Ein Buchcover mit einem historischen Rathaus im Hintergrund und einer offenen Aktentasche mit einem Schlagring, einer Bananenschale und verstreuten Papieren im Vordergrund. Über das Bild verteilt sind deutscher Text und verschiedene Sätze zu sehen.

Wie man garantiert (k)ein Bürgermeister wird – Thomas Schumann

Es gibt Bücher, die entdeckt man zum richtigen Zeitpunkt. Und es gibt Bücher, die findet man wenige Tage vor einer Oberbürgermeisterwahl und denkt: Warum eigentlich erst jetzt?

Thomas Schumanns gerade erschienenes Buch trägt den wunderbaren Titel „Wie man garantiert (k)ein Bürgermeister wird!“. Darunter steht: „58 todsichere Wege, im Rathaus wahnsinnig zu werden – und 9 gute Gründe, trotzdem anzutreten.“

Nach Monaten eines ziemlich intensiven Offenburger OB-Wahlkampfs konnten wir da natürlich nicht vorbeigehen. Und nach einem Blick ins Buche ist klar: Das ist weit mehr als eine Sammlung lustiger Bürgermeister-Anekdoten.

Der Bürgermeister kann alles. Angeblich.

Schumann beginnt mit einem ziemlich wirkungsvollen Perspektivwechsel. Von einem Bürgermeister erwarten wir gleichzeitig Führungsstärke, Bürgernähe, wirtschaftlichen Sachverstand, Verwaltungskompetenz, Visionen und Bodenständigkeit. Und wenn irgendwo etwas schiefläuft? Dann soll es ebenfalls der Bürgermeister richten.

Der Unterricht fällt aus, die Straße ist kaputt, eine Baustelle kommt nicht voran, die Stadtkasse ist leer – irgendwann landet nahezu jedes kommunale Ärgernis beim Rathauschef. Schumann beschreibt ihn deshalb sinngemäß als Projektionsfläche des Staates vor Ort.

Das ist lustig geschrieben. Die dahinterliegende Frage ist allerdings ziemlich ernst: Wissen wir eigentlich, was ein Oberbürgermeister wirklich kann – und was nicht? Diese Frage hätten wir im Offenburger Wahlkampf vielleicht häufiger stellen sollen.

Denn bei Kandidatenvorstellungen und Podien entsteht schnell der Eindruck, als würden wir jemanden suchen, der nach der Wahl persönlich Verkehr, Wohnungsbau, Sicherheit, Wirtschaft, Landesgartenschau, Klimaanpassung, Schulen, Haushalt und gesellschaftlichen Zusammenhalt in Ordnung bringt. So funktioniert eine Stadt nicht.

Macht haben – und trotzdem nicht einfach machen können

Schon die ersten Kapitel handeln deshalb auch von einem Widerspruch des Amtes. Ein Bürgermeister besitzt Gestaltungsmöglichkeiten. Gleichzeitig arbeitet er innerhalb eines Geflechts aus Gemeinderat, Verwaltung, Haushaltsrecht, Landes- und Bundesrecht und vielen weiteren Zuständigkeiten.

Der vermeintliche „Macher“, der einfach einmal auf den Tisch haut und anschließend wird umgesetzt, ist damit selbst ein politisches Märchen.

Vielleicht sollten wir bei einer OB-Wahl deshalb weniger fragen: „Was wirst du machen?“ Und häufiger: „Wie wirst du dafür sorgen, dass wir es gemeinsam hinbekommen?“ Das ist ein ziemlich großer Unterschied.

Dickes Fell, aber bitte keine dicke Haut

Besonders schön ist Schumanns Kapitel „Vom dicken Bauch und der dünnen Haut“. Hinter dem Humor steckt ein bemerkenswerter Gedanke. Wer Bürgermeister wird, muss Kritik aushalten können. Gleichzeitig darf er sich nicht so sehr gegen Kritik abschotten, dass er die Menschen nicht mehr erreicht. Man braucht also gleichzeitig Widerstandskraft und Empathie.

Auch das lässt sich auf einen Wahlkampf übertragen. Denn dort wird viel darüber gesprochen, wer schlagfertig ist, wer auf unangenehme Fragen sofort eine Antwort findet und wer auf einem Podium besonders souverän erscheint. Vielleicht sind aber ganz andere Fähigkeiten mindestens ebenso wichtig: zuhören, Unsicherheit aushalten, Fehler eingestehen und die Perspektive anderer Menschen verstehen.

Und dann kommen 58 Möglichkeiten, alles falsch zu machen

Das Inhaltsverzeichnis liest sich nach unseren vergangenen Monaten stellenweise verblüffend vertraut. Da begegnen uns Social-Media-Kritik und öffentliche Erwartungen, Verwaltung und Haushalt, persönliche Angriffe und Verantwortung. Später kommen die Wahlkampffallen: Fachwissen, mit dem man Menschen erschlägt; der Kampf um Aufmerksamkeit im Netz; die Reduktion auf ein einziges Thema und die Inszenierung perfekter Kandidatenbilder.

Wir mussten bei einigen Kapiteln ziemlich lachen. Vielleicht auch deshalb, weil wir inzwischen wissen, wie schnell man mitten in solchen Mechanismen steckt.

Und dann dreht sich das ganze Buch

Das eigentlich Interessante passiert aber nach den 58 Warnungen. Schumann hätte sein Buch dort beenden können: Bürgermeister sein ist anstrengend, undankbar und manchmal absurd. Finger weg. Tut er aber nicht.

Stattdessen folgen Kapitel wie „Das schönste Amt der Welt – Warum es sich trotzdem lohnt“, „Das Ende des Stammtischs – Verantwortung übernehmen statt kommentieren“ und „Das Fundament der Republik – Demokratie wird vor Ort gemacht“.

Und schließlich die vielleicht einfachste Antwort auf die ganze Frage: „Irgendjemand muss es ja machen.“ Damit bekommt der ganze Spott plötzlich einen anderen Sinn.

Demokratie wird vor Ort gemacht

Vielleicht ist das der Grund, weshalb uns dieses Buch gerade jetzt begegnet. Kommunalpolitik kann unglaublich kleinteilig sein. Es geht um Straßen, Bäume, Parkplätze, Baugebiete, Öffnungszeiten, Haushaltsstellen und manchmal tatsächlich um Dinge, bei denen Außenstehende nur den Kopf schütteln.

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