Manchmal sitzt man in einer Talkrunde und merkt erst nach ein paar Minuten: Hier passiert gerade etwas anderes als der nächste Programmpunkt einer Konferenz. Bei der Runde „Zukunfts(t)räume: Was hält uns zusammen?“ von GermanDream auf dem transform_D Summit ging es um Demokratie, Polarisierung, Begegnung und gesellschaftlichen Zusammenhalt. Große Begriffe also. Begriffe, die schnell leer wirken können, wenn man sie nur oft genug wiederholt.
Auf der Bühne: Mohammad Eibo, Wertebotschafter bei GermanDream, Bauingenieur, Lokalpolitiker und gesellschaftlich engagierter Aktivist, Daniela Sepehri, Poetry-Slammerin, Aktivistin und politische Stimme in den sozialen Medien, Carl Witthauer, Mitglied des Bundessekretariats der Bundesschülerkonferenz (BSK) und engagiert sich zudem im Landesschülerausschuss Berlin. Moderiert von Tamara Güclü, auch bekannt als TAM, ist Musikjournalistin, Moderatorin und Musikerin
Diesmal war das anders. Denn auf der Bühne saßen junge Menschen, die Demokratie nicht als Theorie beschrieben, sondern als Alltag. Als Anstrengung. Als Zumutung. Als etwas, das man verlieren kann, wenn man es nicht verteidigt. Ein Satz zog sich durch viele Beiträge: Demokratie ist kein Zustand. Demokratie ist tägliche Arbeit.
Das klingt simpel. Aber es trifft den Kern. Wir leben in einer Zeit, in der viel übereinander gesprochen wird. Über Jugendliche. Über Geflüchtete. Über Menschen auf dem Land. Über Arme. Über „die Politik“. Über „die anderen“. Aber immer seltener miteinander.
Genau hier wurde die Talkrunde stark. Sie blieb nicht bei der Klage über Spaltung stehen. Sie fragte: Wo entstehen noch Räume, in denen Menschen sich wirklich begegnen? In Schulen. In Vereinen. In Familien. In Nachbarschaften. Auf Demonstrationen. In Gesprächen, die nicht bequem sind.
Besonders hängen blieb der Gedanke, dass Demokratie nicht in der eigenen Blase verteidigt wird. Es reicht nicht, sich nur mit Menschen zu umgeben, die ohnehin schon zustimmen. Wer Demokratie ernst nimmt, muss auch dorthin gehen, wo es schwierig wird. In Dörfer, Vereine, Schulklassen und Stadtteile, in denen Frust und Misstrauen längst angekommen sind. Nicht naiv. Nicht ohne Grenzen. Aber mit Haltung.
Diese Haltung brauchen wir auch in Offenburg. Denn auch hier erleben wir, wie schnell aus politischen Fragen Fronten werden. Beim Verkehr. Bei Bäumen. Beim Flugplatz. Beim Wohnen. Bei Beteiligung. Bei der Frage, wem diese Stadt eigentlich gehört.
Und auch wir müssen uns selbstkritisch fragen: Wen erreichen wir mit unseren Veranstaltungen, Texten und Aktionen? Sprechen wir wirklich mit allen, die betroffen sind? Oder oft doch vor allem mit denen, die ohnehin schon nah an unseren Themen sind?
Eine starke Frage aus der Runde lautete sinngemäß: Wenn bestimmte Gruppen fehlen, fragen wir dann nur, warum sie nicht kommen? Oder gehen wir hin und fragen sie selbst? Das ist unbequem. Aber genau dort beginnt Beteiligung.
Wenn wir über Hitze in der Stadt sprechen, müssen wir mit Menschen reden, die in aufgeheizten Wohnungen leben. Wenn wir über Verkehr sprechen, müssen wir Kinder, ältere Menschen, Menschen mit Behinderung, Anwohner:innen und Pendler:innen einbeziehen. Wenn wir über Demokratie reden, müssen wir auch mit denen sprechen, die sich von Politik längst nicht mehr vertreten fühlen. Sonst bleibt Beteiligung ein schönes Wort.
Was diese Talkrunde hoffnungsvoll gemacht hat, war nicht Optimismus. Niemand auf der Bühne tat so, als werde schon alles gut. Es ging um Hass im Netz, politische Rückschritte, Rassismus, Ausgrenzung und die Müdigkeit, die all das erzeugt. Und trotzdem saßen dort Menschen, die weitermachen.
Vielleicht ist genau das Hoffnung: nicht die Überzeugung, dass alles gut wird, sondern die Weigerung, es schlechter werden zu lassen.
Für uns als Konferenz für Urban Transformation Design ist das ein wichtiger Impuls. Stadtentwicklung ist nicht nur eine Frage von Plänen, Gutachten und Gemeinderatsbeschlüssen. Stadtentwicklung ist auch die Frage, ob Menschen sich als Teil dieser Stadt erleben. Ob sie gehört werden. Ob sie Räume finden, in denen sie sprechen können. Ob sie merken: Meine Erfahrung zählt.
Demokratie beginnt nicht erst im Rathaus. Sie beginnt am Küchentisch. Im Verein. Auf dem Schulhof. Auf dem Marktplatz. Beim Straßenfest. In der Nachbarschaft. Und manchmal auch in dem Moment, in dem man sich überwindet und jemanden anspricht, mit dem man sonst nie reden würde.
Das ist keine romantische Vorstellung. Es ist harte Arbeit. Aber diese Arbeit ist nötig.
Die Talkrunde hat gezeigt: Es gibt junge Menschen, die diese Arbeit längst machen. Klug, mutig und mit einer bemerkenswerten Klarheit. Das macht Hoffnung. Nicht, weil sie uns die Arbeit abnehmen. Sondern weil sie zeigen, dass sie sich lohnt.
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