Draußen hängt eine Reihe von Protestplakaten mit einem Baum und einem Schriftzug an einer Wäscheleine, in der Nähe einer Sandfläche mit Spielzeug. Auf den Plakaten steht „PROTEST MUSS STÖREN“; sie sind mit auffälligen Grafiken und deutschen Wörtern gestaltet.Quelle: © https://kfutd.de | CC BY-NC-SA 4.0 International

Wo aus Widerspruch Bilder werden: Ein Wochenende in unserer Protestwerkstatt

Manchmal beginnt Veränderung nicht in einem Sitzungssaal. Sie beginnt an einem großen Tisch – zwischen Papier, Farbe, Stiften und offenen Fragen. Sie beginnt dort, wo Menschen nicht länger nur betrachten, was um sie herum geschieht, sondern selbst Hand anlegen.

Am 19. und 20. September öffneten wir im Rahmen der Offenen Ateliers Offenburg unsere Protestwerkstatt. Zwei Tage lang wurde unser Atelier für Urban Transformation Design zu einem Ort, an dem Kunst, politischer Widerspruch, Stadtgeschichte und Begegnung ineinandergriffen.

Eine überdachte Veranda ist mit Holzstühlen, gerahmten Fotos an den Wänden und einer Ausstellung auf dem Boden mit Modellbäumen und kleinen Gegenständen ausgestattet, die von natürlichem Sonnenlicht beleuchtet werden.Quelle: © https://kfutd.de | CC BY-NC-SA 4.0 International

Eine Ausstellung, die nicht stillstehen wollte

Schon der Raum erzählte davon, dass Stadt nie fertig ist. Zwischen den Fotografien von Uwe Nestlen, den Plastiken und Stadtmodellen von Ulla Köhn, Neographien von Sigrun Neumann, Linolschnitten von Betty Wilke, alten Plakaten, Büchern, Transparenten und Erinnerungsstücken aus vergangenen Aktionen wurde sichtbar, wie viele Geschichten in Offenburgs Straßen stecken.

Da waren die überformatigen Stadt- und Straßenpläne, auf denen Bäume, Häuser, Fahrzeuge und Menschen plötzlich ganz neue Größenverhältnisse bekamen. Da waren Bilder von Orten im Wandel – von Gebäuden, Brachen und Stadträumen, die verschwinden, sich verändern oder neu angeeignet werden. Und da waren die Spuren unseres eigenen Engagements: vom Straßen-Baum-Fest über die Proteste für lebenswerte Straßen bis zu den vielen kleinen und großen Auseinandersetzungen um die Frage, wem die Stadt eigentlich gehört.

Unsere Antwort bleibt: Die Stadt gehört den Menschen, die in ihr leben. Und sie müssen an ihrer Gestaltung beteiligt sein.

Protest muss stören

Besonders eindrücklich war die Arbeit von Elias Errerd. Mit einem großformatigen Spanplattendruckstock brachte er die Botschaft „Protest muss stören“ aufs Papier. Blatt für Blatt entstand ein Motiv, das zugleich rau, unmittelbar und unübersehbar ist. Anschließend hingen die Drucke draußen an einer Leine – fast wie frisch gewaschene Wäsche, nur dass hier keine Flecken entfernt, sondern klare Spuren hinterlassen wurden.

Der Satz bringt auf den Punkt, was demokratischer Protest leisten muss. Protest, der niemanden irritiert, nichts unterbricht und keine unbequemen Fragen stellt, bleibt leicht folgenlos. Widerspruch muss sichtbar werden. Er darf Gewohnheiten stören, Machtverhältnisse infrage stellen und dort Lärm machen, wo Schweigen bequemer wäre.

Doch Störung allein genügt nicht. Protest braucht eine Vorstellung davon, was an die Stelle des Bestehenden treten könnte. Deshalb ist unsere Protestwerkstatt zugleich eine Gestaltungswerkstatt.

Sieben Personen sitzen im Freien um einen Tisch herum und beschäftigen sich mit Zeichnen oder Basteln, wobei Mal- und Bastelmaterialien auf dem Tisch verstreut liegen. Einige konzentrieren sich auf ihre Arbeit, während andere sich offenbar unterhalten.Quelle: © https://kfutd.de | CC BY-NC-SA 4.0 International

Vom Zuschauen zum Mitmachen

Am großen Tisch wurde gezeichnet, geschnitten, gedruckt, diskutiert und gelacht. Unter Anleitung von Olga Richter, Chaos Comic Club, entstanden eigene Comics und Plakate. Kinder, Jugendliche und Erwachsene griffen zu Stiften und Farben. Aus Gedanken wurden Linien, aus Ärger wurden Bilder und aus einzelnen Ideen entstand etwas Gemeinsames.

Genau hier lag die besondere Kraft dieses Wochenendes: Die Besucherinnen und Besucher blieben nicht bloß Publikum. Sie wurden selbst Teil der Ausstellung. Kunst war kein fertiges Produkt hinter einer Absperrung, sondern eine Einladung zur Beteiligung.

So verstehen wir auch Urban Transformation Design. Es geht nicht darum, Stadtentwicklung allein Fachleuten, Investoren und Verwaltungen zu überlassen. Es geht darum, Wissen, Erfahrung und Kreativität vieler Menschen zusammenzubringen. Wer täglich durch eine Straße läuft, auf einem Platz sitzt, unter fehlendem Schatten leidet oder vergeblich eine bezahlbare Wohnung sucht, verfügt über ein Wissen, das in keiner Planungsakte ersetzt werden kann.

