Eine Rede im Gemeinderat – und was sie für Offenburg bedeutet. Am 20.04.2026 hat Daniel Fritsch in der Fragestunde des Offenburger Gemeinderats das Wort ergriffen. Anlass war die geplante Benennung des Bürgerpark nach Wolfgang Schäuble. Seine Rede stellt eine einfache, aber zentrale Frage: Wen ehren wir – und wofür steht diese Stadt eigentlich? Wir dokumentieren zentrale Passagen und ordnen sie ein.
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ToggleDiese Projekte stehen für das, was Offenburg ausmachen sollte
„Ich habe drei Jahre lang den ‚Bunten Block‘ in Offenburg aufgebaut und mitgeleitet – einen Safe Space für queere Jugendliche … Außerdem bin ich am ‚Café Pride‘ beteiligt … Diese Projekte stehen für das, was Offenburg ausmacht – oder zumindest ausmachen sollte: eine vielfältige, offene und solidarische Stadt.“
Das ist mehr als ein persönlicher Einstieg. Hier wird deutlich, worum es wirklich geht: um Räume, die Vielfalt in Offenburg erst sichtbar machen mussten – oft gegen Widerstände. Die folgende Kritik kommt nicht aus der Theorie, sondern aus gelebter Praxis.
Ein Denkmal ist nicht neutral
„Ein Denkmal ist nicht neutral. Es ist eine bewusste Entscheidung, wen wir ehren – und wofür wir als Stadt stehen wollen.“
Das ist der Kern der Debatte. Straßennamen, Denkmäler und Parkbezeichnungen sind keine Formalität – sie sind aktive Erinnerungspolitik. Sie zeigen, welche Werte eine Stadt nach außen trägt und nach innen lebt.
Wofür steht die Ehrung?
„Aus meiner Sicht ist Wolfgang Schäuble keine Persönlichkeit, der Offenburg ein Denkmal setzen sollte.“
Dieser Satz markiert die Bruchlinie. Es geht nicht darum, politische Bedeutung zu leugnen – sondern darum, ob sie für eine Ehrung ausreicht.
Die entscheidende Frage dahinter lautet: Reicht Einfluss – oder braucht es auch Haltung?
Konkrete Entscheidungen statt abstrakter Debatte
„2017 stimmte er gegen die Öffnung der Ehe für gleichgeschlechtliche Paare …“
„Im Zuge der Wiedervereinigung wurde das restriktivere westdeutsche Strafrecht gegenüber Homosexualität auf das gesamte Bundesgebiet ausgeweitet …“
„Als Präsident des Deutschen Bundestages blockierte er Initiativen, homosexuellen Opfern des Nationalsozialismus ausdrücklich Raum zu geben.“
Hier wird die Diskussion greifbar. Es geht nicht um Meinungen, sondern um konkrete politische Entscheidungen. Und damit um die Frage, ob jemand, der in zentralen Fragen der Gleichstellung nicht auf der Seite von Fortschritt stand, heute als Symbolfigur einer offenen Stadt taugt.
Die Verantwortung des Gemeinderats
„Wenn Sie heute für ein Denkmal stimmen, dann treffen Sie eine bewusste Entscheidung darüber, wie glaubwürdig Offenburg als vielfältige und offene Stadt ist.“
Diese Aussage zielt ins Zentrum politischer Verantwortung. Der Gemeinderat entscheidet nicht nur über einen Namen – sondern über ein Signal.
Ein Signal an all jene, die in Offenburg leben und sich fragen, ob ihre Realität und ihre Rechte wirklich mitgemeint sind.
Stadtpolitik endet nicht im Ratssaal
„Diese Entscheidung wird nicht folgenlos bleiben. Sie wird Teil der öffentlichen Debatte sein … sichtbar, Jahr für Jahr, etwa im Rahmen des CSD in Offenburg.“
Das ist keine Drohung, sondern eine nüchterne Feststellung. Politische Entscheidungen wirken weiter – im Alltag, auf der Straße, in der Stadtgesellschaft. Und sie werden dort auch bewertet.
Die eigentliche Frage
Die Rede von Daniel Fritsch zwingt zu einer Auseinandersetzung, die über diesen konkreten Fall hinausgeht: Wem gehört die Stadt? Und wer entscheidet darüber, wessen Geschichte sichtbar wird? Ein Park ist kein neutraler Ort. Ein Name ist kein Zufall. Er ist Ausdruck dessen, was eine Stadt sein will.
Und jetzt?
Die Entscheidung ist gefallen. Aber die Debatte hat gerade erst begonnen. Sie wird weitergeführt werden – in Gesprächen, in Initiativen, auf der Straße. Denn eine Stadt ist kein statisches Gebilde. Sie wird gemacht.
Von denen, die widersprechen. Von denen, die sich einmischen.
Und von denen, die nicht akzeptieren, dass Entscheidungen ohne Konsequenzen bleiben.
Was nach der Abstimmung geschah
Nach der Abstimmung, die zugunsten der Umbenennung ausging, kam es noch zu einer kurzen, aber aufschlussreichen Szene: Daniel Fritsch rief in den Saal: „Intolerante Stadt!“ Daraufhin wurde er des Saales verwiesen.
Man kann diesen Moment unterschiedlich bewerten. Als Regelverstoß. Als emotionale Reaktion. Oder als bewusste Zuspitzung.
Fest steht: Hier prallen zwei Verständnisse von Stadt aufeinander.
Auf der einen Seite ein formaler Beschluss, gefasst nach den Regeln der Kommunalpolitik. Auf der anderen Seite der Anspruch, dass sich eine Stadt an ihren eigenen Werten messen lassen muss – gerade dann, wenn Entscheidungen getroffen werden.
Der Ruf „intolerante Stadt“ ist dabei weniger eine Beschreibung als eine Anklage. Und vor allem: eine offene Frage.
Wie tolerant ist eine Stadt, wenn ihre Symbolpolitik von einem Teil der Stadtgesellschaft als Ausschluss erlebt wird?
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