Eva von Redeckers Philosophie der neuen Protestformen ist sechs Jahre nach ihrem Erscheinen aktueller denn je. Sie stellt eine Frage, die auch unsere kommunalpolitischen Auseinandersetzungen betrifft: Was wollen wir eigentlich verändern – und wie?
Es gibt Bücher, die man liest, ins Regal stellt und irgendwann vergisst. Und es gibt Bücher, deren Gedanken einen weiter begleiten, selbst wenn man sich längst anderen Themen zugewandt hat. „Revolution für das Leben“ von Eva von Redecker gehört für mich zur zweiten Kategorie. Ich habe es vor längerer Zeit gelesen. Heute, angesichts der politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen, lohnt es sich, seine Gedanken erneut aufzugreifen. Denn von Redecker verschiebt unseren Blick auf das, was Revolution bedeutet.
Inhalt
ToggleNicht die Macht erobern, sondern das Leben befreien
Die klassische Vorstellung von Revolution ist eng mit dem Kampf um politische Macht verbunden. Eine Herrschaft wird gestürzt, eine andere Ordnung entsteht. Revolution erscheint als großer Bruch, als historischer Ausnahmezustand. Eva von Redecker denkt Revolution anders. Sie erkennt in den neueren Protestbewegungen eine gemeinsame Orientierung: Es geht um die Verteidigung und Ermöglichung des Lebens. Um eine Welt, in der Menschen, Tiere und Ökosysteme nicht länger bloß als verfügbare Ressourcen behandelt werden.
Klimabewegungen, feministische Kämpfe, antirassistische Proteste und Auseinandersetzungen um gesellschaftliche Fürsorge erscheinen aus dieser Perspektive nicht als voneinander getrennte Anliegen. Sie sind Ausdruck eines gemeinsamen Konflikts um die Bedingungen des Lebens. Das ist ein bemerkenswerter Perspektivwechsel. Nicht mehr allein die Frage, wer herrscht, steht im Mittelpunkt. Sondern die Frage, welche gesellschaftlichen Verhältnisse Leben ermöglichen – und welche es zerstören.
Die Freiheit der einen darf nicht auf Kosten der anderen gehen
Ein zentraler Gedanke des Buches betrifft unser Verständnis von Eigentum und Freiheit. Unsere Gesellschaft gewährt Menschen und Unternehmen weitreichende Verfügungsrechte. Über Grundstücke, Gebäude, Produktionsmittel und natürliche Ressourcen. Doch was geschieht, wenn diese Verfügungsrechte die Lebensgrundlagen anderer Menschen beeinträchtigen?
Wenn Bäume gefällt werden, obwohl sie für das Stadtklima unverzichtbar sind? Wenn Boden versiegelt wird, obwohl Starkregen und Hitze zunehmen? Wenn öffentliche Räume vor allem nach wirtschaftlichen Interessen gestaltet werden? Dann wird deutlich, dass Eigentum und Verantwortung nicht voneinander getrennt betrachtet werden können. Die Frage lautet nicht, ob Menschen Eigentum besitzen dürfen. Sie lautet, wie weit ihre Verfügungsmacht reichen darf, wenn die Folgen alle betreffen. Hier wird von Redeckers Philosophie unmittelbar politisch. Denn die Freiheit, etwas zu zerstören, ist nicht dasselbe wie die Freiheit, gut leben zu können.
Die Revolution beginnt auch vor unserer Haustür
Wer sich in Offenburg für den Erhalt von Stadtbäumen, weniger versiegelte Flächen oder eine gerechtere Verteilung des Straßenraums einsetzt, wird vermutlich selten von Revolution sprechen. Und doch berühren diese Auseinandersetzungen grundlegende gesellschaftliche Fragen. Wem gehört die Stadt? Wer entscheidet darüber, wie wir ihren Raum nutzen? Welche Interessen werden geschützt? Und wer trägt die Folgen politischer Entscheidungen?
Ein alter Straßenbaum ist mehr als ein Gegenstand kommunaler Planung. Er spendet Schatten, kühlt seine Umgebung, bietet Lebensraum und trägt zur Gesundheit der Menschen bei. Sein Wert lässt sich nicht auf einen Geldbetrag oder eine Ersatzpflanzung reduzieren. Wenn wir für seinen Erhalt kämpfen, verteidigen wir deshalb nicht bloß ein Stück Stadtgrün. Wir verteidigen Lebensqualität, ökologische Zusammenhänge und die Interessen künftiger Generationen.
Ähnliches gilt für die Verkehrswende. Die Frage, wie viel öffentlichen Raum wir dem Autoverkehr überlassen, ist nicht nur eine technische Verkehrsplanungsfrage. Sie ist eine Frage gesellschaftlicher Prioritäten.
Retten, regenerieren, teilen und pflegen
Besonders anregend finde ich die vier Handlungsrichtungen, die von Redecker herausarbeitet: Retten, Regenerieren, Teilen und Pflegen. Sie eröffnen einen anderen Zugang zu politischer Veränderung. Retten bedeutet, das zu schützen, was noch vorhanden ist. Regenerieren heißt, beschädigte Lebensgrundlagen wiederherzustellen. Teilen richtet den Blick auf gemeinschaftliche Nutzung und gerechte Verteilung. Pflegen erinnert daran, dass eine lebenswerte Gesellschaft dauerhaft Aufmerksamkeit, Sorge und Verantwortung braucht.
