Atmen – Sadiq Khan

Atmen statt glänzen. Was Offenburg von Sadiq Khan lernen kann. Manchmal liest man ein Buch über London und denkt dabei ständig an Offenburg. Genau so ging es mir bei Atmen – Wege in eine grünere Welt. Das Buch des Londoner Bürgermeisters Sadiq Khan erzählt von Luftverschmutzung, Klimakrise, sozialer Ungleichheit und den politischen Kämpfen um eine lebenswertere Stadt. Doch zwischen den Zeilen geht es um etwas viel Grundsätzlicheres: die Frage, wofür eine Stadt eigentlich da ist. Für Investoren? Für Besucher? Für Schlagzeilen? Oder für die Menschen, die jeden Tag in ihr leben?

Eine Stadt zum Leben – nicht zum Vorzeigen

Khan beschreibt eindrücklich, wie politische Aufmerksamkeit oft von den alltäglichen Sorgen der Menschen weggezogen wird. Statt bezahlbaren Wohnraum zu schaffen, die Luftqualität zu verbessern oder sichere Wege für Kinder zu gestalten, dominieren spektakuläre Projekte die öffentliche Debatte. Seilbahnen. Gartenbrücken. Prestigeobjekte. Projekte, die sich gut auf Hochglanzbroschüren machen, deren Nutzen für die Mehrheit der Bevölkerung aber oft begrenzt bleibt.

Die Kritik richtet sich dabei nicht gegen Innovation oder Investitionen. Sie richtet sich gegen eine Politik, die Sichtbarkeit mit Wirkung verwechselt. Wer das liest, muss nicht lange überlegen, ob sich ähnliche Fragen auch in Offenburg stellen.

Die Offenburger Versuchung

Natürlich ist Offenburg nicht London. Die Größenordnungen sind andere, die Probleme ebenfalls. Und dennoch kennen wir die Versuchung, politische Energie auf große Projekte zu konzentrieren. Die Landesgartenschau. Der Sportpark Süd. Das neue Zentralklinikum. Gewerbegebiete auf wertvollen Freiflächen. Millionenschwere Infrastrukturmaßnahmen. Über jedes einzelne Projekt lässt sich diskutieren. Manche mögen sinnvoll sein, andere weniger. Entscheidend ist eine andere Frage:

Was passiert gleichzeitig für die Menschen, die eine bezahlbare Wohnung suchen? Für Familien, die in überhitzten Quartieren leben? Für ältere Menschen, die sichere Fußwege brauchen? Für Kinder, die kaum noch selbstständig durch die Stadt gehen können? Für Menschen, die sich steigende Mieten und Nebenkosten kaum noch leisten können?

Wer die kommunalpolitischen Debatten verfolgt, gewinnt manchmal den Eindruck, dass die großen Projekte sehr viel Aufmerksamkeit erhalten, während die alltäglichen Herausforderungen oft nur am Rand auftauchen.

Die eigentliche Leistung einer Stadt

Eine der wichtigsten Botschaften des Buches lautet: Gute Stadtpolitik zeigt sich nicht an den spektakulären Bauwerken. Sie zeigt sich daran, wie gesund, sicher und lebenswert eine Stadt für ihre Bewohnerinnen und Bewohner ist. Das klingt selbstverständlich. Tatsächlich stellt es viele politische Prioritäten auf den Kopf. Denn dann wären nicht die größten Investitionssummen die wichtigste Kennzahl, sondern beispielsweise:

  • Wie viele Menschen finden bezahlbaren Wohnraum?
  • Wie viele Straßenbäume kommen hinzu statt verloren zu gehen?
  • Wie gut sind Quartiere gegen Hitze geschützt?
  • Wie sicher können Kinder zu Fuß oder mit dem Rad unterwegs sein?
  • Wie viele Menschen erreichen wichtige Einrichtungen ohne Auto?
  • Wie stark werden Bürgerinnen und Bürger an Entscheidungen beteiligt?

Eine Stadt wird nicht dadurch erfolgreich, dass sie viel baut. Sie wird dadurch erfolgreich, dass Menschen gerne in ihr leben.

Klimapolitik ist Gesundheitspolitik

Besonders überzeugend ist Khans Ansatz, Umweltpolitik nicht als Verzichtsprojekt zu verstehen. Saubere Luft bedeutet weniger Asthma. Mehr Grün bedeutet weniger Hitzetote. Weniger Autoverkehr bedeutet weniger Lärm und mehr Lebensqualität. Diese Perspektive fehlt in vielen deutschen Debatten. Zu oft wird Klimaanpassung als Zusatzaufgabe behandelt. Als etwas, das man macht, wenn Geld übrig bleibt.

Die Realität ist genau umgekehrt. Gerade Städte müssen lernen, dass Klimaanpassung zur Daseinsvorsorge gehört – genauso wie Schulen, Straßen oder Krankenhäuser. Die jüngsten Untersuchungen der Deutschen Umwelthilfe haben Offenburg beim Hitzeschutz bundesweit auf den letzten Platz gesetzt. Das sollte nicht als Imageproblem verstanden werden. Es ist ein Gesundheitsproblem.

Was Offenburg lernen kann

Das wichtigste Lernfeld aus diesem Buch ist vielleicht die Frage nach den Prioritäten. Nicht jedes Großprojekt ist falsch. Nicht jede Investition ist überflüssig. Aber jede Stadt muss sich regelmäßig fragen:

Verbessern wir gerade das Leben der Menschen oder vor allem das Bild der Stadt?

Eine lebenswerte Stadt entsteht selten durch ein einzelnes Leuchtturmprojekt. Sie entsteht durch tausend kleine Entscheidungen:

  • einen zusätzlichen Baum,
  • einen sicheren Zebrastreifen,
  • eine bezahlbare Wohnung,
  • einen schattigen Platz,
  • einen guten Busanschluss,
  • einen Spielplatz,
  • einen breiteren Gehweg.

Diese Dinge schaffen selten große Schlagzeilen. Aber sie entscheiden darüber, ob Menschen gerne in einer Stadt leben.

Fazit

Atmen – Wege in eine grünere Welt ist kein theoretisches Fachbuch und keine wissenschaftliche Abhandlung. Es ist ein politischer Erfahrungsbericht aus einer der größten Städte Europas.

Gerade deshalb lohnt die Lektüre. Denn hinter den Londoner Beispielen verbirgt sich eine einfache Erkenntnis: Die Zukunft einer Stadt entscheidet sich nicht an ihren Prestigeprojekten. Sie entscheidet sich dort, wo Menschen wohnen, gehen, spielen, atmen und leben. Vielleicht ist das die wichtigste Frage, die wir uns auch in Offenburg stellen sollten:

Welche Projekte werden in zwanzig Jahren tatsächlich dafür gesorgt haben, dass das Leben der Menschen besser geworden ist?

Siehe auch

  • https://www.alexander-verlag.com/programm/titel/atmen.html

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