Buchtipp: Wie das Auto erst Freiheit schuf – und uns dann abhängig machte.
Warum haben wir eigentlich so viele Autos? Weil die Menschen nun einmal Auto fahren wollen? Weil wir auf dem Land leben? Weil Arbeitsplätze, Einkaufsmöglichkeiten und Freizeitangebote weit auseinanderliegen?
Andreas Knie dreht in seinem Buch „Wo kommen bloß die vielen Autos her und wie werden wir sie wieder los?“ die Frage um. Vielleicht sind unsere Wege nicht nur deshalb so weit, dass wir Autos brauchen. Vielleicht sind unsere Wege auch deshalb so weit geworden, weil das Auto sie möglich gemacht hat.
Und plötzlich sieht die ganze Debatte um Verkehrswende, Parkplätze und öffentlichen Raum etwas anders aus.
Inhalt
ToggleDas Auto ist kein Naturgesetz
Das Auto erscheint uns heute als selbstverständlicher Bestandteil unseres Lebens. Wir wohnen hier, arbeiten dort, kaufen woanders ein, bringen die Kinder zum Sport und fahren am Wochenende noch einmal in eine andere Richtung.
Knie interessiert sich dafür, wie diese Normalität entstanden ist. Seine Ausgangsthese ist bemerkenswert: Unsere Gesellschaft wurde über Jahrzehnte um das Auto herumgebaut. Gleichzeitig erhielt das Auto eine Vielzahl politischer und finanzieller Unterstützungen. Diese werden heute kaum noch als Privilegien wahrgenommen, weil sie längst zur Normalität geworden sind. Das lässt sich wunderbar auf den öffentlichen Raum übertragen.
Dass ein privates Auto auf öffentlichem Grund abgestellt werden kann, erscheint selbstverständlich. Soll dieser Parkplatz aber einem Baum, einem breiteren Gehweg, einem Radweg oder einer Sitzbank weichen, beginnt die politische Debatte. Nicht der Parkplatz muss sich rechtfertigen, sondern seine Entfernung. Genau diese Normalität nimmt Knie auseinander.
Erst konnten wir überall hinfahren – dann mussten wir es
Einen der stärksten Gedanken des Buches formuliert Knie gleich zu Beginn sehr knapp: Aus der wunderbaren Möglichkeit, überall hinfahren zu können, entwickelte sich irgendwann der Zwang, überall hinfahren zu müssen. Das ist ein entscheidender Unterschied.
Das Auto war tatsächlich ein gewaltiger Freiheitsgewinn. Es erschloss Arbeitsplätze, Freizeitmöglichkeiten, Einkaufsmöglichkeiten und Wohnorte. Wer ein Auto hatte, konnte weiter entfernt wohnen und trotzdem in der Stadt arbeiten. Man konnte im Grünen leben und abends ins Theater fahren. Man konnte im Einkaufszentrum am Stadtrand einkaufen und am Wochenende Freunde besuchen, die viele Kilometer entfernt wohnten. Doch diese Freiheit hat unsere Umgebung verändert.
Knie beschreibt, dass insbesondere außerhalb der Großstädte inzwischen vieles ohne Auto kaum noch funktioniert. Gleichzeitig habe gerade die automobile Erreichbarkeit dazu beigetragen, örtliche Angebote zu schwächen: Wenn das bessere Restaurant, der größere Supermarkt oder das attraktivere Freizeitangebot jederzeit mit dem Auto erreichbar ist, wird es für den kleinen Laden und den Landgasthof vor Ort immer schwieriger. Das Auto ist damit nicht nur die Lösung für weite Wege.
Es ist auch eine Ursache dafür, dass unsere Wege immer weiter geworden sind.
Wie sich das Auto in ein Leben einschleicht
Besonders anschaulich wird das Buch an der Geschichte einer Berliner Familie, deren Entwicklung über viele Jahre betrachtet wurde.
Ende der 1990er-Jahre lebt die Familie in Kreuzberg. Sie besitzt kein Auto und vermisst auch keines. U-Bahn und Bus sind in der Nähe, viele Wege werden zu Fuß oder mit dem Fahrrad erledigt. Für gelegentliche Ausflüge und Großeinkäufe gibt es Carsharing. Dann ergibt sich die Gelegenheit: Ein gebrauchter VW Golf kostet gerade einmal 500 Mark. Warum nicht?
Zunächst wird das Auto hauptsächlich für den Weg zum Tennisplatz genutzt. Dann liegt der Reitstall der Tochter praktischerweise auf dem Weg. Bald werden die kleinen Einkäufe zu einem wöchentlichen Großeinkauf im Shoppingcenter am Stadtrand gebündelt. Als die Mutter sich am Fuß verletzt, fährt der Vater sie zur Arbeit. Der Sohn merkt, dass seine Schule fast auf derselben Strecke liegt.
