Ein Mann im Anzug spricht auf der Bühne vor einer großen Leinwand, auf der sein Bild zu sehen ist, während eine Frau neben ihm in Gebärdensprache übersetzt. Der Hintergrund ist blau und mit stilisierten Buchstabenmustern verziert.

Engagement braucht die Vielfaltsgesellschaft

Manche Vorträge liefern Fakten. Manche liefern Argumente.

Und manche schaffen etwas viel Wertvolleres: Sie verändern den Blick auf die Welt.

So ging es vielen Zuhörer:innen beim Vortrag von Lorenz Narku Laing auf dem transform_D Summit in Berlin.

Der Professor für Sozialwissenschaften und Rassismusforschung sprach nicht über Vielfalt als Verwaltungsaufgabe. Nicht über Quoten. Nicht über politische Schlagworte.

Er sprach über Menschen.

Über Einsamkeit.

Über Zugehörigkeit.

Und darüber, warum die Zukunft des Engagements nur vielfältig sein kann.

„Früher gab es diese Probleme nicht“

Mit einer einfachen Geschichte begann sein Vortrag.

Ein Unternehmen besteht aus hundert Männern. Alles scheint harmonisch. Niemand beschwert sich. Niemand spricht von Diskriminierung.

Dann kommen Frauen dazu.

Plötzlich werden Benachteiligungen sichtbar. Frauen berichten von Erfahrungen, die vorher nie ausgesprochen wurden.

Der Reflex vieler Menschen lautet dann:

„Früher gab es diese Probleme nicht.“

Doch genau das ist der Irrtum.

Die Probleme waren bereits da. Es gab nur niemanden, der sie sichtbar machen konnte.

Dieser Gedanke zieht sich weit über Unternehmen hinaus. Er betrifft Vereine, Verbände, Bürgerinitiativen und letztlich unsere gesamte Gesellschaft.

Vielfalt schafft nicht die Konflikte.

Vielfalt macht sie sichtbar.

Die Einsamkeit des Ersten

Besonders bewegend waren die persönlichen Geschichten, die Laing erzählte.

Vom ersten schwarzen Professor.

Vom ersten schwarzen Mitglied einer Kirchenleitung.

Von der Erfahrung, Räume zu betreten und niemanden zu sehen, der einem ähnelt.

Viele Menschen kennen dieses Gefühl vermutlich nicht.

Die meisten betreten einen Raum und finden Menschen, die ähnlich aussehen, ähnlich sprechen oder ähnliche Erfahrungen gemacht haben.

Wer jedoch zu den ersten gehört, wer in einer Organisation eine Ausnahme ist, erlebt oft etwas anderes.

Nicht offene Ablehnung.

Sondern Einsamkeit.

Und genau diese Einsamkeit verhindert häufig Beteiligung.

Denn Menschen engagieren sich dort, wo sie dazugehören.

Die Diversity-Party kommt

Ein Satz blieb besonders hängen:

„Die Diversity-Party kommt.“

Gemeint war damit keine politische Kampagne, sondern eine gesellschaftliche Realität.

Die jüngeren Generationen in Deutschland werden vielfältiger sein als jede Generation zuvor.

Menschen mit Einwanderungsgeschichte.

Menschen mit Behinderungen.

Frauen in Führungsrollen.

Unterschiedliche Lebensentwürfe.

Unterschiedliche Glaubensrichtungen.

Diese Entwicklung ist keine Zukunftsvision.

Sie passiert bereits.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

Wollen wir vielfältiger werden?

Sondern:

Sind unsere Organisationen bereit für die Gesellschaft, die längst vor der Tür steht?

Das Ehrenamt als Ort der Demokratie

Besonders hoffnungsvoll wurde der Vortrag immer dann, wenn Laing über das Ehrenamt sprach.

Denn genau dort entstehen Begegnungen, die anderswo kaum noch stattfinden.

Menschen treffen auf Menschen, die sie im Alltag nie kennenlernen würden.

Nicht in sozialen Netzwerken.

Nicht in Kommentarspalten.

Nicht in politischen Echokammern.

Sondern beim gemeinsamen Tun.

Beim Sport.

Im Verein.

In Initiativen.

Bei gemeinsamen Projekten.

Laing erzählte von einem jungen Rechtsextremen, der durch gemeinsame Erfahrungen im Football-Verein begann, seine Weltbilder zu hinterfragen.

Nicht weil jemand ihn belehrte.

Sondern weil er Menschen kennenlernte.

Menschen, vor denen er vorher Vorurteile hatte.

Genau darin liegt eine oft unterschätzte Kraft des Ehrenamts.

Es baut Brücken, bevor Debatten überhaupt beginnen.

Vielfalt braucht mehr als gute Absichten

Ein weiterer wichtiger Gedanke zog sich durch den gesamten Vortrag:

Es reicht nicht, Vielfalt gut zu finden.

Es reicht nicht, bunte Bilder auf die Website zu stellen.

Es reicht nicht, von Offenheit zu sprechen.

Entscheidend ist, wer mitreden darf.

Wer Entscheidungen trifft.

Wer im Vorstand sitzt.

Wer auf Podien eingeladen wird.

Wer Macht teilt.

Vielfalt entsteht nicht durch Bekenntnisse.

Vielfalt entsteht durch Handeln.

Was bedeutet das für uns?

Während ich im Publikum saß, musste ich immer wieder an unsere eigenen Initiativen denken.

An die Konferenz für Urban Transformation Design.

An Bürgerbewegungen.

An Vereine.

An die Frage, wen wir erreichen und wen nicht.

Vielleicht ist die wichtigste Erkenntnis aus diesem Vortrag gar nicht die Frage, wie vielfältig unsere Gesellschaft ist.

Sondern wie viele Menschen noch immer fehlen.

Wie viele Menschen wir noch nicht erreicht haben.

Wie viele Perspektiven uns noch fehlen.

Und wie viel stärker unsere Demokratie wäre, wenn sie tatsächlich von allen gestaltet würde.

Lorenz Narku Laing hat seinen Vortrag mit einem Gedanken beendet, der lange nachwirkte.

Demokratie ist kein fertiger Zustand.

Demokratie ist ein Prozess.

Wir dürfen deshalb nicht nur die Demokratie feiern.

Wir müssen die Demokratisierung feiern.

Denn fertig sind wir noch lange nicht.

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