Ein prunkvolles, historisches Gebäude wird nachts von orangefarbenen Lichtern beleuchtet, die seine architektonischen Details hervorheben. Vor dem Gebäude stehen einige Menschen, während neben der Fassade Fahrräder abgestellt sind. Über dem Haupteingang befindet sich in der Mitte eine Uhr.Quelle: © https://kfutd.de | CC BY-NC-SA 4.0 International

OB-Wahl Offenburg 2026: Sieben Kandidierende – unsere aktuelle Einordnung

Stand: 21. September 2026. Am 11. Oktober 2026 wählt Offenburg eine neue Oberbürgermeisterin oder einen neuen Oberbürgermeister. Inzwischen steht fest, wer tatsächlich auf dem Stimmzettel stehen wird: Julian Christ, Tobias Benz, Ulrich Albicker, Fritz Düker, Okan Altun, Emanuel Rohr und Yasemin Tondo. Eine Kandidatin und sechs Kandidaten – mit sehr unterschiedlichen Erfahrungen, politischen Vorstellungen und Chancen.

Damit beginnt eine neue Phase des Wahlkampfs. Es geht nicht mehr darum, wer möglicherweise antritt. Jetzt geht es darum, was die sieben zugelassenen Bewerberinnen und Bewerber wirklich anbieten: Welche Vorstellung haben sie von Offenburg? Wie wollen sie die Stadtverwaltung führen? Wie ernst nehmen sie Klimaanpassung, soziale Gerechtigkeit und Bürgerbeteiligung? Und wer besitzt nicht nur gute Überschriften, sondern auch ein nachvollziehbares Konzept?

Zur Offenburger OB-Wahl wollen wir darüber möglichst umfassend informieren. Wir dokumentieren Positionen, stellen Fragen und beobachten, wie sich die Kandidierenden im Wahlkampf verhalten. Aber umfassende Information bedeutet nicht politische Beliebigkeit. Wir machen unsere Maßstäbe transparent – und wir nehmen uns das Recht, zu bewerten.

Unsere Maßstäbe

Ein Oberbürgermeister oder eine Oberbürgermeisterin muss mehr können, als sympathisch aufzutreten oder einzelne populäre Forderungen zu formulieren. Das Amt verlangt Führungsfähigkeit, Verwaltungskompetenz und die Fähigkeit, im Gemeinderat Mehrheiten zu organisieren. Zugleich braucht Offenburg dringend politische Gestaltungskraft.

Für unsere Einordnung sind deshalb besonders wichtig:

  • eine glaubwürdige demokratische Haltung,
  • Beteiligung, bevor wesentliche Entscheidungen gefallen sind,
  • eine messbare Strategie gegen Hitze, Trockenheit und Starkregen,
  • der Schutz alter Bäume und der Ausbau grüner Infrastruktur,
  • eine sozial gerechte und selbstbestimmte Mobilität,
  • bezahlbares Wohnen und ein menschenwürdiger Umgang mit Wohnungslosigkeit,
  • eine lebendige Innenstadt und starke Ortsteile,
  • transparente Entscheidungen und eine Verwaltung, die Kritik nicht als Störung behandelt.

Nach diesen Kriterien sind die sieben Kandidaturen nicht gleich stark. Das ist keine Herabsetzung einzelner Menschen, sondern eine politische Bewertung ihrer bisherigen Angebote.

Ulrich Albicker: sozial-ökologischer Wandel und eine andere politische Kultur

Ulrich Albicker verbindet die Themen Klimaanpassung, Beteiligung, Mobilität, Wohnen, Wirtschaft und Kultur am deutlichsten zu einem gemeinsamen Entwurf für Offenburg. Sein Ansatz lautet nicht nur, einzelne Projekte besser zu verwalten. Er will die Art verändern, wie Entscheidungen zustande kommen.

