Als die Deutsche Umwelthilfe ihren Hitze-Check 2026 veröffentlicht hat, war die Reaktion in Offenburg vorhersehbar. Statt über die sichtbare Hitze, fehlenden Schatten, versiegelte Flächen und sterbende Bäume zu sprechen, wurde erst einmal die Datenbasis infrage gestellt. Das ist nicht überraschend. Wer sich mit dem Ergebnis nicht beschäftigen will, zweifelt gerne die Messmethode an.
Deshalb haben wir bei der Deutschen Umwelthilfe nachgefragt: Auf welcher Grundlage ist die Bewertung für Offenburg entstanden? Bekommen haben wir drei Karten für Offenburg sowie den Zugang zum Datenportal UrbanGreenEye der Firma LUP – Luftbild Umwelt Planung GmbH. Und genau diese Daten machen die Debatte aus unserer Sicht eher klarer als unklarer.
Denn ja: Der Hitze-Check ist keine händische Baumzählung. Er ist eine fernerkundliche Datenauswertung. Also eine Auswertung auf Basis von Luft- und Satellitendaten. UrbanGreenEye arbeitet mit frei zugänglichen Satellitendaten der ESA und NASA und weist selbst darauf hin, dass es sich bei diesen Daten um Näherungen handelt, unter anderem wegen der räumlichen Auflösung der Ausgangsdaten von mindestens 10 × 10 Metern. Das ist wichtig. Es bedeutet: Die Daten sind nicht auf den einzelnen Pflasterstein oder den einzelnen Baum genau. Aber sie sind sehr wohl geeignet, um Entwicklungen, Muster und Problemlagen sichtbar zu machen. (urbangreeneye.lup-umwelt.de)

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ToggleEs geht um die Siedlungsflächen – und das ist richtig
Ein häufiger Einwand lautet: Offenburg habe doch viel Wald. Der Stadtwald müsse doch mitbewertet werden. Das klingt erst einmal plausibel, ist aber am Kern des Problems vorbei. Hitze trifft Menschen vor allem dort, wo sie wohnen, arbeiten, einkaufen, warten, zur Schule gehen, zur Kita laufen, auf den Bus warten oder mit Rollator durch die Innenstadt müssen. Entscheidend ist also nicht, ob irgendwo am Rand der Gemarkung Wald steht. Entscheidend ist, ob die Siedlungsflächen kühl, grün, beschattet und durchlässig genug sind.
Genau deshalb ist es sinnvoll, dass der Hitze-Check die Verkehrs- und Siedlungsflächen betrachtet. Der Versiegelungstrend zeigt laut DUH, wie sich die versiegelte Fläche zwischen 2018 und 2025 innerhalb der Verkehrs- und Siedlungsfläche verändert hat. Als versiegelt gelten dauerhaft mit undurchlässigen Materialien bedeckte Flächen, also etwa Straßen und Gebäude. Das ist kein Trick gegen Offenburg. Das ist der einzig sinnvolle Blick, wenn man wissen will, wie hitzebelastet eine Stadt für ihre Bewohner:innen tatsächlich ist.

Was der Hitze-Check misst
Für Offenburg weist der Hitze-Check 2026 drei zentrale Werte aus: einen Baumüberschirmungsgrad von 12,78 Prozent, einen Versiegelungstrend von plus 0,50 Prozent zwischen 2018 und 2025 und einen Hitzebetroffenheitsindex von 16,57. Zusätzlich wird ein rechnerischer Baumverlust von 2.243 Bäumen angegeben.
Der Baumüberschirmungsgrad beschreibt dabei nicht einfach „Grün“, sondern die Bedeckung des Bodens durch Vegetation, die höher als 2,5 Meter ist. Es geht also um echte Beschattung, um Baumkronen, um thermischen Komfort. Genau das ist in einer heißen Stadt entscheidend.
Der Hitzebetroffenheitsindex zeigt, wie stark die Bevölkerung von sommerlicher Hitze betroffen ist. Er setzt sich laut DUH aus vier Faktoren zusammen: Versiegelung, Grünvolumen, durchschnittlicher Oberflächentemperatur der Sommermonate und Bevölkerungsdichte. Auch hier wird also nicht nur gefragt: „Wo ist es heiß?“, sondern: „Wo trifft Hitze auf Menschen?“
Der angegebene Baumverlust ist ausdrücklich eine rechnerische Annäherung. Grundlage ist der gemessene Rückgang des Beschirmungsgrades, der anhand einer durchschnittlichen Kronengröße von 70 Quadratmetern pro Stadtbaum in eine Zahl umgerechnet wurde. Neupflanzungen werden dabei nicht automatisch gegengerechnet, außer sie gleichen den Verlust der Baumkrone am gleichen Standort ausreichend aus. Auch das ist sachlich sinnvoll: Ein frisch gepflanztes Bäumchen ersetzt keine alte Krone.

