Ein detaillierter Baustellenplan, der über ein Luftbild gelegt ist, zeigt Gebäude, Straßen, Grünflächen sowie als Baustellenbereiche gekennzeichnete Stellen in Lila und Rot, wobei die Abschnitte mit A, B und D markiert sind und eine Eisenbahnlinie durch die Mitte verläuft.

Bäume sind kritische Infrastruktur – auch an der Badstraße

Die Eisenbahnbrücke an der Badstraße muss erneuert werden. Das ist nicht der Punkt. Niemand bestreitet ernsthaft, dass eine Brücke aus den Anfängen des 20. Jahrhunderts irgendwann ersetzt werden muss. Und niemand bestreitet, dass eine solche Baustelle kompliziert ist.

Der Punkt ist ein anderer: Wie bauen wir im Jahr 2026?

Bauen wir weiter so, als seien Bäume nur schmückendes Beiwerk, das man zur Not eben entfernt? Oder haben wir endlich verstanden, dass große, gewachsene Bäume in einer immer heißer werdenden Stadt zur kritischen Infrastruktur gehören?

An der Badstraße entscheidet sich genau diese Frage.

Eine Baustelle aus der alten Denke

In den Unterlagen zur neuen Eisenbahnbrücke ist von „recht umfangreichen“ Baustelleneinrichtungsflächen die Rede. Das klingt technisch, fast harmlos. Gemeint ist aber: große Flächen werden über Jahre für Baustelle, Lagerung, Geräte, Vormontage, Zufahrten und Bauzäune beansprucht. Betroffen sind unter anderem Bereiche beim Burda-Parkplatz, beim Freizeitbad, beim Migrationsamt, beim „Elfer“ und im Krummer.

Wer den Bereich kennt, weiß: Das sind nicht einfach leere Restflächen. Dort gibt es gewachsene Grünstrukturen, große Bäume, Schatten, Wegebeziehungen und einen wichtigen Zugang zwischen Innenstadt, Mühlbach, Freizeitbad, Messe, Stadion und künftiger Landesgartenschau. Gerade an heißen Tagen ist dieser Schatten kein Luxus. Er ist Schutz.

Und genau deshalb reicht es nicht, wenn in den Unterlagen steht, die Eingriffe würden später wiederhergestellt. Ein großer Baum lässt sich nicht einfach ersetzen. Ein schattiger Weg entsteht nicht dadurch neu, dass man nach der Baustelle ein paar junge Bäume pflanzt. Wer heute einen alten Baum fällt, nimmt der Stadt für Jahrzehnte Kühlung, Schatten, Aufenthaltsqualität und Lebensraum.

In dicht bebauten Gebieten würde man anders planen

Man muss sich nur eine einfache Frage stellen: Wie würde diese Baustelle geplant, wenn direkt daneben Häuser stünden?

Würde man sagen: „Wir brauchen Platz, also reißen wir die Häuser eben weg“? Natürlich nicht. Dann würde man enger planen, anders lagern, anders takten, mehr vormontieren, andere Flächen suchen, Logistik präziser organisieren und notfalls höhere Anforderungen an die Bauausführung stellen.

Bei Bäumen passiert leider oft das Gegenteil. Sie stehen da. Sie widersprechen nicht. Sie haben keine Adresse, keine Anwälte, keine Mietverträge. Also werden sie schnell zur verfügbaren Fläche.

Genau diese Haltung darf sich Offenburg nicht mehr leisten.

Nach den heißen Sommern der letzten Jahre, nach den eigenen Diskussionen über Hitzeschutz, nach dem schlechten Abschneiden beim Hitze-Check und mitten in der Vorbereitung einer Landesgartenschau muss klar sein: Bäume sind keine Reserveflächen. Bäume sind Schutzinfrastruktur.

Es geht nicht um Romantik, sondern um Stadtfunktion

Manche werden sagen: „Jetzt geht es schon wieder um Bäume.“ Ja. Genau darum geht es. Weil es in Offenburg inzwischen nicht mehr um einzelne schöne Bäume geht, sondern um die Funktionsfähigkeit der Stadt.

Bäume kühlen Straßenräume. Sie spenden Schatten. Sie senken Oberflächentemperaturen. Sie machen Wege im Sommer überhaupt erst nutzbar. Sie schützen Kinder, ältere Menschen, Menschen mit Vorerkrankungen, Fußgänger:innen, Radfahrende und alle, die nicht klimatisiert von Tiefgarage zu Tiefgarage fahren.

