Was erzählen die Antworten der OB-Kandidierenden über die Stadt, die sie gestalten möchten? Eine Annäherung nach dem Lokalforum des Offenburger Tageblatts.
In einem Wahlkampf werden Kandidierende oft an Einzelproblemen gemessen: ein Parkplatz, ein Schwimmbad, eine Baustelle, ein Gebäude. Auch beim Lokalforum des Offenburger Tageblatts war das so. Aber wer Oberbürgermeisterin oder Oberbürgermeister wird, muss mehr entscheiden als einzelne Streitfälle. Hinter jeder Antwort steht eine Vorstellung davon, was Offenburg sein und werden soll.
Wir haben deshalb aus den Beiträgen des Abends eine andere Frage herausgehört: Welches Bild von Offenburg wurde bei den sieben Bewerberinnen und Bewerbern erkennbar? Das sind unsere Lesarten des Lokalforums, keine vollständigen Wahlprogramme. Die Kandidierenden bekamen unterschiedliche Fragen und oft nur 60 Sekunden für eine Antwort. Wo ein Bild undeutlich blieb, liegt das auch an diesem Format.
Inhalt
ToggleJulian Christ: eine Stadt, die ihre Aufgaben gemeinsam löst
Bei Julian Christ wurde die Erfahrung als Bürgermeister besonders sichtbar. Er sprach wiederholt darüber, Verwaltung, Gemeinderat und Bürgerschaft zusammenzubringen. Beim Wohnen nannte er schnellere Verfahren und ein Bündnis der Akteure, die Wohnungen schaffen können. Für das bisherige Klinikum am Ebertplatz wollte er nicht mit einer fertigen Nutzung auftreten, sondern Anforderungen mit Bürgerschaft und Fachleuten klären. Für die Ortsteile betonte er, dass bestehende Treffpunkte und Gebäude gepflegt werden müssen.
Daraus entsteht das Bild einer Stadt, die ihre Projekte über verlässliche Zusammenarbeit entwickelt und ihre vorhandene Infrastruktur nicht aus dem Blick verliert. Die offene Frage ist, wo Christ bei Konflikten eine klare Richtung vorgibt: Wenn Interessen nicht zusammenpassen, nach welchen Maßstäben soll Offenburg entscheiden?
Tobias Benz: eine Stadt, die handlungsfähig bleibt
Tobias Benz argumentierte häufig aus der Perspektive eines amtierenden Bürgermeisters. Er sprach über begrenzte Mittel, langfristige Investitionen und die Pflicht, Projekte finanziell im Griff zu behalten. Sicherheit verband er mit dem Zusammenspiel von Polizei und kommunalem Ordnungsdienst. Bei Inklusion wurde er konkreter: Barrierefreiheit müsse bei Umbauten konsequent mitgedacht werden, auch auf den Wegen durch die Innenstadt. Zur sozialen Stadt zählte er Angebote von der Kinderbetreuung bis ins Alter.
Sein Bild ist das einer Stadt, die ihre Einrichtungen, Finanzen und Dienstleistungen zuverlässig organisiert. Für uns bleibt die entscheidende Frage, wie Benz Prioritäten setzt, wenn finanzielle Vorsicht und nötige Veränderungen – etwa beim Wohnen, bei der Barrierefreiheit oder beim Hitzeschutz – gleichzeitig Geld verlangen.
Ulrich Albicker: eine Stadt, die ihre Zukunft gemeinsam gestaltet
Ulrich Albicker brachte Klimaresilienz, Beteiligung und die Art politischer Zusammenarbeit miteinander in Verbindung. Er kritisierte, dass bei der Debatte über den Hitzecheck aus seiner Sicht zu wenig neue Konsequenzen entstanden. Beim Wohnen sprach er über Erbbaurecht, gemeinnützige und genossenschaftliche Modelle sowie Wohnungen, die auch in zentralen Lagen für Menschen mit geringem Einkommen erreichbar sind. Fuß- und Radverkehr sollen mehr Gewicht bekommen. Im Gemeinderat möchte er Diskussionen ermöglichen, in denen Unterschiede tatsächlich ausgesprochen werden.
Sein Bild ist eine Stadt, die ihre Flächen und ihre politischen Entscheidungen stärker an den Bedürfnissen der Menschen und an einem veränderten Klima ausrichtet. Er kündigte an, nach 100 Tagen einen Umsetzungsplan vorzulegen. Für Wählerinnen und Wähler wird entscheidend sein, welche Vorhaben darin zuerst kommen und wie er für sie Mehrheiten gewinnt.
