Eine Wohnung ist mehr als ein Dach über dem Kopf. Sie ist Rückzugsort, Schutzraum und Voraussetzung für gesellschaftliche Teilhabe. Ohne eine sichere Wohnung wird es schwer, gesund zu bleiben, einer Arbeit nachzugehen oder das eigene Leben selbstbestimmt zu gestalten. Doch bezahlbarer Wohnraum ist auch in Offenburg knapp. Besonders Menschen mit geringem Einkommen, Familien, Alleinerziehende, ältere Menschen und Personen in sozialen Notlagen haben immer größere Schwierigkeiten, eine passende Wohnung zu finden.
Beim Palodium 2.0 am Montag, 21. September 2026, um 19 Uhr auf dem Platz der Verfassungsfreunde wollen wir deshalb von den Bewerbern für das Amt des Oberbürgermeisters wissen: Wie wollen sie dafür sorgen, dass Wohnen in Offenburg nicht zum Luxus wird?
Inhalt
ToggleWas wissen wir überhaupt über den Offenburger Wohnungsmarkt?
Wie viele Wohnungen gibt es in Offenburg? Wie viele davon stehen leer? Wie viele Sozialwohnungen fallen in den kommenden Jahren aus der Bindung? Wie viele Menschen suchen dringend eine Wohnung? Und wie viele Haushalte sind bereits kommunal untergebracht?
Auf viele dieser Fragen gibt es für die Öffentlichkeit keine leicht zugänglichen und regelmäßig aktualisierten Antworten. Doch ohne verlässliche Zahlen lässt sich weder beurteilen, wie groß die Wohnungsnot tatsächlich ist, noch ob die ergriffenen Maßnahmen ausreichen.
Offenburg braucht deshalb eine regelmäßige und öffentlich nachvollziehbare Wohnungs- und Leerstandsberichterstattung. Sie sollte zeigen, wie sich der Wohnungsbestand, die Mieten, der Leerstand, die Zahl der Sozialwohnungen und die kommunale Unterbringung entwickeln.
Transparenz schafft noch keine neuen Wohnungen. Aber ohne Transparenz bleibt jede wohnungspolitische Strategie ein Blindflug.
Bezahlbares Wohnen gehört zur kommunalen Daseinsvorsorge
Der Markt allein wird das Problem nicht lösen. Wenn neu gebaut wird, entstehen nicht automatisch Wohnungen, die sich Menschen mit kleinen oder mittleren Einkommen leisten können.
Die Stadt muss deshalb selbst Verantwortung übernehmen: durch eine aktive Bodenpolitik, sozialen Wohnungsbau, dauerhaft bezahlbare Wohnungen, die Nutzung bestehender Gebäude und ein konsequentes Leerstandsmanagement.
Eine zentrale Rolle kann dabei die städtische Wohnbaugesellschaft übernehmen. Die Wohnbau Offenburg sollte nicht nur wie ein gewöhnliches Immobilienunternehmen betrachtet werden. Ihr besonderer Auftrag muss darin liegen, Wohnraum für diejenigen bereitzustellen, die auf dem freien Markt kaum noch eine Chance haben.
Wie diese soziale Aufgabe konkret ausgestaltet wird, ist eine politische Entscheidung. Genau deshalb gehört sie in die öffentliche Debatte.
Wohnungsverlust verhindern, bevor Menschen obdachlos werden
Die Zahl der kommunal untergebrachten Haushalte steigt. Gleichzeitig wird Obdachlosigkeit im Offenburger Stadtbild sichtbarer.
Wer seine Wohnung verliert, verliert häufig weit mehr: soziale Beziehungen, Gesundheit, Sicherheit und oft auch den Zugang zu Arbeit und Unterstützung. Deshalb muss kommunale Wohnungspolitik lange vor der Unterbringung in einer Notunterkunft ansetzen.
Mietschuldenberatung, frühzeitige Hilfen, Kooperationen mit Vermietern und eine gut ausgestattete Fachstelle können dazu beitragen, drohende Wohnungsverluste zu verhindern. Prävention ist menschlicher, wirksamer und häufig auch günstiger, als Menschen erst dann aufzufangen, wenn sie bereits ihre Wohnung verloren haben.
Obdachlosigkeit ist keine Ordnungsstörung
Obdachlose Menschen werden häufig erst dann zum politischen Thema, wenn sie im öffentlichen Raum sichtbar werden. Dann geht es schnell um Beschwerden, Kontrollen, Aufenthaltsverbote oder Verdrängung.
Doch Obdachlosigkeit ist keine Ordnungsstörung. Sie ist eine soziale Notlage.
