Die Sperrung der Weingartenstraße zeigt: Verkehr ist kein Naturgesetz. Die Weingartenstraße ist derzeit in einem Teilbereich nur eingeschränkt befahrbar. Wegen der Baustelle ist die Durchfahrt nicht wie gewohnt möglich. Was auf den ersten Blick nach einer normalen temporären Verkehrssituation aussieht, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als hochinteressanter Realversuch.
Denn seit Jahren wird über die Weingartenstraße diskutiert. Über Verkehr, Bäume, Radwege, Gehwege, Parkplätze, Durchgangsverkehr und Aufenthaltsqualität. Immer wieder stand auch eine Einbahnstraßenlösung im Raum. Nun gibt es, zumindest vorübergehend, eine Situation, die genau in diese Richtung weist: Der Verkehr kann nicht mehr wie gewohnt in beide Richtungen durchrollen.
Und plötzlich stellt sich eine ziemlich einfache Frage: Wo ist der Verkehr geblieben?
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ToggleNormalerweise: bis zu 9.000 Bewegungen am Tag
Die Verkehrszählung mit Telraam zeigt für die Weingartenstraße normalerweise Tageswerte von etwa 8.000 bis 9.000 Bewegungen. Darin enthalten sind Fußgänger:innen, Zweiräder, Pkw, Schwerverkehr und Nachtverkehr. Der mit Abstand größte Anteil entfällt auf Autos.
Besonders auffällig ist die nachmittägliche Spitzenzeit. Rund um 16 Uhr schiebt sich üblicherweise eine deutliche Verkehrswelle durch die Straße. Das passt zu dem, was viele Anwohner:innen längst aus eigener Erfahrung kennen: Nachmittags wird die Weingartenstraße zur Durchfahrtsroute. Dann ist nicht nur „ein bisschen mehr los“, sondern dann wälzt sich der Verkehr spürbar durch den Straßenraum.
Auch der Blick auf die Ferienzeit ist aufschlussreich. In der ersten Pfingstferienwoche liegen die Werte immer noch bei rund 7.000 Bewegungen pro Tag. Obwohl viele Menschen im Urlaub sind, obwohl Schulwege wegfallen, obwohl der Alltagsverkehr eigentlich reduziert sein müsste, bleibt die Belastung hoch. Das zeigt: Der Verkehr in der Weingartenstraße ist nicht nur ein normales Grundrauschen. Er ist strukturell hoch.

Mit Sperrung: der Verkehr halbiert sich
Die letzten Balken der aktuellen Telraam-Auswertung zeigen ein anderes Bild. Mit der Sperrung sinkt der Verkehr deutlich. Statt der üblichen 8.000 bis 9.000 Bewegungen liegen die Werte nur noch bei etwa der Hälfte.
Das ist kein kleiner Rückgang. Das ist keine statistische Nebensache. Das ist ein massiver Einschnitt.
Und genau deshalb wird die Situation politisch und planerisch interessant.
Denn die übliche Behauptung lautet: Wenn man den Autoverkehr an einer Stelle einschränkt, verlagert er sich einfach in die nächste Straße. Dann sei niemandem geholfen. Dann hätten nur andere Anwohner:innen das Problem. Dann könne man ohnehin nichts ändern.
Aber stimmt das hier?

Die Umleitungsstraßen wirken nicht überlastet
Ein Blick zur nachmittäglichen Hauptverkehrszeit zeigt ein überraschendes Bild. Die offizielle Umleitung über Hölderlinstraße und Zeller Straße wirkt nicht überlastet. Auch in der Fessenbacherstraße, also in der weiteren parallelen Verbindung zur Weingartenstraße, ist keine auffällige Zusatzbelastung zu erkennen.
Natürlich ist eine Beobachtung an einem Dienstagnachmittag noch keine vollständige Verkehrsuntersuchung. Niemand sollte daraus vorschnell ableiten, es gebe überhaupt keine Verlagerung. Aber genauso wenig darf man einfach behaupten, der Verkehr würde sich zwangsläufig komplett in die Nachbarstraßen ergießen.
Genau das scheint auf den ersten Blick nämlich nicht zu passieren.
Und damit wird die Frage erst recht spannend:
Wenn mehrere tausend tägliche Bewegungen aus der Weingartenstraße verschwinden, ohne dass die naheliegenden Ausweichrouten sichtbar kollabieren – wo ist dieser Verkehr dann hin?