In einem rustikalen Raum mit Ziegel- und Betonwänden sind bunte Bücher und Plakate auf einem Holzständer ausgestellt. Kunstwerke, Sprühdosen und handgeschriebene Schilder tragen zur kreativen, ungezwungenen Atmosphäre bei.Quelle: © https://kfutd.de | CC BY-NC-SA 4.0 International

Ein Archiv des Widerspruchs

Unsere Sammlung politischer und stadtplanerischer Bücher, Plakate und Dokumente machte zugleich deutlich: Wir beginnen nicht bei null. Andere haben vor uns gestritten, gestaltet, geschrieben und Räume erobert. Protest besitzt eine Geschichte – und diese Geschichte kann Mut machen.

Zwischen Büchern über die grüne Stadt, Verkehrswende, Beteiligung, Protestkultur und zivilen Ungehorsam wurde das Atelier zu einem kleinen Archiv des Widerspruchs. Nicht als Rückblick in eine vermeintlich bessere Vergangenheit, sondern als Werkzeugkasten für das, was vor uns liegt.

Denn die großen Fragen sind längst da: Wie wird Offenburg mit Hitze und Klimakrise umgehen? Wie schützen wir die Bäume, die bereits heute für Kühlung sorgen? Wie schaffen wir bezahlbaren Wohnraum? Wie verteilen wir den öffentlichen Raum gerecht? Und wie gelingt Beteiligung so, dass Menschen nicht erst dann gefragt werden, wenn die wesentlichen Entscheidungen längst getroffen sind?

Ein Ort für Begegnung

Bei all den ernsten Themen blieb die Protestwerkstatt ein warmer und lebendiger Ort. Menschen kamen miteinander ins Gespräch, blieben länger als geplant, betrachteten Fotografien, entdeckten Erinnerungen an frühere Aktionen oder erzählten ihre eigenen Geschichten über Offenburg.

Zwischen Werkstatt, Ausstellung, Getränken und gemeinsamem Essen entstand jene Form von Öffentlichkeit, die unseren Städten oft fehlt: zwanglos, offen, generationenübergreifend und ohne die starre Trennung zwischen denen, die sprechen, und denen, die zuhören sollen.

Auch das Gespräch mit dem Oberbürgermeisterkandidaten Uli Albicker fügte sich in diese Atmosphäre ein. Nicht als klassische Wahlkampfveranstaltung mit Bühne und vorgefertigten Antworten, sondern als unmittelbare Begegnung inmitten der Ausstellung – dort, wo Fragen nach Stadtentwicklung, Sicherheit, Vielfalt und Zusammenleben ganz konkret wurden.

Ein überfüllter Raum mit Zebra-Dekorationen, einem Gemälde, einem Lautsprecher, einer Fahrrad-Schablone, Landkarten und verschiedenen Papiergegenständen, die auf einem Tisch vor einer Backsteinwand angeordnet sind.Quelle: © https://kfutd.de | CC BY-NC-SA 4.0 International

Kunst kann keine Politik ersetzen – aber sie kann Räume öffnen

Ein Wochenende wird die Stadt nicht verändern. Ein Plakat rettet noch keinen Baum. Eine Skulptur schafft keine Wohnung, und ein Foto entsiegelt keinen Platz. Das wäre eine romantische Überhöhung von Kunst.

Aber Kunst kann sichtbar machen, was im Alltag übersehen wird. Sie kann Zusammenhänge zeigen, für die politische Vorlagen zu eng und Zahlenkolonnen zu abstrakt sind. Sie kann Gefühle zulassen, Widerspruch bündeln und Menschen miteinander ins Gespräch bringen. Und manchmal entsteht aus einem Bild ein Gedanke, aus einem Gedanken eine Verbindung und aus einer Verbindung eine Bewegung.

Genau deshalb brauchen wir solche Orte.

Eine Ausstellungswand mit vier gerahmten Porträts von Frauen, die mit Blumen geschmückt sind, vor dem Hintergrund eines Holzschranks und einer orangefarbenen Tasche in einem warm beleuchteten Raum. Unter den Porträts befindet sich eine kurze Beschreibung.Quelle: © https://kfutd.de | All Rights Reserved

Die Werkstatt bleibt offen – im übertragenen Sinn

Am Sonntagabend endeten die Offenen Ateliers. Die Bilder wurden nicht bedeutungslos, nur weil die Türen sich schlossen. Die Fragen bleiben. Die Ideen bleiben. Und auch die Notwendigkeit bleibt, unsere Stadt gemeinsam zu gestalten.

Unsere Protestwerkstatt ist deshalb mehr als ein Raum. Sie ist eine Haltung: nicht hinnehmen, was als alternativlos verkauft wird. Genau hinsehen. Fragen stellen. Wissen teilen. Verbündete suchen. Und aus Widerspruch Bilder, Worte, Modelle und schließlich Veränderung entstehen lassen.

Wir danken allen Künstlerinnen und Künstlern, allen Helfenden und allen Menschen, die uns an diesem Wochenende besucht, mit uns diskutiert, gestaltet, gegessen und gefeiert haben.

Protest muss stören. Aber er darf auch verbinden. Und er kann verdammt schön sein.

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