Menschen verschwinden nicht, nur weil sie von einem Platz weggeschickt werden. Wer Obdachlosigkeit allein ordnungspolitisch behandelt, löst das Problem nicht – er verschiebt es lediglich an einen anderen Ort.
Eine soziale Stadt braucht erreichbare Hilfsangebote, sichere Unterkünfte, ausreichend Fachpersonal und vor allem Wege zurück in ein selbstbestimmtes Wohnen.
Housing First: zuerst eine Wohnung
Ein möglicher Baustein ist das Konzept Housing First. Sein Grundgedanke ist ebenso einfach wie überzeugend: Wohnungslose Menschen erhalten zunächst eine eigene, dauerhaft gesicherte Wohnung. Beratung und weitere Hilfen werden begleitend angeboten, aber nicht zur Vorbedingung für eine Wohnung gemacht.
Damit wird die übliche Logik umgedreht. Menschen müssen nicht erst beweisen, dass sie „wohnfähig“ sind. Die eigene Wohnung wird vielmehr zur Grundlage dafür, gesundheitliche, soziale oder finanzielle Probleme überhaupt bewältigen zu können.
Auch Offenburg sollte prüfen, wie Housing First verbindlicher Bestandteil einer kommunalen Strategie gegen Obdachlosigkeit werden kann.
Wohnpolitik braucht Beteiligung
Die Entwicklung des Offenburger Wohnungsmarktes betrifft die gesamte Stadtgesellschaft. Mietervereine, Wohlfahrtsverbände, soziale Träger, Initiativen, Wohnungsunternehmen und Betroffene verfügen über Erfahrungen, die in politische Entscheidungen einfließen müssen.
Ein Beirat für Wohnungsmarktentwicklung könnte dieses Wissen zusammenbringen, Entwicklungen frühzeitig erkennen und die Umsetzung wohnungspolitischer Ziele kritisch begleiten. Voraussetzung wäre allerdings, dass ein solches Gremium nicht nur beraten darf, nachdem die wesentlichen Entscheidungen bereits getroffen wurden. Beteiligung muss frühzeitig, transparent und wirksam sein.
Unsere Fragen an die OB-Bewerber
Beim Palodium 2.0 wollen wir von den Bewerbern wissen:
- Werden Sie bezahlbares Wohnen und den Kampf gegen Obdachlosigkeit zur Chefsache machen?
- Setzen Sie sich für eine regelmäßige und öffentlich nachvollziehbare Wohnungs- und Leerstandsberichterstattung ein?
- Werden Sie eine transparente öffentliche Debatte über den kommunalen Wohnungsmarkt und die Wohnraumförderung ermöglichen?
- Sind Sie bereit, einen Beirat für Wohnungsmarktentwicklung unter aktiver Beteiligung zivilgesellschaftlicher Organisationen und Betroffener einzurichten?
- Welche Rolle soll die Wohnbau Offenburg künftig bei der Schaffung und Sicherung von sozialem und bezahlbarem Wohnraum übernehmen?
- Unterstützen Sie Housing First als Bestandteil einer kommunalen Strategie gegen Obdachlosigkeit?
- Wie wollen Sie verhindern, dass Obdachlosigkeit vor allem ordnungspolitisch behandelt und aus dem öffentlichen Raum verdrängt wird?
Entscheidend ist, was die nächste Stadtspitze daraus macht
Eine Stadt kann nicht alle Ursachen der Wohnungsnot allein beseitigen. Viele Rahmenbedingungen werden auf Landes- oder Bundesebene gesetzt. Doch auch eine Kommune besitzt Handlungsmöglichkeiten – bei eigenen Grundstücken, beim sozialen Wohnungsbau, bei der Arbeit ihrer Wohnbaugesellschaft, beim Umgang mit Leerständen, bei der Verhinderung von Wohnungsverlust und bei den Hilfen für obdachlose Menschen.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob Offenburg etwas tun kann. Die Frage ist, wie entschlossen die nächste Stadtspitze die vorhandenen Möglichkeiten nutzen wird.
Denn eine soziale Stadt zeigt sich nicht an schönen Sonntagsreden. Sie zeigt sich daran, ob Menschen mit wenig Geld, in Krisen oder ohne Wohnung weiterhin einen Platz in ihrer Mitte haben.
Bildquellen
- PXL_20250226_175917383: © https://kfutd.de | CC BY-NC-SA 4.0 International
- ChatGPT Image 10. Nov. 2025, 13_55_44: © https://kfutd.de | All Rights Reserved
- eule logo kfutd spenden: © https://kfutd.de | CC BY-NC 4.0 International