Beteiligung soll beginnen, bevor Pläne fertig sind. Gegenläufige Meinungen sollen nicht als Störung, sondern als demokratische Ressource verstanden werden. Bei Klima und Umwelt spricht er über Schwammstadt, grüne Infrastruktur und den konsequenten Schutz bestehender Baum- und Parkanlagen. Beim Wohnen benennt er bezahlbaren Wohnraum, eine starke Wohnbau Offenburg und Housing First. Diese Schwerpunkte sind inzwischen in seinem Programm klar formuliert.

Damit steht Albicker unseren eigenen politischen Maßstäben am nächsten. Das sagen wir offen. Seine Kandidatur ist aus dem Umfeld einer aktiven Stadtgesellschaft entstanden und trägt Erfahrungen aus Bürgerinitiativen, Wirtschaft, Konfliktmanagement und internationaler Zusammenarbeit zusammen.

Seine Schwäche liegt auf der Hand: Er hat bislang keine kommunale Verwaltung geleitet. Zudem verfügt er weder über den finanziellen Wahlkampfapparat noch über die dauernde öffentliche Präsenz einiger Mitbewerber. Er muss deshalb überzeugend zeigen, dass er nicht nur gute Beteiligungsformate entwickeln, sondern auch eine große Verwaltung führen, Prioritäten setzen und Mehrheiten organisieren kann.

Inhaltlich bietet er gegenwärtig jedoch den geschlossensten Entwurf für einen sozial gerechten, klimaresilienten und beteiligungsorientierten Stadtwandel.

Tobias Benz: Erfahrung, Verlässlichkeit und das Versprechen professioneller Verwaltung

Tobias Benz bringt als amtierender Bürgermeister die umfangreichste kommunale Führungserfahrung mit. Er kennt Haushaltsfragen, Personalverantwortung, Verwaltungsabläufe und die Zusammenarbeit mit einem Gemeinderat. Wer vor allem Berechenbarkeit und einen möglichst reibungslosen Übergang an der Spitze des Rathauses sucht, findet bei ihm ein plausibles Angebot.

Diese Erfahrung ist ein starkes Argument. Sie ersetzt aber keine politische Richtung. Bislang ist noch nicht deutlich genug erkennbar, wo Benz die Offenburger Stadtpolitik grundsätzlich verändern möchte. Wird Beteiligung tatsächlich vorverlagert? Würde er beim Schutz alter Bäume oder bei der Neuverteilung des Straßenraums auch gegen Widerstände klare Entscheidungen treffen? Und versteht er eine kritische Zivilgesellschaft als politische Partnerin oder vor allem als Gruppe, mit der man regelmäßig spricht?

Benz ist fachlich ernst zu nehmen und gehört zu den Kandidaten mit realistischen Chancen auf die Stichwahl. Sein Angebot steht bisher jedoch stärker für kompetente Kontinuität als für einen grundlegenden politischen und kulturellen Aufbruch.

Julian Christ: professionell organisierte Modernisierung

Auch Julian Christ verfügt über Verwaltungserfahrung und führt einen sichtbar professionellen Wahlkampf. Er wirkt strategisch, gut vernetzt und in der Lage, komplexe Projekte zu organisieren. Digitalisierung, wirtschaftliche Entwicklung und eine moderne Verwaltung dürften bei ihm eine wichtige Rolle spielen.

Die entscheidende Frage ist, welchem Ziel diese Modernisierung dient. Eine Stadt kann digitaler, effizienter und investitionsstärker werden, ohne sozial gerechter oder demokratischer zu werden. Beteiligung darf nicht zur Kommunikationsphase eines bereits weitgehend festgelegten Projekts schrumpfen. Klimaanpassung darf nicht erst dann berücksichtigt werden, wenn die städtebaulichen und wirtschaftlichen Grundentscheidungen längst gefallen sind.

Christ gehört aufgrund seiner Erfahrung, seines Netzwerks und seiner Kampagne ebenfalls zum Kreis der aussichtsreichen Bewerber. Ob sein Angebot über professionell gesteuerte Modernisierung hinaus zu einer sozial-ökologischen Transformation Offenburgs führt, muss der weitere Wahlkampf zeigen.