Verkehr verdunstet auch
Verkehr wird oft behandelt, als wäre er Wasser in einem Rohr. Wenn ein Rohr zugedreht wird, muss dieselbe Menge Wasser eben durch ein anderes Rohr fließen. Dieses Bild ist bequem, aber falsch.
Verkehr ist kein Naturgesetz. Verkehr ist Verhalten.
Menschen entscheiden, wann sie fahren, wohin sie fahren, welche Route sie wählen, ob sie Wege bündeln, ob sie eine andere Uhrzeit nutzen, ob sie ein anderes Verkehrsmittel nehmen oder ob eine Fahrt überhaupt notwendig ist. Wenn eine gewohnte Abkürzung wegfällt, passiert nicht automatisch nur Verlagerung. Es passiert auch Anpassung.
Ein Teil des Verkehrs verteilt sich weiträumiger. Ein Teil fährt zu anderen Zeiten. Ein Teil wählt andere Ziele. Ein Teil nutzt andere Wege. Und ein Teil findet schlicht nicht statt.
Genau dieses Phänomen wird in der Verkehrsplanung häufig als Verkehrsverdunstung beschrieben. Damit ist nicht gemeint, dass Menschen sich in Luft auflösen. Gemeint ist: Ein Teil des Verkehrs war nicht unvermeidbar, sondern entstand durch Bequemlichkeit, Gewohnheit und vorhandene Kapazität.
Wenn eine Straße offen und bequem befahrbar ist, wird sie genutzt. Wenn sie nicht mehr offen und bequem befahrbar ist, verändert sich Verhalten.
Die aktuelle Sperrung der Weingartenstraße könnte genau das sichtbar machen.
War die Weingartenstraße zu bequem?
Diese Frage mag provozieren, aber sie muss gestellt werden.
Vielleicht war die Weingartenstraße bisher nicht deshalb so stark belastet, weil der gesamte Verkehr dort zwingend fahren musste. Vielleicht war sie auch deshalb so stark belastet, weil sie eine bequeme, eingeübte Durchfahrtsroute war.
Wer aus Richtung Zell-Weierbach, Fessenbach oder den östlichen Wohnlagen in die Stadt wollte, konnte sich daran gewöhnen, die Weingartenstraße zu nutzen. Wer vom Osten in Richtung Innenstadt, Südstadt oder andere Ziele fuhr, fand dort eine direkte Verbindung. Wer einmal eine Route gewohnt ist, hinterfragt sie selten. Navigationssysteme verstärken solche Routinen zusätzlich.
So entsteht Verkehr nicht nur durch Notwendigkeit, sondern durch Angebot.
Eine Straße, die viel Verkehr aufnehmen kann, zieht Verkehr an. Eine Straße, die weniger Durchfahrt erlaubt, verändert die Wahlmöglichkeiten. Das ist kein Zusammenbruch. Das ist Steuerung.
Was wir jetzt wissen – und was wir noch nicht wissen
Wir wissen: Die Telraam-Daten zeigen normalerweise hohe Tageswerte in der Weingartenstraße, oft im Bereich von 8.000 bis 9.000 Bewegungen.
Wir wissen: Auch in der Ferienzeit bleibt das Niveau ohne Sperrung hoch.
Wir wissen: Mit der aktuellen Einschränkung sinkt der Verkehr deutlich, offenbar auf etwa die Hälfte.
Wir beobachten: Die naheliegenden Umleitungsstrecken wirken zumindest nicht offensichtlich überlastet.
Was wir noch nicht wissen: Wie genau sich der Verkehr verteilt. Welche Straßen zusätzlich belastet werden. Welche Fahrten weiträumiger verlagert werden. Welche Fahrten zu anderen Zeiten stattfinden. Und welcher Teil tatsächlich wegfällt.
Aber genau deshalb darf die Stadt diese Situation nicht einfach verstreichen lassen.
Die Stadt muss jetzt messen
Wenn Offenburg ernsthaft über die Zukunft der Weingartenstraße sprechen will, dann ist die aktuelle Situation eine Chance. Eine reale Verkehrssituation liegt vor. Die Daten können erhoben werden. Die Auswirkungen können beobachtet werden. Die Erfahrungen der Menschen vor Ort können abgefragt werden.
