Eine Frau mit einer gelben Tasche steht zwischen zwei Tafeln, die mit bunten Notizen und Texten bedeckt sind, und spricht dabei, wobei sie mit den Händen gestikuliert. Vor ihr steht eine Laterne, die die Szene beleuchtet.Quelle: Uwe Nestlen | All Rights Reserved

Wenn eine Laterne das Gespräch verändert – Rückblick auf das Palodium 2.0

Manchmal braucht Demokratie kein Podium. Manchmal braucht sie einen offenen Raum, ein paar einfache Regeln – und eine Laterne.

Rund 60 Menschen kamen am Montagabend auf dem Platz der Verfassungsfreunde zusammen, um beim Palodium 2.0 über drei Fragen zu sprechen, die für die Zukunft Offenburgs von großer Bedeutung sind: Teilhabe und Partizipation, Wohnen und Obdachlosigkeit sowie politische Bildung und Erinnerungskultur.

Es war kein klassischer Wahlkampfabend. Niemand sollte sich in langen Reden präsentieren, niemand musste um Aufmerksamkeit kämpfen. Im Mittelpunkt standen nicht die Kandidaten, sondern die Bürgerinnen und Bürger: ihre Erfahrungen, ihre Sorgen, ihre Ideen und ihre Erwartungen an den künftigen Oberbürgermeister.

Erst zuhören, dann gemeinsam denken

Fridolin Koch und Ralph Fröhlich hatten das ursprünglich geplante Format im Vorfeld noch einmal weiterentwickelt. Am Anfang standen drei kurze Impulse zu den Themen des Abends. Sie sollten keine fertigen Antworten liefern, sondern den Raum öffnen: Wo liegen die Probleme? Was erwarten wir von der künftigen Stadtspitze? Und was können wir als Zivilgesellschaft selbst beitragen?

Anschließend verteilten sich die Teilnehmenden auf drei parallel arbeitende Kleingruppen. Eine halbe Stunde lang wurde dort beraten, zugehört, widersprochen und weitergedacht. Damit dabei nicht diejenigen das Gespräch bestimmten, die am lautesten oder schnellsten reden, galt eine ebenso einfache wie wirkungsvolle Regel: Sprechen durfte, wer die Laterne in der Hand hielt.

Sie stand in der Mitte jeder Runde. Wer etwas sagen wollte, nahm sie zu sich und stellte sie danach wieder zurück.

Das Licht in der Mitte

Diese Laterne wurde mehr als nur ein Redestock. Sie veränderte das Gespräch.

Niemand fiel einem anderen Menschen ins Wort. Niemand musste die Stimme heben, um gehört zu werden. Es entstanden Pausen, in denen Gedanken nachwirken konnten. Menschen hörten einander zu, bevor sie antworteten. Das Gespräch wurde langsamer – und gerade dadurch tiefer.

Vielleicht liegt darin ein größerer Sinn dieses Abends: Demokratie lebt nicht allein davon, dass jeder Mensch reden darf. Sie lebt auch davon, dass Menschen bereit sind, das Wort wieder aus der Hand zu geben. Das Licht gehörte nie einer Person allein. Es kehrte nach jedem Beitrag in die Mitte zurück und stand dann wieder allen zur Verfügung.

So einfach kann ein Symbol sein. Und so kraftvoll.

Gedanken, die sichtbar bleiben

Die Beiträge verschwanden nicht mit dem gesprochenen Wort. Alle Teilnehmenden konnten ihre Gedanken in Stichworten festhalten und an die Pinnwände heften. So wuchsen im Laufe des Abends drei vielstimmige Bilder davon, was Offenburg bewegt.

Beim Thema Teilhabe ging es unter anderem um echte Mitwirkung, Bürgerentscheide, Jugendbeteiligung, Barrierefreiheit, Begegnungsräume und die Frage, wie aus Beteiligung tatsächliche Selbstwirksamkeit entstehen kann. Beim Wohnen standen Leerstand, Mieterschutz, Bodenspekulation, Genossenschaften, sozialer Wohnraum und die Verantwortung der Stadt im Mittelpunkt. In der Gruppe zur Erinnerungskultur wurde darüber gesprochen, wie Geschichte sichtbar, zugänglich und mit der Gegenwart verbunden werden kann – kritisch, lebendig und getragen von der Stadtgesellschaft.

Die Pinnwände wurden anschließend im Plenum vorgestellt und gemeinsam diskutiert. Sie sind kein fertiges politisches Programm. Aber sie zeigen, welches Wissen in einer Stadt vorhanden ist, wenn Menschen nicht nur befragt werden, sondern Raum bekommen, ihre Erfahrungen miteinander zu verbinden.

Die Ergebnisse werden nun aufgearbeitet und den Kandidaten schriftlich zur Verfügung gestellt. Aus einem Gespräch unter freiem Himmel soll etwas entstehen, das über diesen Abend hinauswirkt.

Kandidaten in einer ungewohnten Rolle

Mit Okan Altun, Ulrich Albicker und Fritz Düker waren auch drei Bewerber um das Amt des Oberbürgermeisters anwesend. Ihre Rolle war von Beginn an klar: Sie waren in erster Linie zum Zuhören gekommen.

In den Kleingruppen durften sie sich mit kurzen Beiträgen als Bürger beteiligen. Eine Wahlkampfbühne wurde daraus nicht. Gerade das war wichtig. Wer eine Stadt führen will, muss nicht nur überzeugend sprechen können. Er muss hören, was Menschen sagen – auch dann, wenn keine schnelle Antwort, kein Versprechen und kein Applaus darauf folgen.

Demokratie braucht nicht immer mehr Lautstärke

Das Palodium 2.0 ist aus einer schwierigen Vorgeschichte entstanden. Doch der Abend blieb nicht bei Abgrenzung und Konflikt stehen. Er zeigte, was möglich wird, wenn Zivilgesellschaft selbst einen demokratischen Raum gestaltet und Verantwortung für dessen Regeln übernimmt.

Rund 60 Menschen haben sich auf dieses Experiment eingelassen. Sie haben erlebt, dass politische Gespräche nicht zwangsläufig von Schlagabtausch, Selbstdarstellung und festgefahrenen Rollen bestimmt sein müssen. Man kann einander widersprechen, ohne sich gegenseitig niederzureden. Man kann unterschiedliche Erfahrungen nebeneinanderstellen, ohne sie sofort gegeneinander auszuspielen. Und man kann gemeinsam nach Lösungen suchen, ohne so zu tun, als seien die Probleme einfach.

Vielleicht war das die wichtigste Botschaft dieses Abends: Demokratie beginnt nicht erst im Rathaus und nicht erst auf dem Stimmzettel. Sie beginnt dort, wo Menschen zusammenkommen, einander zuhören und bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

An diesem Abend stand dafür eine Laterne in der Mitte.

Ihr Licht war klein. Aber es hat gereicht, damit viele Menschen einander sehen konnten.

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