Yasemin Tondo: eine ernst zu nehmende neue Stimme

Yasemin Tondo kam erst kurz vor Ablauf der Bewerbungsfrist in das Feld und ist die einzige Frau unter den sieben Kandidierenden. Sie bringt Erfahrungen aus Gastronomie, Einzelhandel, kaufmännischer Arbeit und Personalverantwortung mit. Damit spricht sie aus einer anderen Lebens- und Berufswelt als die kommunalen Berufspolitiker.

Ihr inzwischen veröffentlichtes Programm umfasst Familie, Jugend, Wohnen, Wirtschaft, Innenstadt, Sicherheit, Verwaltung, Verkehr und Klimaschutz. Sie verbindet Prävention und soziale Infrastruktur mit einer starken Betonung von Ordnung, Erreichbarkeit und den Interessen von Handel und Gastronomie. Auf ihrer Wahlkampfseite zeichnet sich damit ein bürgerlich-pragmatisches Profil ab.

Das macht sie zur interessanten Überraschung im Kandidatenfeld. Zugleich bleiben wichtige Fragen offen. Was bedeutet „Klimaschutz mit Augenmaß“, wenn Hitze und der Verlust von Stadtgrün längst akute Probleme sind? Welchen Vorrang erhalten Fußverkehr, Radverkehr und öffentlicher Nahverkehr, wenn gleichzeitig das Parken besonders betont wird? Und welche konkreten Beteiligungsrechte möchte sie den Bürgerinnen und Bürgern geben?

Tondo sollte nicht als späte oder chancenlose Kandidatin abgetan werden. Ob aus ihren zahlreichen Themen ein belastbares Gesamtkonzept für die Leitung der Stadt wird, muss sie nun zeigen.

Emanuel Rohr: bodenständig und unabhängig – aber mit Widersprüchen

Emanuel Rohr präsentiert sich als parteiloser Kandidat aus der Mitte der Bürgerschaft. Er verzichtet nach eigener Aussage auf Wahlkampfspenden und große Werbemittel. Sein Programm enthält durchaus relevante Punkte: bezahlbares Wohnen, mehr Bäume und Grünflächen, sichere Fuß- und Radwege, mehr Barrierefreiheit, stärkere Ortsteile und zusätzliche Beteiligungsmöglichkeiten.

Gleichzeitig fordert er die Abschaffung der Parkgebühren für Bewohner und Besucher, niedrigere Steuern und Gebühren sowie eine konsequente Überprüfung der städtischen Ausgaben. Diese Mischung prägt sein aktuelles Wahlprogramm.

Genau hier entsteht ein erheblicher Widerspruch. Bezahlbarer Wohnraum, soziale Infrastruktur, Klimaanpassung und sichere Wege benötigen Flächen, Personal und Geld. Kostenfreies Parken ist ebenfalls nicht kostenlos: Die Kosten werden nur von den Autofahrenden auf die Allgemeinheit verlagert. Zugleich bindet es öffentlichen Raum, der für Bäume, Aufenthaltsflächen oder sichere Wege fehlt.

Rohr wirkt persönlich engagiert, lokal verbunden und ernsthaft. Ein schlüssiger Gesamtentwurf, der seine sozialen, ökologischen und finanzpolitischen Versprechen zusammenführt, ist bislang aber nicht erkennbar.

Okan Altun: die Perspektive einer jungen Generation

Mit 21 Jahren ist Okan Altun der mit Abstand jüngste Bewerber. Seine Kandidatur bringt eine Perspektive in den Wahlkampf, die sonst leicht untergeht: Wie erleben junge Menschen die Stadt? Welche Räume, Mobilitätsangebote und Möglichkeiten zur Mitentscheidung brauchen sie? Warum fühlen sich viele von ihnen in der Kommunalpolitik kaum repräsentiert?

