Eine Frau mit einem rosa Kopftuch spricht bei einer „Civic Coding“-Veranstaltung vor einer Projektionsfläche mit dem Titel „KI & Zivilgesellschaft – Zeit für den Reality-Check“ in ein Mikrofon. Mehrere Personen sitzen da und hören zu.Quelle: © https://kfutd.de | CC BY-NC 4.0 International

KI für die Demokratie? Zwischen Forschung, Hype und unserem Aktivisten-Alltag

Auf dem transform_D Summit in Berlin lud das Alexander von Humboldt Institut für Internet und Gesellschaft (HIIG) zu einer spannenden Frage ein: Kann Künstliche Intelligenz Demokratie stärken? Dr. Theresa Züger und Lena Winter präsentierten aktuelle Forschungsergebnisse aus dem Projekt Impact AI. Untersucht wurden dabei KI-Anwendungen, die ausdrücklich den Anspruch haben, demokratische Prozesse oder das Gemeinwohl zu unterstützen.

Die Beispiele reichten von einem Werkzeug zur Unterstützung von Faktenchecks über eine Software zur Auswertung von Beteiligungsverfahren bis hin zu einem Behörden-Chatbot aus Estland.

Ernüchterung statt Zauberformel

Wer sich von der Veranstaltung konkrete Antworten auf die großen Fragen rund um ChatGPT, politische Meinungsbildung oder die Zukunft demokratischer Beteiligung erhofft hatte, wurde zunächst etwas ausgebremst. Die vorgestellten Anwendungen wirkten erstaunlich bodenständig. Keine davon löst demokratische Probleme. Keine ersetzt politische Debatten. Keine macht Beteiligung automatisch besser.

Das eigentliche Ergebnis der Forschung lautete vielmehr:

KI kann demokratische Prozesse unterstützen – aber sie ersetzt weder Menschen noch politische Verantwortung.

Je genauer die Forscherinnen hinschauten, desto deutlicher wurde, dass die entscheidenden Faktoren weiterhin Menschen sind: Moderierende, Organisierende, Verwaltungsmitarbeitende, Journalist:innen oder engagierte Bürger:innen.

Die spannende Frage blieb offen

Gleichzeitig blieb für mich die eigentlich spannende Frage des Jahres 2026 weitgehend unbeantwortet: Welche Auswirkungen haben die großen Sprachmodelle auf Demokratie und Zivilgesellschaft? Denn während die Wissenschaft konkrete Einzelanwendungen untersucht, nutzen viele Engagierte längst täglich Werkzeuge wie ChatGPT oder andere Sprachmodelle.

Nicht als Ersatz für demokratische Prozesse. Sondern als Werkzeug.

Unser Alltag sieht längst anders aus

Wenn wir bei der Konferenz für Urban Transformation Design arbeiten, begegnet uns KI inzwischen an vielen Stellen:

  • Vorträge und Studien zusammenfassen
  • Leserbriefe und Stellungnahmen entwerfen
  • komplexe Verwaltungsvorlagen analysieren
  • Argumente prüfen
  • Pressemitteilungen formulieren
  • Texte in einfache Sprache übertragen
  • Kampagnen und Aktionen vorbereiten

Viele dieser Aufgaben wären früher zeitaufwendig oder für kleine Initiativen kaum leistbar gewesen. KI ersetzt dabei keine politische Meinung und keine demokratische Debatte. Sie erweitert aber die Möglichkeiten engagierter Menschen erheblich.

Demokratie bleibt Handarbeit

Besonders interessant fand ich deshalb einen Gedanken aus dem Vortrag: Technologien transportieren immer auch Weltbilder. Die Vorstellung, alles ließe sich in Daten erfassen und anschließend automatisieren, ist selbst bereits eine politische und gesellschaftliche Annahme. Gerade deshalb dürfen wir KI nicht nur als Werkzeug betrachten, sondern müssen auch fragen:

  • Wer entwickelt diese Systeme?
  • Welche Interessen stecken dahinter?
  • Wer profitiert?
  • Wer wird ausgeschlossen?

Die Forscherinnen verwiesen dabei auf den enormen Energieverbrauch von KI-Systemen, auf prekäre Arbeitsbedingungen vieler Datenarbeiter:innen und auf die zunehmende Machtkonzentration bei wenigen Technologiekonzernen. Diese Fragen sind unbequem, aber notwendig.

Was bedeutet das für die Demokratie?

Nach einer Stunde Diskussion lautete meine Antwort auf die Ausgangsfrage: Ja, KI kann Demokratie stärken. Aber nicht deshalb, weil Algorithmen klüger wären als Menschen. Sondern weil sie engagierten Menschen helfen können, Informationen zu verstehen, Wissen zugänglich zu machen und sich wirksamer einzubringen. Ob daraus mehr Demokratie entsteht, entscheidet am Ende jedoch nicht die Technik. Sondern wir.

Loading

Bildquellen

Facebook
LinkedIn
Threads
WhatsApp

Schreibe einen Kommentar


Der Zeitraum für die reCAPTCHA-Überprüfung ist abgelaufen. Bitte laden Sie die Seite neu.