Warum die aktuelle Einbahnstraßen-Situation in der Weingartenstraße mehr ist als eine Baustellen-Notlösung. Die Weingartenstraße ist derzeit in einem Teilbereich nur einseitig befahrbar. Was offiziell als vorübergehende Baustellensituation erscheint, ist in Wahrheit mehr: ein unfreiwilliger Verkehrsversuch mitten in Offenburg.
Denn seit Jahren wird über die Zukunft der Weingartenstraße gestritten. Es geht um Bäume, Radwege, Gehwege, Parkplätze, Durchgangsverkehr, Aufenthaltsqualität und die Frage, wem der knappe öffentliche Raum eigentlich gehören soll. Eine Einbahnstraßenlösung wurde dabei immer wieder als mögliche dauerhafte Variante ins Gespräch gebracht. Nun ist sie, zumindest vorübergehend, Realität.
Und deshalb sollten wir genau hinsehen. Nicht aus Bauchgefühl. Nicht aus Gewohnheit. Sondern mit der nüchternen Frage: Was verändert sich, wenn eine historisch gewachsene Wohn- und Geschäftsstraße nicht mehr in beide Richtungen vom Autoverkehr durchfahren wird?

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ToggleDie Weingartenstraße war nicht immer eine Autostraße
Wer die heutige Weingartenstraße betrachtet, könnte leicht glauben, sie sei schon immer eine Verkehrsachse gewesen. Eine Straße, die eben Autos aufnehmen muss. Eine Verbindung, durch die Verkehr fließt. Ein Stück Infrastruktur, dessen Hauptaufgabe darin besteht, möglichst viele Fahrzeuge möglichst reibungslos durchzuleiten. Doch historisch stimmt dieses Bild nicht.
Um 1880 war die Weingartenstraße noch stark von ihrer Funktion als Feldweg beziehungsweise Zufahrt in Richtung Zell-Weierbach geprägt. Sie war Teil eines Wegenetzes, das Landschaft, Landwirtschaft, Stadt und Dorf miteinander verband. Der Maßstab war nicht das Auto, sondern der Mensch, das Tier, der Wagen, der Fußweg.
Bereits um 1910 hatte sich die Weingartenstraße weiterentwickelt. Sie war nicht mehr nur ein Weg am Rand, sondern eine Wohn- und Geschäftsstraße. Dort wurde gewohnt, gegangen, eingekauft, gearbeitet, begegnet. Die Straße war Alltagsraum. Nicht bloß Fahrbahn.
Das ist wichtig, weil es die heutige Debatte zurechtrückt. Die Weingartenstraße wurde nicht „zu eng“, weil dort Menschen wohnen, Bäume stehen oder Geschäfte liegen. Sie wurde eng, weil im Laufe des 20. Jahrhunderts immer mehr motorisierte Fahrzeuge denselben begrenzten Raum beanspruchten.
Nicht die Menschen wurden das Problem – sondern die Autos
Ein Blick auf Zell-Weierbach macht diese Entwicklung greifbar. Zell-Weierbach hatte im Jahr 1961 rund 2.859 Einwohner:innen. Heute sind es rund 3.650. Das ist ein Wachstum, ja. Aber kein Wachstum, das allein erklären könnte, warum Straßenraum, Stellplätze und Verkehrsflächen heute unter solchem Druck stehen.
Der entscheidende Wandel liegt woanders: in der Zahl der Autos pro Mensch. Aus historischen Einwohnerzahlen Zell-Weierbachs und der bundesweiten Pkw-Dichte lässt sich der ungefähre Pkw-Bestand für den Ortsteil abschätzen. Das ist keine exakte Zulassungsstatistik für Zell-Weierbach. Aber es ist eine plausible Näherung, die die Größenordnung sichtbar macht.
1961 lag der rechnerisch geschätzte Pkw-Bestand in Zell-Weierbach bei etwa 270 Fahrzeugen. Heute wären es, übertragen auf die heutige Einwohnerzahl und die bundesweite Pkw-Dichte, über 2.100 Pkw. Die Einwohnerzahl ist seit 1961 also um etwa 28 Prozent gestiegen. Der geschätzte Pkw-Bestand dagegen hat sich nahezu verachtfacht. Das ist die zentrale Verschiebung.
Nicht Zell-Weierbach ist einfach „voller Menschen“ geworden. Zell-Weierbach wurde vor allem voller Autos. Und diese Autos bleiben nicht im Ortsteil stehen. Sie fahren in die Stadt. Sie pendeln. Sie suchen Wege. Sie nutzen Verbindungen. Sie erzeugen Lärm, Abgase, Tempo, Parkdruck und Flächenkonflikte. Die Weingartenstraße wurde damit immer stärker zur Durchfahrts- und Belastungsstraße.
