Der transform_D Summit in Berlin endete mit einem Thema, das auf den ersten Blick unspektakulär klingt: Ehrenamt und Engagement. Doch die Abschluss-Keynote von Prof. Dr. Karin Kreutzer von der EBS Universität machte deutlich, warum gerade darin ein Schlüssel für die Zukunft unserer Gesellschaft liegt.
Ihre zentrale Botschaft lautete:
Engagement ist weit mehr als eine nette Freizeitbeschäftigung. Es ist eine gesellschaftliche Infrastruktur.
Inhalt
ToggleEngagement hält unsere Gesellschaft zusammen
In den vergangenen zwei Tagen wurde auf dem Summit viel über Polarisierung, gesellschaftliche Spannungen und den Verlust von Vertrauen gesprochen. Karin Kreutzer zeigte, dass gerade die Zivilgesellschaft hier eine entscheidende Rolle spielt.
Menschen begegnen sich im Sportverein, in Umweltinitiativen, Kulturvereinen, Bürgergruppen oder Nachbarschaftsprojekten oft über soziale, politische und kulturelle Grenzen hinweg. Dort treffen Menschen aufeinander, die sich im Alltag möglicherweise nie begegnen würden.
Engagement schafft damit etwas, das in einer zunehmend fragmentierten Gesellschaft immer wertvoller wird:
Vertrauen.
Kreutzer bezeichnete zivilgesellschaftliches Engagement als eine Art „Vertrauenstankstelle“. Wo Menschen gemeinsam etwas auf die Beine stellen, entstehen Beziehungen. Aus Beziehungen entsteht Vertrauen. Und Vertrauen wiederum ist die Grundlage für Demokratie, gesellschaftlichen Zusammenhalt und sogar wirtschaftlichen Erfolg.
Engagement macht nicht nur die Gesellschaft stärker
Besonders spannend war der Blick auf die wissenschaftlichen Erkenntnisse über die Wirkung von Engagement auf die Engagierten selbst.
Die Forschung zeigt:
- Menschen, die sich engagieren, sind seltener einsam.
- Sie empfinden ihr Leben häufiger als sinnvoll.
- Sie berichten von höherer Zufriedenheit und mehr Glück.
- Ehrenamt stärkt geistige Fähigkeiten bis ins hohe Alter.
- Engagierte leben im Durchschnitt sogar länger.
Damit stellt sich die Frage neu:
Ist Engagement wirklich eine Belastung?
Oder ist es vielleicht vielmehr ein Teil der Lösung für viele gesellschaftliche Probleme wie Einsamkeit, Sinnverlust und soziale Isolation?
Während oft darüber gesprochen wird, wie viel Ehrenamt die Gesellschaft kostet, wird viel zu selten darüber gesprochen, welchen Wert es für die Menschen selbst hat.
Warum Nachwuchs nicht durch Werbung entsteht
Ein weiterer Schwerpunkt des Vortrags war die Frage, warum viele Vereine und Initiativen Schwierigkeiten haben, neue Menschen für ihr Engagement zu gewinnen.
Die übliche Reaktion lautet häufig:
Mehr Werbung. Mehr Social Media. Mehr Sichtbarkeit.
Kreutzer empfiehlt zunächst etwas anderes.
Bevor Organisationen nach außen schauen, sollten sie nach innen schauen.
Sind überhaupt Räume vorhanden, in denen neue Menschen Verantwortung übernehmen können?
Gibt es echte Mitgestaltungsmöglichkeiten?
Oder werden neue Engagierte hauptsächlich als Helferinnen und Helfer gesucht, während die Entscheidungen weiterhin von denselben Personen getroffen werden wie seit zehn oder zwanzig Jahren?
Gerade junge Menschen suchen Gestaltungsspielräume. Sie wollen Ideen einbringen, Verantwortung übernehmen und Veränderungen mitgestalten.
Wo dieser Freiraum fehlt, wird es schwer, Nachwuchs langfristig zu gewinnen.
Menschen wollen gefragt werden
Eine Erkenntnis aus der Forschung wirkt fast banal – und ist doch erstaunlich wirksam:
Menschen wollen gefragt werden.
Viele beginnen ihr Engagement nicht durch eine Anzeige oder einen Social-Media-Beitrag.
Sie beginnen, weil jemand auf sie zukommt und sagt:
„Wir brauchen dich.“
Dieses persönliche Ansprechen ist bis heute einer der wirksamsten Wege, Menschen für gesellschaftliches Engagement zu gewinnen.
Was wir daraus für Offenburg lernen können
Während des Vortrags musste ich immer wieder an die vielen Initiativen denken, die wir in Offenburg erleben.
Ob beim Straßenbaumfest, bei Diskussionen über lebenswerte Straßen, bei Aktionen zur Klimaanpassung, beim Einsatz für Demokratie oder bei Nachbarschaftsprojekten:
Fast immer steht am Anfang nicht Geld, Verwaltung oder Politik.
Am Anfang stehen Menschen, die Verantwortung übernehmen.
Die eigentliche Stärke einer Stadt liegt nicht nur in ihren Gebäuden, Straßen oder Haushaltszahlen.
Sie liegt in ihrer Zivilgesellschaft.
In den Menschen, die bereit sind, sich einzumischen, mitzugestalten und Verantwortung für ihr Umfeld zu übernehmen.
Gerade in Zeiten, in denen viele Probleme größer wirken als die eigenen Handlungsmöglichkeiten, erinnert uns die Forschung daran:
Hoffnung entsteht nicht durch Abwarten. Hoffnung entsteht durch Mitmachen.
Mit diesen Worten beendete Karin Kreutzer ihre Keynote:
„Hoffnung entsteht da, wo Menschen sich engagieren. Engagement ist der Kitt, der unsere Gesellschaft zusammenhält.“
Nach zwei intensiven Tagen auf dem transform_D Summit hätte es kaum eine passendere Schlussbotschaft geben können. Denn viele der Herausforderungen unserer Zeit werden wir nicht allein durch Politik, Technik oder Geld lösen.
Wir werden sie lösen, wenn genügend Menschen bereit sind, mitzumachen.
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