Dass ein junger Offenburger nicht nur zuschaut, sondern selbst kandidiert, verdient Respekt. Das Amt des Oberbürgermeisters umfasst allerdings die Leitung einer großen Verwaltung, Personalverantwortung, Haushaltsentscheidungen und die Moderation politischer Konflikte. Dazu liegen von Altun bislang weder ausreichende Erfahrungen noch ein ausgearbeitetes Gesamtprogramm vor.

Seine Kandidatur kann den Wahlkampf bereichern und wichtige Themen setzen. Für eine überzeugende Bewerbung um die tatsächliche Führung der Stadt muss jedoch noch erheblich mehr Substanz sichtbar werden.

Fritz Düker: Protest, Polarisierung und eine überschrittene Grenze

Fritz Düker spricht vorhandene Unzufriedenheit an. Er kritisiert Großprojekte, Verwaltungshandeln und politische Routinen und kann damit Menschen erreichen, die sich von der bisherigen Stadtpolitik nicht mehr vertreten fühlen. Manche seiner Fragen sind berechtigt. Aber das Benennen von Ärger ersetzt noch kein tragfähiges Regierungskonzept. Bei konkreten Beteiligungsinstrumenten, Finanzierung und Umsetzung bleiben viele seiner Vorschläge offen.

Hinzu kommt eine grundsätzliche politische Frage: Nachdem die AfD öffentlich Unterstützung für ihn signalisiert hatte, erklärte Düker, er freue sich über Unterstützung von links wie von rechts. Damit hat er aus unserer Sicht eine Grenze überschritten. Eine Partei, die demokratische Institutionen, Menschenrechte und eine vielfältige Gesellschaft angreift, ist nicht einfach ein weiterer politischer Unterstützer.

Das bedeutet nicht, dass Düker als Bürger nicht an öffentlichen Veranstaltungen teilnehmen oder seine Meinung äußern dürfte. Es bedeutet aber, dass demokratische Organisationen selbst entscheiden dürfen und müssen, wem sie ein Podium und damit zusätzliche politische Reichweite geben. Demokratische Offenheit verlangt keine politische Gleichgültigkeit.

Ein offenes Rennen – aber keine beliebige Wahl

Nach heutigem Stand sehen wir Albicker, Benz und Christ als die drei Kandidaten mit den schlüssigsten Voraussetzungen für eine Stichwahl. Benz steht vor allem für Verwaltungserfahrung und Verlässlichkeit, Christ für professionell organisierte Modernisierung und Albicker für einen sozial-ökologischen Wandel verbunden mit einer neuen Beteiligungskultur. Yasemin Tondo kann als lokal verwurzelte und einzige weibliche Kandidatin zu einer schwer kalkulierbaren vierten Kraft werden.

Das ist keine Wahlprognose. Belastbare repräsentative Umfragen liegen bislang nicht vor. In einem Feld mit sieben Bewerberinnen und Bewerbern können wenige Prozentpunkte darüber entscheiden, wer die zweite Runde erreicht.

Unsere eigene Position ist dennoch klar: Ulrich Albicker steht mit seinem bisherigen Programm unseren Vorstellungen von einer klimaresilienten, sozial gerechten und demokratisch gestalteten Stadt am nächsten. Diese Nähe werden wir nicht verschweigen. Sie hindert uns aber nicht daran, seine Schwächen zu benennen, die übrigen Kandidierenden fair darzustellen und ihre Antworten nach denselben Maßstäben zu prüfen.

Gerade darin liegt der Anspruch dieses Portals: nicht bloß Wahlwerbung zu sammeln, sondern Unterschiede sichtbar zu machen. Nicht nur zu fragen, wer Offenburg verwalten kann, sondern wer bereit ist, die Stadt gemeinsam mit ihren Menschen zu verändern.

Die kommenden Wochen werden zeigen, wer konkreter wird, wer Widersprüche auflösen kann und wer auch dann Haltung beweist, wenn es unbequem wird. Wir werden diesen Wahlkampf weiter aufmerksam, kritisch und transparent begleiten.

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