Eine Straße wurde dem Verkehr untergeordnet
Diese Entwicklung ist kein Naturgesetz. Sie ist das Ergebnis jahrzehntelanger Planung, Gewöhnung und politischer Entscheidungen. Über Jahrzehnte wurde der öffentliche Raum in vielen Städten so behandelt, als müsse er sich vor allem dem Auto anpassen. Wenn mehr Autos kamen, brauchte es mehr Fahrbahn. Mehr Parkplätze. Mehr Leistungsfähigkeit. Mehr Durchfluss. Mehr Raum für Fahrzeuge.
Doch die Straßen selbst sind nicht mitgewachsen. Die Häuser stehen dort, wo sie stehen. Die Bäume brauchen Platz. Gehwege brauchen Breite. Kinder, ältere Menschen, Menschen mit Rollator, Rollstuhl oder Kinderwagen brauchen sichere und angenehme Wege. Wer mit dem Fahrrad unterwegs ist, braucht Schutz. Wer an der Straße wohnt, braucht Ruhe, Schatten und saubere Luft.
Die Weingartenstraße zeigt diesen Konflikt beispielhaft. Sie ist eine gewachsene Stadtstraße, die zu lange so behandelt wurde, als müsse sie eine Autoverkehrsachse sein. Genau darin liegt der Fehler. Nicht jede Straße, die von Autos genutzt wird, muss auch für immer als Durchfahrtsstraße organisiert werden. Und nicht jede Verbindung, die bequem für den Autoverkehr ist, ist deshalb auch stadtverträglich.
Die aktuelle Sperrung ist ein Realversuch
Die derzeitige einseitige Sperrung schafft eine Situation, die sonst oft nur theoretisch diskutiert wird: Was passiert, wenn der Autoverkehr in der Weingartenstraße reduziert, kanalisiert oder anders geführt wird?
Wird die Straße ruhiger? Wird sie sicherer? Verändert sich das Tempo? Wird das Queren leichter? Entstehen Ausweichverkehre? Wenn ja, wohin? Wie erleben Anwohner:innen die Situation? Was sagen Gewerbetreibende? Wie verändert sich die Straße für Fußgänger:innen, Radfahrende, Kinder und ältere Menschen?
Diese Fragen sind nicht nebensächlich. Sie gehören ins Zentrum einer ernsthaften Stadtplanung. Denn die Stadt muss jetzt nicht spekulieren. Sie kann messen. Sie kann beobachten. Sie kann befragen. Sie kann vergleichen. Vor der Sperrung. Während der Sperrung. Nach der Sperrung.
Wenn eine dauerhafte Einbahnstraßenregelung tatsächlich als mögliche Lösung diskutiert wird, dann wäre es fahrlässig, die aktuelle Situation nicht auszuwerten.
Was jetzt gemessen werden müsste
Die Stadt Offenburg sollte die aktuelle Lage nicht einfach als Baustellenphase abhaken, sondern als verkehrsplanerische Chance begreifen.
Nötig wären unter anderem:
- Verkehrszählungen in der Weingartenstraße und den angrenzenden Straßen
- Geschwindigkeitsmessungen vor, während und nach der Sperrung
- Erfassung möglicher Ausweichverkehre
- Lärmmessungen oder zumindest nachvollziehbare Lärmbewertungen
- Beobachtung der Querbarkeit für Fußgänger:innen
- Bewertung der Situation für Radfahrende
- Befragung von Anwohner:innen und Gewerbetreibenden
- besondere Betrachtung von Kindern, älteren Menschen und mobilitätseingeschränkten Personen
- Auswertung der Auswirkungen auf Busverkehr, Rettungswege und Lieferverkehr
Erst dann lässt sich seriös sagen, ob eine Einbahnstraßenregelung nur Verkehr verlagert oder ob sie tatsächlich zur Entlastung beitragen kann.
Entscheidend ist: Eine solche Prüfung darf nicht allein aus der Perspektive des Autoverkehrs erfolgen. Es reicht nicht zu fragen, ob Autos noch irgendwie durchkommen. Stadtverträgliche Verkehrsplanung muss fragen, ob eine Straße für alle Menschen besser wird.
Die falsche Frage lautet: Wo sollen all die Autos hin?
In politischen Debatten wird schnell gefragt: Wo sollen denn all die Autos hin? Diese Frage klingt praktisch, ist aber verkürzt. Denn sie nimmt den heutigen Fahrzeugbestand als unveränderbare Naturgröße. Sie tut so, als sei es Aufgabe der Stadt, für immer mehr private Fahrzeuge immer mehr Raum bereitzustellen.