Niemand beschließt: Ab heute werden wir eine Autofamilie. Es passiert einfach. Das Auto verändert nach und nach die Entscheidungen der Familie.
Gerade das macht dieses Beispiel so gut. Knie erhebt nicht den moralischen Zeigefinger. Jede einzelne Entscheidung ist nachvollziehbar. Das Auto ist da, also benutzt man es.
Und irgendwann verändert das Auto sogar den Wohnort
Dann passiert der eigentlich entscheidende Schritt. Bei ihren Fahrten entdeckt die Familie ein Neubaugebiet am äußersten Berliner Stadtrand. Dort gibt es ein bezahlbares Haus mit Garten und einen See in der Nähe. Die schlechte ÖPNV-Anbindung und fehlende Einkaufsmöglichkeiten werden zwar bemerkt. Aber dafür gibt es schließlich das Auto. Das Auto ermöglicht also nicht mehr nur einzelne Wege. Es ermöglicht eine völlig andere Lebensentscheidung.
Nach dem Umzug zeigt sich allerdings schnell die andere Seite. Arbeitsplätze, Schule, Freunde, Einkäufe, Kino und Theater befinden sich weiterhin in oder bei Berlin. Das Leben im Grünen funktioniert nur, solange ständig jemand fährt. Und irgendwann reicht ein Auto nicht mehr.
Die Familie kauft ein zweites. Die Eltern kündigen ihre Abonnements für den öffentlichen Verkehr. Später machen die Kinder den Führerschein und auch sie bekommen eigene Fahrzeuge. Aus der Möglichkeit, Auto zu fahren, ist eine Struktur entstanden, die ohne Autos kaum noch funktioniert.
Das Auto schafft seine eigene Infrastruktur – und zerstört andere
Noch spannender wird die Geschichte dort, wo Knie beschreibt, was rund um diese Familie passiert. Die Bewohner des Neubaugebiets fahren für Gastronomie und Freizeit weiterhin nach Berlin. Der Italiener in der Nähe des neuen Wohnorts muss schließlich schließen. Dasselbe passiert mit der einzigen Kneipe der Siedlung.
Und nachdem die Angebote verschwunden sind, bedauern die Bewohner, dass es vor Ort keine Gastronomie mehr gibt. Das ist fast eine kleine Parabel über unsere Mobilitätsentwicklung.
Wir schaffen Straßen und Parkplätze, damit weit entfernte Angebote bequem erreichbar werden. Dadurch verlieren Angebote in der Nähe Kundschaft. Sie verschwinden. Anschließend stellen wir fest, dass wir ohne Auto nicht mehr auskommen, weil alles so weit entfernt ist.
Und die Antwort lautet dann häufig: Wir brauchen bessere Straßen und mehr Parkplätze. Damit beginnt die nächste Runde.
Wenn alle die Freiheit nutzen, funktioniert die Freiheit nicht mehr
Auch hier geht Knie noch einen Schritt weiter. Je mehr Menschen das gleiche Lebensmodell wählen, desto schlechter funktioniert es. Neue Wohngebiete entstehen, mehr Menschen pendeln, Straßen werden voller, Parkplätze knapper. Die Familie steht irgendwann morgens im Stau. Am Arbeitsplatz verschwinden Stellplätze. Die Parkplatzsuche wird schwieriger.
Das Auto verliert genau den Vorteil, dessentwegen es angeschafft wurde: Flexibilität. Knie formuliert deshalb schon in seiner Vorbemerkung eine provokante These: Das Auto schafft sich selbst ab.
Nicht unbedingt, weil Politik es verbietet. Sondern weil die schiere Menge der Autos den Gebrauchswert des einzelnen Autos immer weiter reduziert. 49 Millionen Pkw können eben nicht gleichzeitig die Freiheit bieten, die ein einzelnes Auto verspricht.
Und plötzlich geht es wieder ohne
Besonders schön finde ich, dass Knie die Geschichte der Berliner Familie nicht bei der Autoabhängigkeit enden lässt. Die Lebensumstände verändern sich erneut.
Die Mutter zieht zurück in die Stadt. Bei der Wahl ihrer Wohnung spielt die Nähe zu Bus und U-Bahn eine Rolle. Geschäfte, Arztpraxen, Gastronomie und kulturelle Angebote sind wieder in der Nähe. Sie fährt häufiger Fahrrad und Bus. Schließlich steht ihr Auto wochenlang ungenutzt herum. Auch der Sohn lebt wieder so, dass er kein eigenes Auto benötigt.
