Ein lächelnder Mann in einem hellblauen Hemd steht draußen im Sonnenlicht. Neben ihm liegt ein Brief auf Deutsch, der handschriftliche und gedruckte Text, eine Unterschrift sowie die Kontaktdaten von Julian Christ enthält. Unten rechts befindet sich ein QR-Code.

Fragen an Julian Christ zu seinem Wahlkampf-Flyer

Der Wahlkampf-Flyer von Julian Christ greift mehrere Themen auf, die auch uns als Konferenz für Urban Transformation Design wichtig sind: Wirtschaft, Klima, Wohnen, Verkehr, Infrastruktur, Soziales und Ehrenamt. Das ist zunächst einmal gut. Entscheidend ist aber nicht, welche Überschriften auf einem Flyer stehen, sondern was daraus praktisch folgt. Gerade deshalb möchten wir einige Fragen stellen.

Wirtschaft & Arbeit: Entwicklung ohne weiteren Flächenfraß?

Julian Christ schreibt, Wachstum könne nicht alleiniger Gradmesser sein, Unternehmen bräuchten aber gute Rahmenbedingungen und „auch Platz“. Genau an dieser Stelle wird es in Offenburg konkret. Denn der Druck auf den Flugplatz und andere Freiflächen ist längst da.

Unsere Frage lautet daher:
Wie soll wirtschaftliche Entwicklung in Offenburg gelingen, ohne weitere wertvolle Freiflächen zu verbrauchen?

Offenburg hat laut Hitze-Check der Deutschen Umwelthilfe bereits zusätzliche Versiegelung zu verzeichnen. Wer jetzt von „Platz“ spricht, muss erklären, ob damit tatsächlich neue Gewerbeflächen gemeint sind – oder ob es um klügere Nutzung bestehender Flächen geht: Leerstände, Aufstockung, Umnutzung, Innenentwicklung, Flächenrecycling, gemeinsame Infrastruktur, weniger Parkplatzwüsten und eine echte Strategie gegen Bodenverschwendung.

Konkret gefragt:
Wird Julian Christ den Offenburger Flugplatz als mögliche Gewerbefläche ausschließen?
Oder hält er daran fest, dass weitere Natur- und Freiflächen für wirtschaftliches Wachstum geopfert werden dürfen?

Klima & Wohnen: Mehr Stadtbäume reichen nicht als Satz auf dem Flyer

Christ schreibt: „Mehr Stadtbäume lassen Luft zum Atmen.“ Das stimmt. Aber in Offenburg reicht es nicht, mehr Bäume zu versprechen. Wir brauchen eine Kehrtwende.

Der DUH-Hitze-Check hat Offenburg beim Hitzeschutz bundesweit schlecht dastehen lassen. Besonders dramatisch ist der geringe Beschirmungsgrad. Wenn Offenburg langfristig auf einen wirklich wirksamen Hitzeschutz kommen will, müsste die Stadt den Beschirmungsgrad nicht ein bisschen verbessern, sondern ungefähr verdoppeln.

Unsere Frage lautet daher:
Wie genau will Julian Christ den Baumbestand in Offenburg sichern, ausbauen und den Beschirmungsgrad deutlich erhöhen?

  • Dazu gehören konkrete Antworten:
  • Wie viele zusätzliche Stadtbäume pro Jahr sollen gepflanzt werden?
  • Wie wird verhindert, dass weiter mehr Bäume gefällt als nachgepflanzt werden?
  • Wie werden Jungbäume so versorgt, dass sie überhaupt groß werden können?
  • Welche Straßen, Plätze und Schulwege sollen zuerst entsiegelt und beschattet werden?
  • Und wie wird der vorhandene Baumbestand endlich als kritische Infrastruktur behandelt – nicht als Dekoration, die bei Bauprojekten stört?

Auffällig ist außerdem: Im Abschnitt „Klima & Wohnen“ wirkt Wohnen eher wie ein Anhängsel. Der Satz, dass der beste Stadtklima-Schutz nichts nützt, wenn man sich die Miete nicht leisten kann, ist richtig. Aber daraus folgt noch keine Wohnungspolitik.

Deshalb fragen wir:
Was ist Julian Christs konkrete Strategie für bezahlbares Wohnen in Offenburg?
Welche Rolle sollen kommunaler Wohnungsbau, gemeinwohlorientierte Träger, Konzeptvergaben, Erbbaurecht und Schutz vor Verdrängung spielen?

