Manchmal beginnt etwas Großes mit einem Moment des Erschreckens. Am Freitagnachmittag erreichte uns eine Grafik der rechtsextremen NPD. Für den nächsten Mittag kündigte sie eine Kundgebung auf dem Offenburger Lindenplatz an. Unter dem harmlos klingenden Motto „Fahrt für die Familie“ sollte Stimmung gegen queere Menschen und vielfältige Familienformen gemacht werden.
Das konnten wir nicht einfach stehen lassen. Aber es blieben nicht einmal 24 Stunden. Keine lange Vorbereitungszeit, kein fertiges Bündnis, kein ausgearbeitetes Programm. Nur die klare Überzeugung: Wenn Rechtsextreme mitten in Offenburg Menschen ausgrenzen wollen, darf der Lindenplatz ihnen nicht gehören.
Also begannen die Telefone zu klingeln. Nachrichten wurden geschrieben, Kontakte aktiviert, ein Plakat entworfen, eine Eilversammlung angezeigt, Presse und Polizei informiert. Die Omas gegen Rechts Offenburg und die Konferenz für Urban Transformation Design übernahmen gemeinsam die Verantwortung. Weitere Menschen und Organisationen verbreiteten den Aufruf über ihre Netzwerke. Aus einer spontanen Entscheidung wurde innerhalb weniger Stunden eine Versammlung.
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ToggleUnd dann kamen die Menschen
Am Samstagmittag zeigte sich, was ein lebendiges Netzwerk bewirken kann. Nicht 20 oder 30 Menschen standen auf dem Lindenplatz. Rund 300 Menschen waren gekommen: Junge und Alte, Familien, Freundeskreise, Engagierte aus Initiativen und Parteien, Menschen mit Regenbogenfahnen, selbst gemalten Schildern und einer klaren Haltung. Der Platz war bunt. Der Platz war laut. Und der Platz blieb friedlich.
Die Omas gegen Rechts sprachen. Die Omas for Future sprachen. Ralph Fröhlich eröffnete für die KfUTD die Versammlung und erzählte, wie aus einer Nachricht am Vortag dieser gemeinsame Moment entstanden war.
Dabei ging es nicht nur darum, gegen etwas zu sein. Es ging darum, sichtbar zu machen, wofür wir stehen: für Menschenwürde, für gleiche Rechte, für vielfältige Familien und für eine Stadt, in der niemand ausgegrenzt wird, weil er anders liebt, anders lebt oder nicht in das Weltbild anderer passt.
Ein spontaner und besonderer Moment
Mitten in der Kundgebung stellte sich ein Teilnehmer kurz vor und fragte, ob er einige Worte sagen dürfe: Bob Blume, Lehrer, Autor und vielen als „Netzlehrer“ bekannt. Allein auf Instagram folgen ihm rund 245.000 Menschen. Dass er an diesem Tag einfach als Bürger auf dem Lindenplatz stand und spontan das Wort ergriff, passte zu dieser Versammlung. Sie war nicht von langer Hand durchinszeniert. Sie lebte davon, dass Menschen Verantwortung übernahmen, sich einbrachten und gemeinsam Haltung zeigten.

Bob Blume sprach die Einleitung zur Offenburger Erklärung. Danach traten vier Männer nach vorne, die derzeit miteinander um das Amt des Offenburger Oberbürgermeisters konkurrieren: Ulrich Albicker, Tobias Benz, Julian Christ und Emanuel Rohr.
An diesem Mittag standen jedoch nicht ihre Unterschiede im Mittelpunkt.
Die vier Kandidaten trugen gemeinsam und abschnittsweise eine Erklärung vor. Darin bekannten sie sich zu Menschenwürde, Vielfalt und einem weltoffenen, solidarischen Offenburg. Sie machten deutlich, dass unterschiedliche Vorstellungen über die Zukunft unserer Stadt zum demokratischen Wettbewerb gehören – die Würde jedes Menschen aber nicht zur Abstimmung steht.
Das war ein starkes Bild: vier Konkurrenten, eine gemeinsame demokratische Grundlage.
„Wir kandidieren mit unterschiedlichen Vorstellungen für die Zukunft Offenburgs. Uns verbindet jedoch die Überzeugung, dass die Würde jedes Menschen unantastbar ist. Offenburg ist eine vielfältige Stadt, in der unterschiedliche Familienformen und Lebensentwürfe selbstverständlich dazugehören. Wer Menschen wegen ihrer Herkunft, ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer geschlechtlichen Identität oder ihrer Art zu leben abwertet und ausgrenzt, handelt nicht in unserem Namen. Wir stehen gemeinsam für ein demokratisches, weltoffenes und solidarisches Offenburg.“

Eine Handvoll am Rand – 300 in der Mitte
Während die Offenburger Erklärung gesprochen wurde, erschien die NPD mit einer Handvoll Mitglieder am Rand des Platzes. Ihr Auftritt ging im lautstarken Protest unter. Pfiffe und Rufe machten deutlich, dass ihre Ausgrenzung hier nicht unwidersprochen bleiben würde.
