Heute lag in unserem Briefkasten ein kleiner Zettel. Kein Absender, keine Briefmarke – einfach eingeworfen. Darauf ein handgeschriebenes Gedicht. Offensichtlich frei nach Rainer Maria Rilke formuliert und ganz offensichtlich inspiriert von der aktuellen Debatte um den Flugplatz und den Bürgerentscheid.
Es teilt die Stadt am Königswalde
die Bürgerinnen wie ein Hirt,
und mancher Bürger ahnt, wie balde
der Flugplatz nimmer da sein wird,
und lauscht hinaus. Den breiten Wegen,
die dann folgen – bitterleid –
und wehret dem Aus und wächst entgegen
dem einen Tag des Bürgerentscheid.*frei nach Rilke
Das Gedicht beschreibt etwas, das viele Menschen in Offenburg derzeit spüren: Diese Entscheidung bewegt die Stadt. Sie wird diskutiert in Familien, in Vereinen, an Stammtischen, auf der Straße. Der Flugplatz ist längst mehr als eine Fläche auf der Karte – er ist zum Symbol geworden für die Frage, wie sich unsere Stadt in Zukunft entwickeln soll.
Besonders eindrücklich ist die Beobachtung, dass diese Frage auch trennt. Das Gedicht spricht davon, dass „die Stadt die Bürger*innen teilt“. Tatsächlich stehen sich in dieser Debatte unterschiedliche Vorstellungen von Zukunft gegenüber: wirtschaftliche Entwicklung, Natur- und Freiraumschutz, Wachstum und Begrenzung.
Gleichzeitig steckt in den Zeilen auch etwas anderes: die Erwartung eines demokratischen Moments. Der „Tag des Bürgerentscheids“ wird als der Zeitpunkt beschrieben, an dem diese Spannung in eine Entscheidung mündet. Nicht durch Verwaltung oder Gemeinderat allein, sondern durch die Bürgerinnen und Bürger selbst.
Wer auch immer dieses Gedicht geschrieben und bei uns eingeworfen hat – wir verstehen es als eine freundliche, nachdenkliche Begleitung dieser Tage. Als kleinen literarischen Kommentar zu einer großen lokalen Debatte.
In wenigen Tagen wird Offenburg entscheiden. Bis dahin bleibt Zeit zum Nachdenken, Diskutieren – und vielleicht auch für das eine oder andere Gedicht im Briefkasten.
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