Auf unsere Stadt übertragen könnte das bedeuten:
- Retten: Bestehende Stadtbäume und unversiegelte Flächen konsequent schützen.
- Regenerieren: Straßen entsiegeln, neue Grünräume schaffen und geschädigte Ökosysteme wiederherstellen.
- Teilen: Öffentlichen Raum gerechter verteilen und allen Menschen zugänglich machen.
- Pflegen: Stadtgrün, öffentliche Infrastruktur und demokratische Beziehungen dauerhaft erhalten und stärken.
Das klingt zunächst weniger spektakulär als eine Revolution. Tatsächlich könnte es jedoch weitreichender sein als manche große politische Ankündigung. Denn es verändert nicht nur einzelne Entscheidungen, sondern die Maßstäbe, nach denen wir Entscheidungen treffen.
Aber reicht Protest aus?
Hier beginnt für mich die entscheidende Frage. Protest kann Missstände sichtbar machen, Menschen mobilisieren und politische Entscheidungen verändern. Aber wie wird aus Protest eine dauerhafte gesellschaftliche Entwicklung? Wie verhindern wir, dass Bewegungen nach einem Erfolg wieder auseinanderfallen? Wie schaffen wir Strukturen, in denen Menschen nicht nur gelegentlich demonstrieren, sondern kontinuierlich an der Gestaltung ihrer Lebensbedingungen mitwirken? Ich glaube, dass wir dafür mehr brauchen als Widerstand.
Wir brauchen demokratische Räume, in denen unterschiedliche Interessen miteinander verhandelt werden können. Wir brauchen Zugang zu Informationen, transparente Entscheidungen und Möglichkeiten, selbst Vorschläge einzubringen. Und wir brauchen die Bereitschaft, Verantwortung nicht vollständig an Politik und Verwaltung zu delegieren. Das bedeutet nicht, Konflikte zu vermeiden. Im Gegenteil: Eine lebendige Demokratie muss Konflikte sichtbar und bearbeitbar machen.
Gerade deshalb darf Bürgerbeteiligung nicht auf die nachträgliche Zustimmung zu bereits ausgearbeiteten Planungen reduziert werden.
Gesellschaftliche Veränderung ist keine Zuschauerveranstaltung
Vielleicht liegt hier eine der wichtigsten Verbindungen zwischen von Redeckers Philosophie und unserer Arbeit bei der Konferenz für Urban Transformation Design. Wir wollen nicht nur kritisieren, was falsch läuft. Wir wollen gemeinsam herausfinden, wie es anders gehen kann. Dazu gehören öffentliche Diskussionen ebenso wie konkrete Projekte, unabhängige Daten, Beteiligungsplattformen und die Vernetzung engagierter Menschen.
Eine andere Stadt entsteht nicht allein durch bessere Beschlüsse im Gemeinderat. Sie entsteht auch dadurch, dass Menschen sich als handlungsfähige Gemeinschaft begreifen. Dass sie beginnen, Verantwortung für ihre Umgebung zu übernehmen und politische Entscheidungen nicht als etwas betrachten, das ausschließlich andere treffen. Dabei sollten wir allerdings nicht romantisieren, was Beteiligung leisten kann. Demokratische Veränderung kostet Zeit, verlangt Kompromisse und stößt auf bestehende Machtverhältnisse.
Nicht jeder Konflikt lässt sich durch ein gutes Gespräch lösen. Umso wichtiger sind verbindliche demokratische Regeln und politische Entscheidungen, die das Gemeinwohl tatsächlich über kurzfristige Einzelinteressen stellen.
Revolution für das Leben – eine politische Haltung
Eva von Redeckers Buch liefert keine Gebrauchsanweisung für die kommunale Transformation. Das muss es auch nicht. Seine Stärke liegt darin, einen anderen Maßstab für gesellschaftlichen Fortschritt anzubieten. Nicht Wachstum um jeden Preis. Nicht die größtmögliche Verfügung über Menschen und Natur. Nicht die Vorstellung, dass sich jedes Problem durch neue Technik oder zusätzliche wirtschaftliche Leistung lösen lässt.
Sondern die Frage, ob unsere gesellschaftlichen Verhältnisse Leben erhalten, ermöglichen und verbessern. Das ist kein kleiner Anspruch. Und es ist auch kein unpolitischer Appell zu mehr Freundlichkeit oder Achtsamkeit. Wer die Lebensgrundlagen schützen will, muss sich mit Eigentumsverhältnissen, wirtschaftlicher Macht und politischen Entscheidungsstrukturen auseinandersetzen.
Vielleicht sollten wir deshalb den Begriff der Revolution nicht vorschnell den großen historischen Umbrüchen überlassen. Eine Revolution für das Leben könnte auch dort beginnen, wo Menschen sich weigern, die fortschreitende Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen als unvermeidlich hinzunehmen. Wo sie gemeinsam Alternativen entwickeln. Und wo aus dem Protest gegen das Bestehende die konkrete Gestaltung einer anderen Zukunft wird.
Die entscheidende Frage ist nicht nur, wogegen wir protestieren. Sondern für welches Leben wir gemeinsam kämpfen wollen.
Buchtipp: Eva von Redecker: Revolution für das Leben. Philosophie der neuen Protestformen. S. Fischer, 2020.
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