Luftaufnahme eines Stadtgebiets in Deutschland, auf der Straßen, Gebäude, Parkplätze, Grünflächen sowie beschriftete Orte wie Apotheken, Museen und Kindergärten zu sehen sind. Am unteren Bildrand verlaufen Bahngleise.

Mehr Grün im Plan oder Schutz des bestehenden Grüns? Fragen an Tobias Benz

Tobias Benz verspricht Offenburg im Wahlkampf mehr Sorgfalt beim bestehenden Grün. Das hören wir gerne. Denn genau daran wird sich ein künftiger Oberbürgermeister in Offenburg messen lassen müssen: nicht an schönen Visualisierungen, nicht an grünen Worten, nicht an Ersatzpflanzungen auf Papier, sondern am tatsächlichen Umgang mit vorhandenen Bäumen, gewachsenen Grünflächen und schattenspendendem Bestand. Ein Blick nach Grenzach-Wyhlen, der aktuellen Wirkungsstätte von Tobias Benz zeigt, warum wir hier genauer nachfragen.

Dort gibt es seit Jahren die Planungen für die „Neue Mitte“. Solche Projekte klingen zunächst gut: Ortsmitte stärken, Aufenthaltsqualität schaffen, neue Wegebeziehungen, Wohnen, Gastronomie, Begegnung. Niemand kann ernsthaft bestreiten, dass Städte und Gemeinden ihre Zentren weiterentwickeln müssen. Auch wir wollen keine museale Stadt, in der nichts mehr verändert werden darf. Aber die entscheidende Frage ist: Von welchem Bestand aus wird geplant?

Auf Luftbildern der Fläche in Wyhlen ist erkennbar, dass es nicht nur um einen Parkplatz geht. Betroffen sind offenbar auch Grünflächen, größere Bäume und möglicherweise Baumreihen entlang bestehender Bebauung. In den Planzeichnungen wirkt die künftige Mitte grün, geordnet und attraktiv. Doch wenn dafür zunächst bestehendes Grün abgeräumt wird, ist das kein einfacher Gewinn für Klimaanpassung. Dann ist es ein Tausch: gewachsener Bestand gegen neu geplantes Grün. Genau hier liegt der Punkt, der auch für Offenburg entscheidend ist.

Luftaufnahme eines architektonischen Lageplans mit mehreren weißen, rechteckigen Gebäuden, Grünflächen mit Bäumen, Wegen und einer Straße am unteren Bildrand. Grün schattierte Bereiche heben die landschaftlich gestalteten Flächen hervor.

Ein neuer Baum ist kein Ersatz für einen alten Baum. Eine begrünte Baumscheibe ist kein Ersatz für gewachsenen Boden. Ein „grünerer Entwurf“ ist nicht automatisch ein klimaresilienter Entwurf. Und eine Fläche ist nicht erst dann problematisch, wenn sie vollständig versiegelt wird. Auch Teilversiegelung, Geländemodellierung, Tiefgaragen, Baukörper und neue Wege können vorhandenes Stadtgrün so verändern, dass seine heutige ökologische und klimatische Wirkung verloren geht.

Bürgermeister Tobias Benz weist die Kritik der Bürgerinitiative „Bürger für Bäume“ in Grenzach-Wyhlen deutlich zurück. Er spricht von Falschinformationen, verweist auf Beteiligungsverfahren, auf neue Bäume und darauf, dass keine Totalversiegelung geplant sei. Einzelne Begriffe der Initiative mögen tatsächlich angreifbar sein. Wenn eine Fläche nicht vollständig versiegelt wird, ist „Totalversiegelung“ kein präziser Begriff.

Aber damit ist die eigentliche Frage nicht beantwortet. Die eigentliche Frage lautet: Wurde konsequent vom Erhalt des bestehenden Grüns her geplant? Oder wurde zuerst städtebaulich neu geordnet — und anschließend versucht, die Planung möglichst grün aussehen zu lassen?

Für Offenburg ist das keine Nebensache. Wir haben in den letzten Jahren erlebt, wie schnell gesunde Bäume bei Bauprojekten, Straßenplanungen und Umgestaltungen zur Verhandlungsmasse werden. Erst heißt es, der Eingriff sei notwendig. Dann heißt es, es werde nachgepflanzt. Dann stehen junge Bäumchen auf schwierigen Standorten, während die alten Kronen weg sind. Für die Statistik mag das irgendwann als Ersatz gelten. Für Schatten, Kühlung, Biodiversität und Stadtbild gilt es nicht.

Deshalb stellen wir Tobias Benz öffentlich folgende Fragen:

1. Bedeutet „mehr Sorgfalt beim bestehenden Grün“ für Sie, dass gesunde Bestandsbäume künftig verbindlich Ausgangspunkt der Planung werden — auch wenn dadurch Gebäude, Wege, Tiefgaragen, Leitungen oder Platzgeometrien verändert werden müssen?

2. Würden Sie in Offenburg bei größeren Bau- und Straßenprojekten Alternativplanungen verlangen, die den Erhalt vorhandener Bäume ernsthaft prüfen und öffentlich vergleichbar machen?

3. Wie unterscheiden Sie zwischen „neuem Grün im Plan“ und „erhaltenem Grün im Bestand“?

4. Würden Sie in Offenburg Baumgutachten, Artenschutzprüfungen, Baumwertberechnungen, Alternativvarianten und Abwägungen vollständig veröffentlichen, bevor über Fällungen entschieden wird?

5. Halten Sie Ersatzpflanzungen für gleichwertig mit dem Erhalt alter, gesunder Stadtbäume — oder erkennen Sie an, dass alte Bäume durch junge Pflanzungen über Jahrzehnte nicht ersetzt werden können?

6. Was ist Ihre Lehre aus Grenzach-Wyhlen: Würden Sie heute bei vergleichbaren Projekten früher und konsequenter vom vorhandenen Grün aus planen?

7. Und ganz grundsätzlich: Wie gehen Sie mit Bürgerinitiativen um, die demokratische Beteiligungsrechte nutzen, auch wenn sie unbequem sind?

Gerade der letzte Punkt ist wichtig. Bürgerinitiativen dürfen zugespitzt formulieren. Verwaltung und Politik dürfen Falschbehauptungen korrigieren. Aber wer eine Einwohnerversammlung oder eine Unterschriftenaktion pauschal abwertet, sendet ein schlechtes Signal. Beteiligung ist nicht nur dann willkommen, wenn sie den bestehenden Plan bestätigt.

Offenburg braucht einen Oberbürgermeister, der Stadtentwicklung kann. Aber Offenburg braucht noch dringender einen Oberbürgermeister, der verstanden hat, dass Klimaanpassung nicht bei neuen Pflanzbeeten beginnt, sondern beim Erhalt dessen, was bereits Schatten spendet.

Mehr Grün im Plan ist gut.

Bestehendes Grün zu erhalten ist besser.

An dieser Unterscheidung werden wir Tobias Benz messen.

Siehe auch

  • https://www.badische-zeitung.de/grenzach-wyhlens-buergermeister-wehrt-sich-gegen-das-vorgehen-der-buefuebaes

Bildquellen

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