Dunkle Gewitterwolken ziehen über Schloss Ortenberg auf, die von grünen Weinbergen umgeben ist, während im Vordergrund eine Person einen Weg entlangläuft. Die Atmosphäre ist dramatisch und ahnungsvoll.

Jugendherberge Ortenberg: Neutralität oder Einladung zur rechten Vernetzung?

Die Jugendherberge Ortenberg steht unter Druck. Der Grund: Vom 1. bis 3. Mai soll auf Schloss Ortenberg ein europaweites Treffen der Organisation „Ave Europa“ stattfinden – einer Gruppe, die laut verschiedenen zivilgesellschaftlichen Recherchen an einer grundlegenden Umgestaltung Europas arbeitet. Gleichzeitig wurde für diese Veranstaltung ein etablierter, offener Treffpunkt vor Ort verdrängt: der traditionelle Feuerwehr-Hock. Das wirft Fragen auf. Und zwar grundlegende.

Was ist „Ave Europa“ – und wer kommt da?

Nach öffentlich zugänglichen Informationen handelt es sich bei „Ave Europa“ um eine paneuropäische Vernetzungsstruktur mit klar politischen Zielen: eine „Festung Europa“, geschlossene Grenzen, eine militärisch gestärkte Union. Besonders brisant ist jedoch weniger das Selbstbild – sondern das Umfeld:

  • Als Redner werden Akteure aus dem Umfeld der Alternative für Deutschland und der Freiheitliche Partei Österreichs erwartet
  • Innerhalb der Organisation selbst gab es laut Berichten Hinweise auf eine Radikalisierung und Einfluss rechtsextremer Netzwerke
  • Ideologische Bezüge reichen bis zu Positionen, wie sie aus dem Umfeld der sogenannten „Identitären Bewegung“ bekannt sind

Auch wenn einzelne Punkte unterschiedlich bewertet werden mögen: Hier vernetzen sich keine beliebigen politischen Akteure, sondern Teile eines europaweiten rechten Spektrums.

Die Position der Jugendherberge: Formal korrekt – inhaltlich ausweichend

Auf Nachfrage erklärt der Landesverband des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH):

  • Man prüfe Gruppen sorgfältig
  • Es gebe keine Erkenntnisse des Verfassungsschutzes
  • Man sei überparteilich und vergebe Räume grundsätzlich neutral

Das klingt zunächst plausibel. Ist es aber nur auf den ersten Blick. Denn diese Argumentation reduziert die Entscheidung auf eine einzige Frage:
Ist es verboten? Und blendet eine andere vollständig aus: Ist es verantwortbar?

Neutralität hat Grenzen

Jugendherbergen sind keine beliebigen Veranstaltungsräume. Sie verstehen sich selbst als Orte der Begegnung, der Bildung und der demokratischen Wertevermittlung. Genau deshalb greift der Verweis auf „Neutralität“ zu kurz. Denn Neutralität bedeutet nicht, jede Form politischer Vernetzung gleichwertig zu behandeln – unabhängig davon, ob sie auf demokratische Teilhabe zielt oder auf Ausgrenzung, Abschottung und autoritäre Gesellschaftsbilder. Wer Räume zur Verfügung stellt, trifft immer auch eine Entscheidung. Auch dann, wenn er sie als „neutral“ bezeichnet.

Der eigentliche Konflikt

Der Kern des Problems liegt nicht in der formalen Zulässigkeit der Veranstaltung. Er liegt im Widerspruch zwischen Anspruch und Praxis:

  • Ein Ort, der für Offenheit und demokratische Bildung stehen will
  • stellt Räume für ein Treffen bereit, bei dem sich Akteure mit rechtsextremen Bezügen vernetzen
  • und verdrängt dafür gleichzeitig eine lokale, offene Veranstaltung

Das ist keine technische Entscheidung. Das ist eine politische Wirkung.

Warum das gerade jetzt relevant ist

Wir erleben derzeit europaweit eine Verschiebung politischer Diskurse. Netzwerke, die sich strategisch organisieren, sind ein zentraler Teil davon. Orte wie Jugendherbergen spielen dabei eine Rolle – ob sie wollen oder nicht. Die Frage ist also nicht, ob man „neutral“ bleibt. Die Frage ist:
Wem stellt man Raum zur Verfügung – und wofür?

Unsere Erwartung: Haltung statt Ausflüchte

Der Verweis auf fehlende Verfassungsschutz-Einträge reicht nicht aus, um diese Entscheidung zu rechtfertigen. Deshalb erwarten wir vom Deutschen Jugendherbergswerk:

  • eine klare inhaltliche Bewertung der Veranstaltung
  • eine Überprüfung der Entscheidung für Ortenberg
  • und vor allem: Konsequenzen für den konkreten Fall

Auch kurzfristig ist eine Neubewertung möglich. Und notwendig.

Denn am Ende geht es um mehr

Es geht nicht nur um ein Wochenende in Ortenberg. Es geht darum, ob Einrichtungen, die sich demokratischen Werten verpflichtet fühlen,
diese auch dann verteidigen, wenn es unbequem wird. Oder ob sie sich hinter formaler Neutralität verstecken.

Siehe auch

  • https://www.agr-offenburg.de/2026/04/20/schloss-ortenberg-wird-zur-festung-europa/

Loading

Facebook
LinkedIn
Threads
WhatsApp

Schreibe einen Kommentar


Der Zeitraum für die reCAPTCHA-Überprüfung ist abgelaufen. Bitte laden Sie die Seite neu.