Wenn ein Hauptzugangsweg zur Landesgartenschau und zur Innenstadt seinen Schatten verliert, dann ist das kein Nebenproblem. Dann wird aus einem Weg eine Hitzeachse.

Eine Landesgartenschau, deren Zugang vorher seiner gewachsenen Schattenstruktur beraubt wird, wäre ein Planungswiderspruch. Man kann nicht auf der einen Seite eine grüne Stadt feiern und auf der anderen Seite für die Baustellenlogistik genau jene Strukturen opfern, die eine grüne Stadt heute dringend braucht.

Baumerhalt muss Planungsziel werden – nicht Restgröße

Die Unterlagen zeigen sogar, dass Baumerhalt möglich ist, wenn er als Planungsziel ernst genommen wird. Im Bereich des Migrationsamts wurden Baum- und Wurzeluntersuchungen durchgeführt. Ergebnis: Bäume können gehalten werden, wenn auf den westlichen Gehweg verzichtet und eine alternative Wegeführung gefunden wird.

Das ist ein wichtiger Hinweis. Denn er zeigt: Es gibt Spielräume. Es gibt Abwägungen. Es gibt Alternativen.

Dann muss diese Logik aber für die gesamte Baustelle gelten. Nicht nur dort, wo es zufällig untersucht wurde. Nicht nur dort, wo es planerisch gerade passt. Sondern überall dort, wo große Bäume, schattige Wege und gewachsene Grünstrukturen betroffen sind.

Offenburg braucht für diese Maßnahme eine echte baumschonende Baustellenplanung. Nicht als freundliche Ergänzung. Sondern als verbindliche Vorgabe.

Unsere Forderung

Bevor für die Eisenbahnbrücke Badstraße und das Trogbauwerk weitere Fakten geschaffen werden, braucht es eine öffentliche und nachvollziehbare Antwort auf diese Fragen:

  • Welche Bäume sind konkret betroffen?
  • Welche Bäume sollen erhalten bleiben?
  • Welche Bäume sind gefährdet?
  • Welche Alternativen zur derzeit geplanten Baustelleneinrichtung wurden geprüft?
  • Wurden vorrangig bereits versiegelte Flächen untersucht?
  • Wurde eine Variante mit maximalem Baumerhalt geplant und bewertet?
  • Welche Wege bleiben während der Bauzeit für Fuß- und Radverkehr sicher, schattig und barrierearm nutzbar?
  • Welche hitzeklimatischen Folgen hat der Verlust von Schatten auf diesem Hauptzugang zwischen Landesgartenschau und Innenstadt?

Und vor allem: Gibt es einen verbindlichen Baumschutzplan mit Wurzelraumschutz, Kronenschutz, Bewässerung, ökologischer Baubegleitung und klarer Verantwortung?

Kein weiterer Kahlschlag für bequeme Baustellenlogistik

Offenburg steht an einem Punkt, an dem schöne Worte nicht mehr reichen. Klimaanpassung entscheidet sich nicht in Broschüren, sondern auf Baustellen. Dort, wo es eng wird. Dort, wo es teurer wird. Dort, wo alte Routinen infrage gestellt werden müssen.

Natürlich ist eine große Brücke anspruchsvoll. Natürlich braucht eine solche Baustelle Platz. Aber daraus folgt nicht automatisch, dass gewachsene Baumstrukturen geopfert werden dürfen.

Die Stadt muss gegenüber der Bahn, den Planungsbüros und den ausführenden Unternehmen klar sagen: Der vorhandene Baumbestand ist nicht Verfügungsmasse. Er ist Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge. Er ist kritische Infrastruktur gegen Hitze. Und er muss mit derselben Ernsthaftigkeit geschützt werden wie Leitungen, Straßen, Gebäude und technische Anlagen.

Wer heute Bäume fällt, weil es die Baustelle einfacher macht, baut die Hitze von morgen gleich mit.

Deshalb braucht Offenburg an der Badstraße keine Baustelle aus der alten Zeit. Offenburg braucht eine Planung, die zeigt: Wir haben verstanden, in welcher Stadt wir künftig leben müssen.

Keine weiteren Kahlschläge.

Nicht für Parkplätze. Nicht für überdimensionierte Straßenräume. Und auch nicht für Baustelleneinrichtungen, solange nicht öffentlich und nachvollziehbar bewiesen ist, dass wirklich jede baumschonende Alternative ausgeschöpft wurde.

Bäume sind kritische Infrastruktur. Behandeln wir sie endlich so.

Siehe auch

  • https://ratsinfo.offenburg.de/buergerinfo/vo0050.php?__kvonr=6944

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