Die Karten bestätigen das Problem
Die Karten der DUH und die Ebenen im UrbanGreenEye-Portal zeigen für Offenburg kein überraschendes Bild. Sie zeigen ein bekanntes Bild – nur eben datenbasiert.
Die Hitze konzentriert sich dort, wo Offenburg dicht, grau und schlecht beschattet ist. Die Innenstadt, Gewerbegebiete, große Verkehrsachsen und stark versiegelte Bereiche treten deutlich hervor. Das ist genau das, was viele Menschen im Alltag spüren: Auf manchen Wegen wird die Stadt im Sommer zur Zumutung.
Besonders spannend ist die Karte zur Versiegelungsänderung. Sie zeigt rote Flächen für Neuversiegelung und grüne Flächen für Entsiegelung. Auf den ersten Blick könnte man sagen: Es gibt ja auch grüne Stellen. Schaut man genauer hin, wird es ernüchternd. Zwei größere grüne Zuwächse im Stadtgebiet liegen offenbar auf brachliegenden Baustellenflächen. Dort konnte sich vorübergehend Vegetation entwickeln. Das hätte ein schöner Tiny Forest werden können. Inzwischen wird dort aber wieder gebaut.
Und genau das ist der Punkt: Offenburg entsiegelt nicht systematisch. Offenburg wartet zu oft, bis irgendwo zufällig etwas grün erscheint – und verliert es dann wieder.

Auch der Wald rettet die Bilanz nicht
Der Verweis auf den Stadtwald hilft auch aus einem zweiten Grund nicht weiter. Selbst dort zeigen die verfügbaren Daten aus UrbanGreenEye nicht einfach eine heile grüne Welt. In den Ebenen zur Baumvitalität und zur Veränderung des Beschirmungsgrades wird sichtbar, dass auch Waldflächen unter Druck stehen. Es gibt einzelne positive Entwicklungen, etwa Aufforstungs- oder Erholungsflächen. Aber der große Trend ist nicht: „Alles gut, weil wir Wald haben.“
Das ist bitter, aber wichtig: Der Wald ist keine Ausrede dafür, die Stadt grau zu lassen. Im Gegenteil. Wenn auch die Wälder unter Trockenstress, Hitze und Vitalitätsverlust leiden, dann wird innerstädtisches Grün noch wichtiger. Dann brauchen wir Bäume nicht irgendwo auf der Gemarkung, sondern direkt dort, wo Menschen leben.
Die Daten sind nicht perfekt – aber die politische Aussage ist eindeutig
Natürlich haben fernerkundliche Daten Grenzen. Sie ersetzen kein offenes Baumkataster, keine Vor-Ort-Kontrolle, keine transparente städtische Grünbilanz und keine saubere Dokumentation von Fällungen und Nachpflanzungen. UrbanGreenEye weist selbst darauf hin, dass die Daten Näherungen sind und keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben. (urbangreeneye.lup-umwelt.de)
Aber genau deshalb wäre die richtige Reaktion der Stadt nicht, die Daten wegzuwischen. Die richtige Reaktion wäre: eigene Daten offenlegen, prüfen, ergänzen, transparent machen. Wenn die Stadt glaubt, dass der Hitze-Check falsch liegt, dann soll sie ihre besseren Daten veröffentlichen: Entwicklung des Grünvolumens, Entwicklung des Beschirmungsgrades, Entwicklung der Versiegelung. Nicht als hübsche Erzählung, sondern als messbare Zeitreihe.
Solange das nicht passiert, bleibt der Hitze-Check die deutlich bessere Grundlage als bloße Beschwichtigungen.

Was daraus folgen muss
Für uns ist der Hitze-Check kein perfektes Endurteil über Offenburg. Er ist ein Warnsignal. Und er passt zu dem, was viele Menschen seit Jahren erleben: zu wenig Schatten, zu viele versiegelte Flächen, zu viele gefällte Bäume, zu wenig messbare Ziele. Die Konsequenz darf deshalb nicht lauten: „Wir prüfen erst einmal die Methodik.“
Die Konsequenz muss lauten: Offenburg braucht eine echte Kehrtwende beim Stadtgrün. Gesunde große Bäume müssen erhalten werden. Bei Straßenumbauten muss alle 15 Meter ein Baum geplant werden. Versiegelte Flächen müssen jedes Jahr messbar zurückgebaut werden. Der Baumbestand muss nicht nur gehalten, sondern verdoppelt werden. Und die Stadt muss jährlich öffentlich berichten, wie sich Grünvolumen, Beschirmungsgrad und Versiegelung entwickeln.
Denn am Ende geht es nicht um einen Platz in einem Ranking. Es geht um die Frage, ob Offenburg in heißen Sommern noch eine Stadt ist, in der Menschen gut leben können. Der Hitze-Check zeigt nicht alles. Aber er zeigt genug. Und was er zeigt, ist ernst.
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