das ihr schon auf einer Demonstration gesehen habt. Vielleicht erkennt ihr einen Baum, für den ihr selbst unterschrieben habt. Vielleicht bekommt ihr Lust, bei einer der nächsten Aktionen mitzumachen. Oder ihr kommt mit einer ganz neuen Idee zu uns.
Denn unsere Protestwerkstatt ist kein Archiv vergangener Kämpfe. Sie ist ein Labor für das, was als Nächstes kommt.
Offene Ateliers Offenburg 2026
Samstag, 19. September, und Sonntag, 20. September 2026
jeweils 11 bis 18 Uhr
Protestatelier – Atelier für Urban Transformation Design
Weingartenstraße 33
77654 Offenburg
Mehr zum Programm findet ihr auf unserer Veranstaltungsseite zur Protestwerkstatt.
Kommt vorbei, schaut euch um, diskutiert mit uns – und nehmt ruhig ein Stück Kreide in die Hand.
Denn Veränderung beginnt manchmal mit einem Strich auf dem Pflaster.
Bildquellen
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