Doch wir sollten ihnen im Rückblick nicht mehr Raum geben, als sie an diesem Tag tatsächlich hatten.
Denn das eigentliche Geschehen spielte sich nicht am Rand ab. Es spielte sich mitten auf dem Lindenplatz ab: Dort standen 300 Menschen zusammen. Dort wurde gesprochen, gelacht, gesungen und Haltung gezeigt. Dort waren Regenbogenfarben, Plakate und erhobene Hände zu sehen. Dort wurde Demokratie nicht nur beschworen, sondern gelebt.
Kurze Zeit später packte die NPD ihre Sachen wieder ein. Als sie abreiste, brandete großer Jubel auf.
Sie war gekommen, um den Lindenplatz für ihre Botschaft der Ausgrenzung zu nutzen. Sie verließ einen Platz, der längst von einer bunten und selbstbewussten Stadtgesellschaft eingenommen worden war.
Die Menschen blieben
Vielleicht war der schönste Moment aber jener, der danach kam.
Viele Menschen gingen nicht sofort nach Hause. Sie blieben auf dem Lindenplatz, standen in kleinen Gruppen zusammen und kamen miteinander ins Gespräch. Menschen, die sich vorher nicht kannten, tauschten sich aus. Andere trafen Bekannte wieder oder schmiedeten bereits neue Ideen.
Immer wieder kamen Menschen zu uns und bedankten sich. Für die schnelle Organisation. Für die gute Netzwerkarbeit. Für den Mut, die Versammlung innerhalb weniger Stunden auf die Beine zu stellen.
Vor allem aber bedankten sie sich für das Gefühl, an diesem Mittag nicht allein zu sein.
Genau darin liegt die eigentliche Kraft einer solchen Versammlung. Es geht nicht nur darum, einer rechtsextremen Gruppe zahlenmäßig überlegen zu sein. Es geht darum, dass Menschen erfahren: Wir können handeln. Wir können einander erreichen. Wir können innerhalb kürzester Zeit einen öffentlichen Raum verändern. Und wir können gemeinsam dafür sorgen, dass Hass und Ausgrenzung nicht das letzte Wort haben.
Demokratie braucht Menschen, die anfangen
Am Freitag war nicht sicher, ob überhaupt genügend Menschen kommen würden. Es war nicht sicher, ob die Technik funktionieren, ob das Programm tragen oder ob die kurzfristige Mobilisierung gelingen würde.
Aber jemand musste anfangen.
Dann kamen die Omas gegen Rechts dazu. Die Omas for Future. Die OB-Kandidaten. Bob Blume. Engagierte aus vielen unterschiedlichen Zusammenhängen. Menschen, die den Aufruf weitergeleitet hatten. Menschen, die andere mitbrachten.
Und schließlich standen 300 Menschen auf dem Lindenplatz.
Das ist demokratische Selbstwirksamkeit: nicht darauf zu warten, dass irgendjemand etwas tut, sondern selbst den ersten Schritt zu machen – und dann zu erleben, wie viele andere bereit sind, mitzugehen.
Danke, Offenburg
Danke an die Omas gegen Rechts Offenburg und die Omas for Future. Danke an Bob Blume für seine spontanen und verbindenden Worte. Danke an Ulrich Albicker, Tobias Benz, Julian Christ und Emanuel Rohr für die gemeinsame Erklärung.
Danke an alle Organisationen, Initiativen und Einzelpersonen, die den Aufruf innerhalb weniger Stunden verbreitet haben. Danke an alle, Plakate gemalt, fotografiert, gesprochen oder einfach ihre Freund:innen mitgebracht haben.
Und vor allem: Danke an die rund 300 Menschen, die auf den Lindenplatz gekommen sind.
Ihr habt gezeigt, dass Offenburg bunt ist. Ihr habt gezeigt, dass Familien vielfältig sind. Ihr habt gezeigt, dass eine demokratische Stadtgesellschaft nicht ohnmächtig zusehen muss.
Die NPD wollte den Lindenplatz für ihre Ausgrenzung nutzen.
Doch der Lindenplatz gehörte an diesem Samstag Offenburg.
Und Offenburg war da.
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