Die Menschen wollen mitgestalten – man muss sie nur lassen

Es gibt Sätze, die klingen erst einmal harmlos. Und dann merkt man: Eigentlich steckt darin eine ziemlich grundlegende Kritik an dem, wie unsere Demokratie vor Ort funktioniert. Einer dieser Sätze steht sinngemäß im Bericht aus dem Projekt „100 Bürgernetzwerke“:

Die Menschen haben Demokratie nicht aufgegeben. Sie warten darauf, ernst genommen zu werden.

Das ist der Kern der Broschüre „Die Menschen wollen mitgestalten!“. Und dieser Kern trifft ziemlich genau das, was wir auch in Offenburg immer wieder erleben.

Denn das Problem ist nicht, dass sich niemand mehr interessiert. Das Problem ist nicht, dass die Menschen nur noch meckern wollen. Das Problem ist auch nicht, dass Bürgerinnen und Bürger zu wenig Ahnung hätten, um über ihre Stadt mitzureden.

Das Problem ist: Viel zu oft werden sie gar nicht wirklich gefragt.

Beteiligung ist mehr als Information

In vielen Kommunen läuft Beteiligung noch immer nach einem alten Muster: Verwaltung und Politik arbeiten Pläne aus. Dann werden diese Pläne vorgestellt. Danach dürfen Bürgerinnen und Bürger Fragen stellen, Bedenken äußern oder Einwände formulieren. Und am Ende passiert häufig trotzdem das, was ohnehin schon vorbereitet war.

Das ist keine echte Beteiligung. Das ist nachträgliche Begleitung fertiger Entscheidungen.

Genau diese Erfahrung beschreibt auch die Broschüre. Viele Menschen erleben Beteiligung als kompliziert, bürokratisch oder folgenlos. Sie haben den Eindruck, dass Entscheidungen längst getroffen wurden, bevor ihre Stimmen überhaupt eine Rolle spielen. Das zerstört Vertrauen. Nicht, weil Menschen grundsätzlich gegen Politik sind, sondern weil sie merken, dass ihre Alltagserfahrung nicht ernst genommen wird.

Dabei wäre genau diese Alltagserfahrung ein Schatz.

Wer täglich zu Fuß durch die Stadt geht, kennt gefährliche Kreuzungen. Wer Kinder hat, kennt fehlende Spiel- und Aufenthaltsräume. Wer im Sommer durch überhitzte Straßen läuft, weiß, wo Schatten fehlt. Wer in einem Verein aktiv ist, weiß, wo Räume, Geld und Unterstützung fehlen. Wer eine bezahlbare Wohnung sucht, kennt die soziale Realität besser als jede Hochglanzbroschüre.

Diese Kompetenz der Stadtgesellschaft wird viel zu selten genutzt.

Demokratie braucht Orte

Ein zweiter starker Gedanke der Broschüre lautet: Demokratie braucht Räume. Das klingt schlicht. Aber es ist entscheidend.

Demokratie entsteht nicht nur im Gemeinderat. Nicht nur im Rathaus. Nicht nur alle paar Jahre in der Wahlkabine. Demokratie entsteht dort, wo Menschen sich begegnen, zuhören, streiten, gemeinsam nach Lösungen suchen und Verantwortung übernehmen können.

Dafür braucht es Orte. Öffentliche Plätze. Vereinsräume. Nachbarschaftstreffs. offene Gesprächsformate. Stadtforen. Räume, in denen nicht nur informiert wird, sondern gemeinsam gedacht werden kann.

Gerade hier zeigt sich auch in Offenburg ein großes Defizit. Viele Debatten finden entweder in Ausschüssen statt, die für viele Menschen weit weg sind, oder in sozialen Medien, wo schnell Zuspitzung, Frust und Missverständnisse dominieren. Was fehlt, sind gut moderierte öffentliche Räume, in denen Stadtgesellschaft, Verwaltung und Politik regelmäßig auf Augenhöhe zusammenkommen.

Nicht als Show. Nicht als Alibi. Sondern als ernst gemeinter Teil kommunaler Demokratie.

Die Stadtgesellschaft ist kein Störfaktor

Besonders deutlich wird die Broschüre dort, wo sie den Umgang von Politik und Verwaltung mit Bürgerinnen und Bürgern beschreibt. Viele Menschen haben das Gefühl, nicht als Partnerinnen und Partner gesehen zu werden, sondern als Störung im Verwaltungsablauf.

Das kennen wir in Offenburg nur zu gut. Ob es um Bäume geht, um Verkehr, um Hitze, um den Flugplatz, um die Landesgartenschau, um Wohnraum oder um soziale Fragen: Immer wieder entsteht der Eindruck, dass bürgerschaftliches Engagement erst dann willkommen ist, wenn es nicht zu unbequem wird.