Fritz Düker: eine Stadt des direkten Austauschs
Fritz Düker sprach viel über das Gespräch zwischen Menschen, Meinungsfreiheit und einen Gemeinderat, der trotz unterschiedlicher Ansichten als Gemeinschaft arbeitet. Er regte Änderungen an der Gesprächskultur und sogar an der Sitzordnung an. Beim Ehrenamt betonte er Anerkennung und Unterstützung für Menschen, die sich in Vereinen engagieren. Für seine ersten 100 Tage stellte er vor allem Offenheit, Zuhören und Verlässlichkeit in Aussicht.
Darin zeigt sich der Wunsch nach einer Stadt, in der Menschen wieder miteinander reden. Wie daraus konkrete Entscheidungen bei Wohnraum, Klimaanpassung oder städtischen Finanzen werden sollen, blieb an diesem Abend weniger deutlich. Gerade weil Düker den Austausch so stark betont, ist außerdem die Frage wichtig, wie er mit politischen Positionen umgeht, die die gleiche Würde und Teilhabe aller Menschen infrage stellen.
Orkan Altun: eine Stadt, die auch der nächsten Generation gehört
Orkan Altun brachte die Sicht eines jungen Offenburger Bewerbers ein. Er sprach über eine lebendige Innenstadt, über den Ausgleich zwischen Ausgehen und Wohnen und über digitale Möglichkeiten in der Verwaltung. Bei der Landesgartenschau war ihm wichtig, dass Angebote niedrigschwellig zugänglich sind und Verbesserungen über das Veranstaltungsjahr hinaus bleiben. Er wich Fragen nach seinem Alter nicht aus, sondern warb dafür, auch Lernbereitschaft und neue Perspektiven als Stärke zu sehen.
Sein Bild ist das einer offeneren, zugänglichen Stadt, in der auch junge Menschen Platz finden. Offen blieb, mit welchen Partnern und Mitteln er diese Vorstellungen gegen Widerstände umsetzen würde. Diese Frage ist fair – und sie sollte nicht allein an den jüngsten Bewerber gestellt werden.
Emanuel Rohr: eine Stadt, die im Alltag funktioniert
Emanuel Rohr lenkte den Blick mehrfach auf konkrete Wege und Alltagserfahrungen. Er sprach über Beleuchtung auf Radwegen, über Schwierigkeiten für Menschen mit Rollator, über Busverbindungen und darüber, Verkehrsmittel zusammenzudenken. Als unabhängiger Bewerber verwies er auf die Grenzen eines kleinen Wahlkampfbudgets.
Daraus lässt sich das Bild einer Stadt ableiten, die zunächst für diejenigen funktionieren muss, die täglich in ihr unterwegs sind. Wie Rohr diese Beobachtungen zu einer langfristigen Strategie für Offenburg verbinden will, wurde im Lokalforum noch nicht deutlich.
Jasmin Tondo: eine Stadt, die ihre Kernaufgaben anpackt
Jasmin Tondo stellte ihren unternehmerischen Blick und ihre Unabhängigkeit von Parteien heraus. Sie sprach über eine Innenstadt, in der abends mehr los ist, über Sauberkeit, Sicherheit, bezahlbaren Wohnraum und das Freizeitbad. Bei der Landesgartenschau sprach sie über Kosten und darüber, bestehende Verpflichtungen zu prüfen. Wiederholt machte sie deutlich, dass sie Lösungen mit den Menschen erarbeiten möchte, die vor Ort Verantwortung tragen.
Ihr Bild ist das einer Stadt, die praktische Probleme zügig angeht und ihre Mittel auf zentrale Aufgaben konzentriert. Noch offen blieb, nach welchen Kriterien sie zwischen diesen Aufgaben abwägen würde – und was aus ihrer Sicht über das Lösen akuter Probleme hinaus Offenburgs Zukunft ausmacht.
Die eigentliche Wahlfrage
Diese sieben Bilder sind unterschiedlich deutlich. Manche Kandidierenden konnten an Erfahrungen anknüpfen, andere wurden vor allem mit Zweifeln an ihrer Eignung, ihrem Alter oder ihrer Unabhängigkeit konfrontiert. Zudem musste niemand am selben Abend alle Fragen beantworten. Aus einer nicht gegebenen Antwort lässt sich deshalb keine fehlende Haltung ableiten.
Gerade diese Unterschiede machen die nächste Frage spannend: Welche Stadt wollen wir selbst? Eine, die vor allem zuverlässig verwaltet wird? Eine, die ihre Gewohnheiten verändert? Eine, die ihre Alltagsprobleme zuerst löst? Die Bilder schließen sich nicht in jedem Punkt aus. Aber wenn Geld, Fläche und politische Aufmerksamkeit knapp werden, zeigen sich die Prioritäten.
Das Lokalforum gab dafür Hinweise. Für eine Wahlentscheidung brauchen wir mehr: Zeit für die Kandidierenden, ihre Vorstellungen im Zusammenhang zu erklären – und Nachfragen dazu, wie aus einem Bild Wirklichkeit werden soll.
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