Das Bemerkenswerte daran: Genauso wenig wie die Familie irgendwann bewusst beschlossen hatte, vom autofreien zum automobilen Leben zu wechseln, gibt es nun den großen Beschluss zur persönlichen Verkehrswende.
Die Bedingungen ändern sich – und das Verhalten ändert sich mit ihnen.
Das ist vielleicht die politisch wichtigste Erkenntnis des Buches.
Was das mit Offenburg zu tun hat
Eine ganze Menge. Auch bei uns werden Diskussionen über Mobilität erstaunlich häufig als Diskussionen über individuelles Verhalten geführt.
Warum fahren die Leute nicht Bus? Warum nehmen sie für diese kurze Strecke das Auto? Warum gehen sie nicht zu Fuß? Warum fahren Eltern ihre Kinder zur Schule?
Knies Buch legt eine andere Frage nahe: Welche Stadt haben wir gebaut, damit Menschen sich genau so verhalten? Und noch wichtiger: Welche Stadt müssten wir bauen, damit andere Entscheidungen einfacher werden?
Wenn der sichere Schulweg fehlt, entsteht das Elterntaxi. Wenn der Bus nur selten fährt, wird das Auto attraktiver. Wenn Nahversorgung verschwindet, werden Wege länger. Wenn Radwege gefährlich oder lückenhaft sind, fahren weniger Menschen Fahrrad. Umgekehrt gilt das genauso.
Wenn alltägliche Ziele zu Fuß erreichbar sind, braucht man dafür kein Auto. Wenn Kinder sicher selbstständig unterwegs sein können, müssen Eltern sie nicht überall hinfahren. Wenn Bus und Bahn attraktiv sind, werden sie genutzt. Und wenn der öffentliche Raum angenehm ist, entstehen dort Begegnung, Gastronomie und Leben. Damit wird Verkehrspolitik plötzlich zu etwas viel Größerem als der Frage, welches Verkehrsmittel wie viele Meter Straßenraum bekommt.
Es geht um Stadtentwicklung.
Verkehrswende bedeutet deshalb mehr als Elektroautos
Das ist auch der Grund, warum die reine Antriebswende zu kurz greift. Ein Elektroauto benötigt beim Fahren und Parken nahezu denselben Raum wie ein Verbrenner. Es steht ebenso viele Stunden am Tag herum. Und eine Stadt, deren alltägliche Funktionen weit auseinanderliegen, bleibt auch mit elektrischen Autos eine autoabhängige Stadt. Wer Mobilität verändern will, muss deshalb an die Strukturen heran.
Kurze Wege. Gute Nahversorgung. Sichere Fuß- und Radwege. Verlässlicher öffentlicher Verkehr. Und ein öffentlicher Raum, der nicht zuerst als Abstellfläche für private Fahrzeuge betrachtet wird.
Ein Buch, das einen anders auf die Straße schauen lässt
Schon die vorliegende Leseprobe macht deutlich, warum Andreas Knies Buch lesenswert ist. Das Inhaltsverzeichnis verspricht darüber hinaus Kapitel zur Massenmotorisierung, zur sozialen Wirkung des Autos, zu Bus und Bahn, zu Alternativen jenseits des Autos und schließlich zur „Politikfalle“ und Verkehrswende. Seine große Stärke liegt für mich aber bereits in der Ausgangsfrage.
Knie sagt nicht einfach: Die Menschen sollen weniger Auto fahren. Er fragt, warum wir eine Gesellschaft geschaffen haben, in der so viele Menschen glauben – und oftmals völlig zu Recht –, ohne eigenes Auto nicht mehr auszukommen. Das ist unbequemer. Denn dann können wir die Verantwortung nicht einfach beim einzelnen Autofahrer abladen.
Dann müssen wir über unsere Städte reden. Über Siedlungsentwicklung. Über Einkaufszentren. Über Nahversorgung. Über Busse und Bahnen. Über Parkplätze. Über öffentlichen Raum. Und darüber, welche Form von Mobilität wir jahrzehntelang mit sehr viel Geld und sehr viel Fläche ermöglicht haben. Vielleicht lässt sich die zentrale Erkenntnis des Buches deshalb in einem Satz zusammenfassen:
Wir haben mit dem Auto zunächst eine Welt erschlossen, in der wir überall hinfahren konnten – und anschließend eine Welt gebaut, in der wir überall hinfahren müssen.
Die Verkehrswende beginnt dort, wo wir diesen zweiten Teil wieder rückgängig machen.
Info
Wo kommen bloß die vielen Autos her und wie werden wir sie wieder los?
2025
Broschur. 196 Seiten. 18 Abb.. 13,5 x 21,5 cm
ISBN 978-3-89581-631-4
20,– € *
Bildquellen
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