Verkehr & Infrastruktur: Was bedeutet Gleichberechtigung, wenn der MIV dominiert?

Christ schreibt, Offenburg brauche Lösungen, die Individualverkehr, ÖPNV und Fahrrad gleichberechtigt behandeln.

Das klingt ausgewogen. Aber in der Realität ist Offenburg nicht gleichberechtigt organisiert. Der motorisierte Individualverkehr dominiert große Teile des öffentlichen Raums. Er bekommt die meisten Flächen, die direktesten Wege, die größte Selbstverständlichkeit und oft auch die politische Rücksichtnahme. Fußverkehr, Radverkehr und ÖPNV müssen sich dagegen häufig mit Restflächen, Umwegen, Wartezeiten und Sicherheitsproblemen begnügen.

Unsere Frage lautet daher:
Was versteht Julian Christ konkret unter Gleichberechtigung im Verkehr?

Bedeutet Gleichberechtigung, dass alles so bleibt wie bisher und nur freundlicher formuliert wird?
Oder bedeutet Gleichberechtigung, dass Fußverkehr, Radverkehr und ÖPNV endlich so viel Raum, Sicherheit und Priorität bekommen, wie sie für eine lebenswerte Stadt brauchen?

Konkret gefragt:
Ist Julian Christ bereit, dem Auto dort Fläche zu nehmen, wo sichere Gehwege, geschützte Radwege, Busspuren, Bäume oder Aufenthaltsqualität sonst nicht möglich sind?
Unterstützt er Tempo 30 als Regelgeschwindigkeit in sensiblen Bereichen?
Will er Schulwege, Innenstadt, Stadtteile und Ortsteile konsequent aus Sicht der Menschen planen, die zu Fuß, mit dem Rad, mit Rollator, Kinderwagen oder Bus unterwegs sind?

Soziales & Ehrenamt: Ohne Beteiligung bleibt das unvollständig

Im Abschnitt „Soziales & Ehrenamt“ betont Christ die Bedeutung des Ehrenamts und nennt Begegnungsorte wie Mehrgenerationenhäuser, Stadtteilzentren und Seniorenbüros. Das ist richtig, aber es bleibt zu eng.

Soziales Leben entsteht nicht nur durch Räume. Es entsteht durch Teilhabe, Mitentscheidung und ernsthafte Beteiligung. Gerade Menschen mit wenig Geld, wenig Zeit, wenig Einfluss, mit Behinderung, mit Sprachbarrieren oder schlechten Erfahrungen mit Verwaltung brauchen mehr als freundliche Angebote. Sie brauchen echte Zugänge zur Stadtpolitik.

Unsere Frage lautet daher:
Welche Rolle spielt Bürgerbeteiligung in Julian Christs Verständnis von Stadtentwicklung?

Wie will er sicherstellen, dass nicht immer dieselben gut vernetzten Stimmen gehört werden?
Wie sollen Kinder, Jugendliche, ältere Menschen, Menschen mit Behinderung, Menschen mit geringem Einkommen und Menschen aus den Ortsteilen verbindlich beteiligt werden?
Wird es unter ihm neue Beteiligungsformate geben, die tatsächlich Einfluss auf Entscheidungen haben – oder bleibt Beteiligung ein Anhängsel fertiger Verwaltungsvorlagen?

Offenburg braucht keinen Wahlkampf der schönen Begriffe. Offenburg braucht Klarheit.

Wer von Wirtschaft spricht, muss sagen, wie Entwicklung ohne weiteren Flächenverbrauch gelingt.
Wer von Stadtbäumen spricht, muss sagen, wie die Kehrtwende beim Baumbestand geschafft wird.
Wer von Gleichberechtigung im Verkehr spricht, muss sagen, ob er bereit ist, die Vorherrschaft des Autos infrage zu stellen.
Und wer von Ehrenamt spricht, muss auch über Teilhabe, Beteiligung und demokratische Mitgestaltung sprechen.

Viele dieser Fragen haben wir Julian Christ bereits gestellt. Wir haben auch schon seit Längerem das Gespräch mit ihm gesucht und ihn zu uns eingeladen. Bisher ist daraus außer allgemeinen Absichtserklärungen leider wenig Konkretes geworden.

Deshalb formulieren wir diese Fragen nun öffentlich. Nicht als Angriff, sondern als Einladung zur Klarheit. Wer Oberbürgermeister von Offenburg werden möchte, sollte sagen, was seine Begriffe im Alltag dieser Stadt bedeuten.

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