Die bessere Frage lautet: Wie viel Autoverkehr verträgt eine gewachsene Stadtstraße überhaupt? Und noch grundsätzlicher: Welche Form von Mobilität wollen wir fördern, wenn der öffentliche Raum begrenzt ist?
Die Weingartenstraße kann nicht gleichzeitig alles sein: Durchfahrtsroute, Parkraum, Geschäftsstraße, Wohnstraße, sicherer Schulweg, angenehmer Fußweg, Radverbindung, Baumstandort und klimaangepasster Stadtraum. Wer so tut, als ließe sich dieser Konflikt ohne Prioritäten lösen, verschiebt das Problem nur.
Stadtplanung bedeutet Entscheidungen. Und die wichtigste Entscheidung lautet: Orientieren wir uns weiter an der maximalen Bequemlichkeit des Autoverkehrs – oder an der Lebensqualität der Menschen, die dort wohnen und unterwegs sind?
Zurück zur Stadtstraße
Niemand fordert, dass in der Weingartenstraße überhaupt kein Verkehr mehr stattfinden soll. Auch eine lebenswerte Stadt braucht Erreichbarkeit, Lieferverkehr, Handwerk, Pflege, Rettungsdienste und Mobilität für Menschen, die auf ein Auto angewiesen sind. Aber daraus folgt nicht, dass jede Straße möglichst viel Durchgangsverkehr aufnehmen muss.
Eine Wohn- und Geschäftsstraße braucht ein anderes Maß. Weniger Tempo. Weniger Lärm. Mehr Sicherheit. Mehr Schatten. Mehr Platz für Fuß- und Radverkehr. Mehr Aufenthaltsqualität. Mehr Rücksicht. Die Weingartenstraße muss nicht zurück ins Jahr 1880. Aber sie muss auch nicht im Denken der autogerechten Stadt des 20. Jahrhunderts stecken bleiben.
Sie kann wieder stärker das werden, was sie historisch längst war: ein Ort des Alltags. Eine Stadtstraße. Ein Raum, in dem Menschen nicht nur durchfahren, sondern leben.
Was die Stadt jetzt tun sollte
Die aktuelle einseitige Sperrung der Weingartenstraße sollte öffentlich und transparent ausgewertet werden.
Die Stadt Offenburg sollte darstellen:
- Welche Verkehrsveränderungen wurden beobachtet?
- Welche Daten wurden erhoben?
- Wie haben sich Geschwindigkeiten verändert?
- Welche Ausweichverkehre sind entstanden?
- Wie bewerten Anwohner:innen und Gewerbetreibende die Situation?
- Welche Auswirkungen gibt es auf Fuß- und Radverkehr?
- Welche Chancen ergeben sich für eine dauerhafte Neuordnung?
Wenn keine Daten erhoben wurden, wäre auch das eine politische Aussage. Denn dann hätte man eine reale Testsituation verstreichen lassen, ohne aus ihr zu lernen. Gerade in einer Stadt, die über Klimaanpassung, Verkehrswende, Baumerhalt und lebenswerte Quartiere spricht, darf so eine Gelegenheit nicht ungenutzt bleiben.
Die Weingartenstraße hat kein Platzproblem. Sie hat ein Prioritätenproblem.
Die Debatte um die Weingartenstraße wird oft so geführt, als sei zu wenig Platz das zentrale Problem. Doch das stimmt nur oberflächlich. Der Platz ist begrenzt, ja. Aber die eigentliche Frage lautet: Wofür nutzen wir ihn? Für immer mehr Fahrbewegungen? Für parkende Autos? Für sichere Gehwege? Für Radverkehr? Für Bäume? Für Begegnung? Für Menschen, die nicht schnell, stark oder motorisiert unterwegs sind?
Die historische Entwicklung zeigt: Der heutige Druck auf die Weingartenstraße ist nicht einfach entstanden, weil Zell-Weierbach und Offenburg gewachsen sind. Er entstand vor allem, weil der Fahrzeugbestand pro Mensch massiv zugenommen hat. Deshalb reicht es nicht, die Straße immer wieder an den Autoverkehr anzupassen. Irgendwann muss die Stadt den Autoverkehr an die Straße anpassen.
Die aktuelle Einbahnstraßen-Situation zeigt: Veränderung ist möglich. Jetzt kommt es darauf an, ob Offenburg bereit ist, daraus zu lernen. Denn die Weingartenstraße ist nicht zu eng für eine lebenswerte Stadt. Sie ist zu wertvoll, um sie weiter dem Durchgangsverkehr zu opfern.
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