Nötig wären unter anderem:
- Verkehrszählungen in der Weingartenstraße vor, während und nach der Sperrung
- Vergleichszählungen in Hölderlinstraße, Zeller Straße, Fessenbacherstraße und weiteren möglichen Ausweichrouten
- Auswertung der nachmittäglichen Spitzenstunde rund um 16 Uhr
- Geschwindigkeitsmessungen
- Beobachtung von Querungen für Fußgänger:innen
- Bewertung der Situation für Radfahrende
- Erfassung von Lärm und Aufenthaltsqualität
- Befragung von Anwohner:innen und Gewerbetreibenden
- besondere Betrachtung von Schulwegen, älteren Menschen und mobilitätseingeschränkten Personen
Erst dann lässt sich seriös beurteilen, ob eine dauerhafte Einbahnstraßenlösung, eine Verkehrsberuhigung oder eine andere Neuordnung sinnvoll wäre.
Aber eines ist jetzt schon klar: Einfach zu behaupten, der Verkehr müsse zwangsläufig vollständig in andere Straßen ausweichen, reicht nicht mehr aus.
Eine halbe Sperrung, eine ganze Erkenntnis
Die aktuelle Situation zeigt etwas, das in Verkehrsdebatten oft verdrängt wird: Straßenverkehr ist gestaltbar.
Wenn eine Einschränkung dazu führt, dass sich der Verkehr in der Weingartenstraße halbiert, ohne dass die unmittelbar naheliegenden Umleitungsrouten sichtbar zusammenbrechen, dann muss diese Beobachtung ernst genommen werden.
Vielleicht war ein erheblicher Teil des Verkehrs bisher kein unvermeidbarer Zielverkehr. Vielleicht war er Durchgangsverkehr. Vielleicht war er Gewohnheitsverkehr. Vielleicht war er das Ergebnis einer jahrzehntelangen Planung, die dem Auto immer wieder den bequemsten Weg angeboten hat.
Dann wäre die eigentliche Frage nicht: Wie bekommen wir all diese Autos möglichst schnell wieder durch die Weingartenstraße?
Sondern:
Wie viel Verkehr verträgt diese Straße überhaupt?
Die Weingartenstraße ist mehr als eine Fahrbahn
Die Weingartenstraße ist keine abstrakte Linie im Verkehrsnetz. Sie ist eine Wohnstraße. Eine Geschäftsstraße. Eine Baumstraße. Ein Schulweg. Ein Weg für alte Menschen, Kinder, Radfahrende, Fußgänger:innen, Menschen mit Rollator, Kinderwagen oder Einkaufstasche.
Wer nur auf die Leistungsfähigkeit für Autos schaut, sieht diese Straße nicht vollständig.
Wenn weniger Verkehr möglich ist, dann muss man darüber sprechen, was dadurch gewonnen werden kann: mehr Ruhe, mehr Sicherheit, bessere Querbarkeit, weniger Stress, bessere Bedingungen für Rad- und Fußverkehr, mehr Lebensqualität für die Menschen vor Ort.
Das ist keine ideologische Frage. Es ist eine planerische.
Eine Stadt, die Klimaanpassung, Verkehrswende und lebenswerte Quartiere ernst nimmt, darf solche Chancen nicht ignorieren.
Nicht zurück zur Normalität
Nach Baustellen gibt es oft den Reflex, möglichst schnell zur alten Normalität zurückzukehren. Absperrungen weg, Durchfahrt frei, alles wieder wie vorher.
Aber was, wenn die alte Normalität Teil des Problems war?
Was, wenn die aktuelle Sperrung zeigt, dass die Weingartenstraße mit deutlich weniger Verkehr funktionieren kann? Was, wenn sie sogar besser funktioniert – zumindest für die Menschen, die dort wohnen, gehen, radfahren und leben?
Dann wäre es falsch, die Sperrung nur als Störung zu betrachten. Sie ist ein Hinweis.
Ein Hinweis darauf, dass Verkehr nicht einfach da ist, sondern gemacht wird. Ein Hinweis darauf, dass Gewohnheiten veränderbar sind. Ein Hinweis darauf, dass Straßenräume neu gedacht werden können.
Die Weingartenstraße ist nicht zu eng für eine gute Lösung.
Sie ist zu wertvoll, um sie weiter als reine Durchfahrtsroute zu behandeln.
Die Frage bleibt
Wo ist der Verkehr geblieben?
Vielleicht verteilt er sich. Vielleicht fährt er anders. Vielleicht fährt er später. Vielleicht fährt er gar nicht. Wahrscheinlich ist es eine Mischung aus allem.
Aber genau das ist der Punkt.
Wenn eine Straße halb gesperrt wird und der Verkehr nicht sichtbar im Nachbarquartier explodiert, dann war ein Teil dieses Verkehrs offenbar kein Schicksal. Er war Gewohnheit.
Und Gewohnheiten kann man ändern.
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