Wer Fragen stellt, bremst angeblich.
Wer Alternativen vorschlägt, stört angeblich den Prozess.
Wer Daten sehen will, macht angeblich Arbeit.
Wer widerspricht, gilt schnell als schwierig.

Dabei ist genau dieser Widerspruch ein demokratischer Wert. Eine Stadt, die mitdenken lässt, wird besser. Eine Stadt, die Kritik ernst nimmt, trifft bessere Entscheidungen. Eine Stadt, die frühzeitig Betroffene anhört, spart sich später Konflikte, Frust und Vertrauensverlust.

Die Broschüre bringt es auf einen einfachen Punkt: Wahlen sind unverzichtbar. Aber sie ersetzen nicht den kontinuierlichen Dialog zwischen Stadtgesellschaft, Politik und Verwaltung. Genau darüber müssen wir in Offenburg reden.

Vier einfache Vorschläge, die auch Offenburg gut täten

Besonders spannend ist, dass die Broschüre keine komplizierte Reform der Demokratie fordert. Sie macht vier Vorschläge, die jede Kommune eigentlich sofort aufgreifen könnte.

Erstens: Stadtforen schaffen. Zweimal im Jahr könnten Bürgerinnen und Bürger, Vereine, Wirtschaft, Politik und Verwaltung zusammenkommen, um die großen Zukunftsfragen der Stadt gemeinsam zu besprechen. Nicht als Frontalveranstaltung, sondern moderiert, offen und lösungsorientiert.

Zweitens: öffentliche Faktenchecks ermöglichen. Gerade bei umstrittenen Themen braucht es Räume, in denen unterschiedliche Behauptungen, Zahlen und Gutachten öffentlich sortiert werden. Nicht, um Gewinner und Verlierer zu produzieren, sondern um eine gemeinsame Grundlage für Entscheidungen zu schaffen.

Drittens: Betroffene früher anhören. Nicht erst dann, wenn Pläne fertig sind. Sondern bevor Vorlagen geschrieben, Varianten verengt und politische Linien festgezurrt werden.

Viertens: systematisch von anderen Kommunen lernen. Offenburg muss nicht jeden Fehler selbst machen. Andere Städte haben Erfahrungen mit Verkehrsberuhigung, Klimaanpassung, Beteiligung, Entsiegelung, Stadtgrün, Wohnprojekten oder gemeinwohlorientierter Stadtentwicklung gesammelt. Man müsste nur ernsthaft hinschauen.

Alle vier Vorschläge sind unspektakulär. Aber genau darin liegt ihre Stärke. Sie brauchen keine große Gesetzesänderung. Sie brauchen vor allem einen politischen Willen.

Was das für Offenburg bedeutet

Für uns als Konferenz für Urban Transformation Design ist diese Broschüre deshalb mehr als eine nette Zusammenfassung bundesweiter Bürgergespräche. Sie bestätigt vieles von dem, was wir seit Jahren erleben und fordern.

Offenburg braucht eine andere Beteiligungskultur.

Eine Beteiligungskultur, die nicht erst dann beginnt, wenn Pläne praktisch fertig sind. Eine Verwaltung, die bürgerschaftliches Wissen nicht als Zumutung empfindet. Einen Gemeinderat, der öffentliche Debatten nicht als Störung, sondern als demokratische Ressource versteht. Und einen künftigen Oberbürgermeister, der Beteiligung nicht nur verspricht, sondern strukturell möglich macht.

Denn am Ende geht es nicht um ein paar zusätzliche Gesprächsrunden. Es geht um die Frage, wem diese Stadt gehört.

Nur der Verwaltung?
Nur den gewählten Gremien?
Nur denen, die Investorenpläne schreiben, Gutachten beauftragen oder Bauprojekte durchdrücken können?

Oder auch den Menschen, die hier leben, arbeiten, Kinder großziehen, alt werden, sich engagieren, Steuern zahlen, Bäume gießen, Vereine tragen, Nachbarschaften zusammenhalten und jeden Tag erleben, was politische Entscheidungen im Alltag bedeuten?

Die Antwort sollte selbstverständlich sein. Ist sie aber nicht. Darum ist diese Broschüre wichtig. Sie zeigt: Die Menschen wollen mitgestalten. Sie wollen Verantwortung übernehmen. Sie wollen Brücken bauen. Sie wollen gehört werden. Jetzt liegt es an Politik und Verwaltung, daraus keine weitere Sonntagsrede zu machen.

Sondern echte Räume zu schaffen.
Echte Mitsprache zu ermöglichen.
Und endlich anzuerkennen: Demokratie lebt nicht davon, dass Menschen alle paar Jahre ein Kreuz machen dürfen. Demokratie lebt davon, dass sie zwischen den Wahlen ernst genommen werden.

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Siehe auch

  • https://www.buergernetzwerk.de/

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